Gavron, Assaf: Ein schönes Attentat
Aus dem Hebräischen von Barbara Linner
Hardcover: Luchterhand, 2008
(2006)
Mir ist, als hätte ich …
An sich wollte ich an “Ein schönes Attentat” ein wenig herumnörgeln. Dass Assaf Gavron dem Israel-Dilemma auch nicht viel Neues hinzuzufügen vermag, hätte ich geschrieben. Es sei unglaubwürdig, dass einer drei Attentate hintereinander überlebt, an denen noch dazu immer derselbe Palästinenser beteiligt ist, und dass die beiden dann auch noch “zufällig” aufeinandertreffen würden, hätte ich geschrieben. Weiters wirke es konstruiert, dass der Attentäter im Koma läge und sich chronologisch an seine Geschichte erinnern würde, hätte ich geschrieben.
Dennoch, hätte ich geschrieben, hätten die beiden Hauptfiguren auf mich interessant und lebendig (sic!) und bis zu einem gewissen Grad sympathisch gewirkt, hätte ich die Beschreibung der Attentate als sehr anschaulich und eindringlich erlebt, hätte mich dieses Buch etwas ratlos zurückgelassen.
Doch dann “geschah” der erste Selbstmordanschlag in Israel seit einem Jahr. Der Anschlag ereignete sich vor dem Eingang zu einem Einkaufszentrum. Bei der Explosion riss der Attentäter eine israelische Frau mit in den Tod. Eine halbe Stunde später kam nach Augenzeugenberichten ein zweiter Attentäter aus einem Versteck gerannt und wurde von einem Polizisten überwältigt, bevor sein Sprengstoffgürtel explodieren konnte.
Zum Anschlag bekannte sich eine militante Gruppe mit Verbindungen zur Fatah-Partei des palästinensischen Präsidenten Mahmud Abbas. Die radikalislamische Palästinenserorganisation Hamas bezeichnete den Anschlag, bei dem nach Angaben des Sprechers der Rettungskräfte zehn weitere Menschen verletzt wurden, als “heldenhafte Tat”. Abbas selbst verurteilte den Anschlag, die israelische Regierung kündigte Reaktionen an.
Und mir fiel auf, dass solche Nachrichten, seitdem ich “Ein schönes Attentat” gelesen habe, nicht mehr bloß abstrakte News sind, die ich im Kurzzeitgedächtnis speichere, sondern ich verbinde sie mit etwas, das ich gleichsam miterlebt oder an das ich so etwas wie Erinnerungen habe. Mir ist, als hätte ich jemanden gekannt, dessen Familie vertrieben worden ist, der eine schlechte Behandlung durch Israelis miterlebt hat und der in die – je nach Standpunkt – richtigen oder falschen Kreise geraten ist.
Und seitdem ich “Ein schönes Attentat” gelesen habe, ist mir, als würde ich jemanden kennen, der sich früher ab und zu gefragt hat, ob er nicht in ein Attentat verwickelt werden könnte. (Dabei kenne ich tatsächlich jemanden, der eine Weile in Israel gelebt hat und genau aus dieser Furcht heraus zurückgekommen ist und dessen Berichte mir seltsamerweise viel weniger greifbar sind als die von Gavron.) Und der nach einem Attentat (oder eben mehreren) nicht wie bisher weiterleben kann, sondern ein Überlebender ist, der sich kaum mehr zurechtfindet.
Und ob Gavron dies nun beabsichtigt hat oder nicht – diese Spuren hat sein Roman bei mir oder in mir hinterlassen.
Von Werner Schuster
Ein schönes Attentat bei Amazon.
Über Assaf Gavron bei Randomhouse,
mehr von Luchterhand bei “Eselsohren”.








