Virginia Woolf

Virginia Woolf war nicht bloß jene Frau, die lange kein Zimmer für sich allein hatte. Die Schriftstellerin hatte nicht einmal eine ihr entsprechende Bildung genossen, sondern sich ihr Wissen mehr oder weniger im Selbststudium angeeignet. Schon von daher müssen wir uns Woolfs biografischem Hintergrund widmen, bevor wir uns ihres Werks annehmen, das – neben dem von Joyce – eine Wende für die Erzähltechnik eingeläutet hat.

Virginia Woolf mit ihrem Vater

Virginia mit ihrem Vater Leslie Stephen, 1902
© Unbekannter Fotograf

Virginia Woolf wurde am 25. Jänner 1882 in London geboren und wuchs im großbürgerlichen Milieu des viktorianischen England auf. Ihr Leben lang litt sie unter wiederkehrenden psychischen Krisen. 1912 heiratete sie Leonard Woolf. Zusammen gründeten sie 1917 den Verlag „The Hogarth Press“. Ihr Haus war eines der Zentren der Künstler und Literaten der Bloomsbury Group. Am 28. März 1941 nahm Virginia Woolf sich das Leben.

Die Jungen kamen nach Cambridge

Virginias Mutter Julia war eine kluge, adelige Frau mit großem Schönheitssinn, die sich ihrem gleichermaßen despotischen wie depressiven Mann Leslie Stephan unterordnete. Der arbeitete als Journalist und Historiker.

Bald bestand die Familie aus acht Kindern: vier gemeinsamen, drei aus Julias erster Ehe und einem schwachsinnigen Mädchen aus Leslies erster Ehe. Die Jungen kamen auf die Public School, dann nach Cambridge, die Mädchen wurden zu Hause unterrichtet, meistens von den Eltern, machmal von Hauslehrern.

Bis zu Julias Tod 1895 war das Haus in London ein liberaler Treffpunkt für die intellektuelle Elite. Die Kinder – auch die Mädchen – durften zuhören: „Mit dem Tod meiner Mutter war das fröhliche, abwechslungsreiche Familienleben, das sie aufrechterhalten hatte, für immer zu Ende. Statt seiner senkte sich eine düstere Wolke auf uns herab“, schrieb Woolf später in „Eine Skizze der Vergangenheit“. Beeinflusst vom sich seinem Leiden hingebenden Vater, stellte die Familie lange Zeit jede Tätigkeit ein. „Ein Finger schien sich auf unsere Lippen gelegt zu haben.“

Unsittlich berührt

Virginias Schwester Stella übernahm die Aufgaben ihrer Mutter. Stellas Bruder George meinte, den Stiefschwestern gegenüber eine Art Vaterrolle spielen zu müssen. Psychoanalytiker und Biographen beschreiben, dass er Virginia missbraucht oder zumindest öfter unsittlich berührt haben und damit einen der Auslöser für ihre manisch-depressive Erkrankung gesetzt haben könnte.

Andere Wissenschaftler weisen auf die genetische Prädisposition ihrer Familie hin. So litt Virginias Vater unter Anfällen von Selbstzweifeln und Überlastungssymptomen, die sich in hartnäckigen Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit, Reizbarkeit und Angstzuständen äußerten. Über ähnliche Beschwerden klagte später auch die Tochter.

Bewundern, trösten und beschimpfen lassen

Als Stella 1897 heiratete (und im selben Jahr starb), musste Virginias achtzehnjährige Schwester Vanessa ihre Nachfolge antreten. Diese bot ihrem Vater Widerstand, der Frauen einerseits als Abladeplatz seiner üblen Launen benutzte, sich andererseits aber gern von ihnen bewundern und trösten ließ.

Neben ihren häuslichen Pflichten hatten Vanessa und Virginia von zehn Uhr bis in den Nachmittag hinein frei. Während dieser Zeit machte Virginia ihre – auch lateinischen oder griechischen – Hausarbeiten. Danach mussten sie mit den zahlreichen Gästen Konversation machen: „Unten im Haus herrschte die reine Konvention, oben der reine Intellekt. Aber es gab keine Verbindung zwischen den beiden.“

Schließlich wurde beim Vater Krebs diagnostiziert. 1902 gab man ihm noch ein halber Jahr zu leben, 1904 verstarb er.

Die Schwestern waren frei. Was würden sie mit ihrer Freiheit anfangen?


Die legendäre Bloomsbury Group und der Lebenspartner

Leonard und Virginia Woolf

Leonard und Virginia 1912, kurz vor ihrer Hochzeit.
© Unbekannter Fotograf

Nach dem Tod des tyrannischen Vaters unternahmen seine Kinder und Stiefkinder eine Reise auf den Kontinent, die für Virginia schlimm endete: Sie hatte Kopfschmerzen, Herzbeschwerden und Alpträume, hört Stimmen und unternahm einen Selbstmordversuch.

Ein halbes Jahr dauerte dieses Martyrium an. Währenddessen – das Haus in Kensington hatte man aufgegeben – kümmerte sich Vanessa um den Umzug nach Bloomsbury. Das war keine gute Adresse, jedoch ein Viertel der Bohemiens.

Bloomsbury Group

Diese kamen denn auch zu den von Bruder Thoby initiierten Donnerstagstreffen, bei denen auf hohem Niveau diskutiert wurde. Die Gruppe von KünstlerInnen, Intellektuellen und WissenschaftlerInnen hatte großen Einfluss auf Englands kulturelle Modernisierung. Petra Kipphoff schrieb über „Bloomsbury: ein Stadtteil, eine Clique, ein Mythos“ 1974 in der Zeit: „Man probte nicht den Aufstand, aber man probierte die Verwandlung. Man wechselte die Häuser, die Geschlechter, die Rollen. Man war albern und todernst und sehr gescheit. Alles war erlaubt, außer Dummheit, Stilbruch, Halbherzigkeit.“

Hochzeiten

Als Vanessa überraschend heiratete, zog Virginia mit ihrem Bruder Adrian in eine andere Wohnung – und veranstaltete selbst Treffen der immer größer werdenden Clique. Dabei schaute 1904 auch ein gewisser Leonard Woolf kurz vor seiner Abreise in den Kolonialdienst auf Ceylon vorbei. Bei einem gemeinsamen Freund erkundigte er sich Jahre später, ob er bei Virginia Chancen hätte. – Er hatte.

Diese suchte keinen sexuellen, sondern einen Lebenspartner und den fand sie in Leonard auch. Er war für sie da, wenn sie unter Depressionen und Wahnvorstellungen litt, und auch, wenn sie gereizt, aggressiv und gewalttätig wurde.

Leonards Lebensführungsplan

Leonard arbeitete für sie einen Lebensführungsplan aus, der gesunde Ernährung und viel Ruhe vorsah. Er verordnete ihr feste Liegezeiten und schränkte Besuche ein. Diese Maßnahmen sind später von Feministinnen scharf kritisiert worden, allerdings erlebte Virginia über 20 Jahre lang keine schwere Krise mehr.

Geld hatten sie anfangs wenig. Die Zinsen aus Virginias Erbe trugen ihr jährlich etwa 400 Pfund ein, Leonard erhielt knapp 260 Pfund als ehemaliger Kolonialbeamter. Sie unterhielten zwei Wohnsitze, beide lebten als freie SchriftstellerInnen, schrieben auch für Zeitungen. – In dieser bescheidenen finanziellen Situation gründeten Virginia und Leonard einen Verlag und schafften sich eine Druckerpresse an.


Hogarth Press und die experimentellen Romane

Stephen Tomlins Virginia-Woolf-Büste auf der Mauer von Monks House
© Oliver Mallinson Lewis

Warum sich die Woolfs eine Druckerpresse anschafften, lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen. Angeblich wollte Leonard Virginia eine manuelle Beschäftigung verschaffen, auf der anderen Seite beabsichtigen beide, ihre Werke selbst zu veröffentlichen und sich so von Verlagen unabhängig zu machen.

Jedenfalls brauchten sie ungefähr zwei Monate, um die 150 34-Seiten-Exemplare ihrer ersten Publikation – mit je einer Erzählung von Virginia und Leonard – herzustellen. Bald legten sie sich eine bessere Maschine zu und bis 1932 setzen, druckten und banden sie ihre Bücher selbst und besorgten auch den Vertrieb.

Hogarth Press

Der Verlag Hogarth Press schrieb von Anfang an Gewinne (wenn man die Arbeitsstunden unberücksichtigt lässt) und wurde schließlich zu einem der renommiertesten Verlage der britischen Literaturszene. Als Lektorin entdeckte Virginia Woolf etwa T. S. Eliot, publizierte amerikanische und russische AutorInnen sowie etwa auch Svevo, Rilke, Keynes und Freud. – Nicht veröffentlichen wollte sie Sartre, Auden, Bellow und Joyce.

Die wichtigste Autorin war jedoch sie selbst: Ab ihrem dritten Roman, „Jacob’s Room“ (1922), erschienen ihre Werke bei Hogarth Press. 1929 verdiente sie damit ca. 3.000 Pfund (– in dem im selben Jahr veröffentlichten berühmten Essay „A Room of One‘s Own“ sprach sie davon, dass eine Frau außer einem Zimmer für sich allein im Jahr 500 Pfund zur Verfügung haben sollte, um selbständig sein zu können. – Mehr dazu hier.)

Orlando

Mit diesem Essay wurde die außerhalb Englands kaum bekannte Virginia Woolf ab den 1970er Jahren von der Frauenbewegung für sich entdeckt. Doch Woolf war, wenn überhaupt, nicht bloß eine Vorreiterin dieser Bewegung, sondern zählt neben Joseph Conrad, James Joyce und D. H. Lawrence zu den wichtigsten AutorInnen der modernen englischen Erzählliteratur.

Damit ist nicht ihr – seit der Verfilmung 1992 – bekanntes Buch „Orlando“ (1928) gemeint, den zu verfassen für sie wie Urlaub gewesen sein soll (Orlando ist ein junger Adeliger, der gut 300 Jahre lebt. Ein zentrales Ereignis ist die Wandlung Orlandos zur Frau, womit Woolf die Rollen von Mann und Frau hinterfragt), sondern die experimentellen Romane.

Die experimentellen Romane

In „Mrs Dalloway“ (1925) stellte Woolf das Geschehen durch die Gedankenwelt, die Stimmungen und Eindrücke der verschiedenen Romanfiguren dar. In „To the Lighthouse“ (1927) wird auf eine traditionelle Handlung verzichtet, die Hauptfigur spiegelt sich im Bewusstseinsstrom der anderen Figuren wider. In „The Waves“ (1931) gibt es keine berichtende Erzählerin, keine greifbare Handlung, keinen bestimmten Schauplatz; das Werk besteht ausschließlich aus den inneren Monologen von sechs ProtagonistInnen.

Dazwischen schrieb sie auch eher konventionelle Romane, mehr als 500 ebenso kluge wie kritische und ironische Essays, Buchbesprechungen (zum Geldverdienen) und Briefe, welche auch ihre unterhaltsame und humorvolle Seite zeigen. Ihr Hauptwerke zu verfassen kostete Woolf jedenfalls enorm viel Kraft, was sie gesundheitlich, vor allem psychisch, sehr belastete. Oft löste die Furcht vor negativer Kritik und Unsicherheit über ihr eigenes Werk Krankheitsschübe aus.

Selbstmord

Nachdem ihr Zustand längere Zeit relativ stabil geblieben war, resignierte sie vor einem abermaligen Ausbruch ihrer Krankheit. 1919 hatten die Woolfs das Monks House in Sussex gekauft. Nachdem England Deutschland 1939 den Krieg erklärt hatte, lebten sie ausschließlich dort.

Hier vollendete Virginia Woolf Ende 1940 ihren letzten Roman „Between the Acts“, der die Frage nach der Abstammung, den Gemeinsamkeiten und den Unterschieden zwischen Mensch und Tier behandelt. Als sie ihn nicht veröffentlichen wollte, ahnte Leonard, dass sie langsam wieder in ihren Wahn hineintrieb. Am 28. März 1941 schrieb sie an ihn: „Ich glaube, dass wir eine solche schreckliche Zeit nicht noch einmal durchmachen können. Ich höre Stimmen, und ich kann mich nicht konzentrieren. Darum tue ich, was mir in dieser Situation das Beste scheint. Ich kann dein Leben nicht länger ruinieren.“

Sie verließ das Haus und ertränkte sich, in einem mit Steinen beschwerten Mantel, in einem Fluss.

Werner Schuster


Quellen:
– Rowohlt-Monographie Virginia Woolf von Werner Waldmann
– Wikipedia: Virginia Woolf, Bloomsbury Group, Leonard Woolf

Zur Besprechung von „Ein eigenes Zimmer“ bei den Eselsohren.

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Ein eigenes Zimmer
Die Wellen


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