05/12/2012von 9.720 Views – 1 Kommentar

Padgett, Abigail: Blue

Krimi
Broschiert
372 Seiten
Erschienen 2012 bei Prospero
Ais dem Englischen von Jutta Lützeler
Originalausgabe: „Blue”, 1998

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Inhalt:

Affen, Zahlen und Statistiken bestimmen den Arbeitsalltag der Sozialpsychologin Blue McCarron, die mit ihrer Hündin Brontë in einem verlassenen Motel in der Wüste Kaliforniens lebt. Dass ausgerechnet Blue mit den privaten Ermittlungen in einem Mordfall beauftragt wird, erscheint zunächst verwunderlich – jedoch bei weitem nicht so skurril wie der Fall selbst. (Pressetext)

Kurzkritik:

Ein anspruchsvoller Krimi, feministisch, intelligent, gut recherchiert – und bei allem Anspruch angenehm „normal“. Und nebenbei lernt man auch Wissenswertes über Sozialpsychologie – über das Primatenverhalten von Männern und das gemeinschaft-schaffende Verhalten von Frauen etwa.

Eva gibt  ★★★★½  (4,5 von 5 Eselsohren)

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Besprechung:

Verworren, vernetzt, verblüffend

Blue McCarron, Dr. der Sozialpsychologie, lebt mit ihrer Hündin Brontë in der Wüste Kaliforniens, in einem Motel, das nie fertiggebaut wurde. Sie hat sich ihr Leben möglichst simpel und reizfrei gestaltet, nachdem ihre Liebhaberin Misha sie von einem Tag auf den anderen ohne Begründung verlassen hat.

Ohne finanzielle Sorgen – sie führt sozialpsychologische Analysen für ein Einkaufszentrum durch, um dessen Umsatz zu steigern – planscht sie in ihrem Pool, unternimmt lange Wanderungen in der Wüste und hat ansonsten wenig Interesse am Leben. Bis eine Leiche auftau(ch)t. Der Tote lag 5 Jahre lang in einem Kühlhaus versteckt, als ein Stromausfall die Angelegenheit ans Tageslicht bringt.

Muffin Crandall will die Täterin sein

Der Bruder der angeblichen Mörderin hat das Buch gelesen, das Blue geschrieben hat, und glaubt, dass Blue seiner Schwester helfen kann, denn er ist fest davon überzeugt, dass Muffin Crandall, eine liebenswerte, schrullige ältere Dame, den unbekannten Toten nicht mit einem Briefbeschwerer erschlagen hat.

Doch Muffin Crandall behauptet dennoch steif und fest, die Täterin zu sein, erzählt ihre Geschichte immer wieder bis ins Detail und scheint in einem Zustand fortschreitender Demenz zu sein. Und Blue glaubt ihr kein Wort.

Geschickt

Danach entwickelt sich eine sehr komplexe Geschichte, deren Handlungsstränge zeitlich, räumlich und zwischenmenschlich vernetzt und verwoben sind, und die sich sehr behutsam und langsam aufrollt. Was zum Lesegenuss stark beiträgt: Dieses Rätsel ist nicht leicht zu knacken, und das Geschick, wie Figuren und Handlungen, die offenbar nichts miteinander zu tun haben können, allmählich doch zueinander finden, macht die Lektüre des Buches zu einem Vergnügen.

Schlägertypen

Da grassiert eine geheimnisvolle Urban Legend über eine straffällige Jugendliche namens Frankie Lopez in dem Jugendgefängnis, in dem Blue unterrichtet. Was aber hat diese Legende mit den drei älteren Frauen zu tun, die in irgendeiner Weise in den Kühlhaus-Mord verstrickt sind? Wieso reagiert Blues Patentante erschrocken und zornig auf die Tatsache, dass Blue in einem anderen Staat, weit entfernt von ihr, in einem Mordfall ermittelt? Wer hat die beiden Schlägertypen angeheuert, die Blue verfolgen, obwohl sie sich aus der Angelegenheit bereits zurückgezogen hat? Und wie passt Blues Exloverin Misha, die vor zwei Jahren angeblich nach Neuseeland ausgewandert ist, ins Bild? Lassen Sie sich überraschen!

Elegant und feminin

Dieses Buch ist sehr figurenreich (ein Beispiel: die lesbische schwarze Psychiaterin Rox Bouchie, die in ihrer Freizeit ausgerechnet Line-Dancing unterrichtet); dennoch erscheinen alle Männer und Frauen glaubhaft, plastisch und lebendig, mit hohem „Wiedererkennungswert“. Auch die Geschichte selbst ist glaubhaft, obwohl sie, wie schon angedeutet, sehr verworren, vernetzt und geheimnisvoll erscheint. Doch die Sprache (und somit auch die Übersetzung) hat mich am meisten beeindruckt: Anspruchsvoll und dennoch leicht zu lesen, elegant und feminin, kommt sie ganz ohne Flapsigkeit und Rauheit aus und passt so wunderbar zur Geschichte.

Facit

Und nebenbei lernt man auch Wissenswertes über Sozialpsychologie – über das Primatenverhalten von Männern und das gemeinschaft-schaffende Verhalten von Frauen etwa.

Ein anspruchsvoller Krimi also, feministisch, intelligent, gut recherchiert – und bei allem Anspruch angenehm „normal“.

Von Eva Schuster

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Infos:

Abigail Padgett wuchs in Vincennes, India auf und studierte Englische Sprache und Literatur in Indiana, Washington und Missouri. Sie war zunächst als Highschool-Lehrerin tätig und lehrte später Kreatives Schreiben als College-Dozentin in San Diego und Boston. Zwischenzeitlich leitete Padgett das Büro der Amerikanischen Bürgerrechtsunion ACLU in Houston und arbeitete als Anwältin für psychisch kranke Menschen. Neben diesen vielseitigen Tätigkeiten blieb und bleibt – als langjähriger Fan von Edgar Allan Poe, Algernon Blackwood und den Graveyard Poets – allerdings immer auch Zeit zum Schreiben. Padgetts Kriminalromane sind mittlerweile mehrfach übersetzt und verfilmt worden. Heute lebt die Hundefreundin Abigail Padgett mit ihrem Dackel in San Diego und Frankreich.

Mehr über Abigail Padgett bei Wikipedia.

1 Kommentar zu "Padgett, Abigail: Blue"

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