15/12/2010von 590 Views – 0 Kommentare

Nizon, Paul: Am Schreiben gehen #3+4

KurzinfoWas meinen Sie?ZusammenfassungInfos

  • Frankfurter Vorlesungen 3&4
  • Taschenbuch
  • Erschienen 1985 bei Suhrkamp


Inhalt:

Paul Nizon hat, als Gastdozent für Poetik an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt im Sommer 1984, seine Vorlesungen unter den Titel gestellt: „Am Schreiben gehen“. Mit dieser Formulierung bezieht er sich auf seine Art „Schreibfanatismus“, seinen „Krückstock“. „Weder Lebens- noch Schreibthema, bloß Matiere, die ich schreibend befestigen muß, damit etwas stehe, auf dem ich stehen kann.“ Er versteht sich als einen „vorbeistationierenden Autobiographie-Fiktionär“. Das Passantische im Wort „vorbeistationieren“ meint ein „vorübergehendes Ansässigsein“. (Pressetext)

Kurzinfo:

In der dritten Vorlesung widmete sich Paul Nizon dem Gestaltannehmen von „Das Jahr der Liebe“ – einem „Hergang, der außerhalb des Willenbereiches eines Autors verläuft“. Die vierte Vorlesung hatte Stoff, Form, Struktur, Aussage und Thematik zum Thema.

Bewerten, kommentieren, kaufen

Haben Sie dieses Buch gelesen?
Bewerten Sie es mit nur einem Klick! schlechthalbwegsmittelgutsehr gut
(Noch keine Bewertung)
Loading...Loading... Sie können auch einen Kommentar schreiben.

Und hier können Sie das Buch bestellen:
– in einer Buchhandlung in Ihrer Nähe
– bei Amazon als Taschenbuch
Zusammenfassung:

Über die dritte Vorlesung

In der dritten Vorlesung, „Ein Buch inkubieren“, widmete sich Paul Nizon dem Gestaltannehmen von „Das Jahr der Liebe“ – einem „Hergang, der außerhalb des Willenbereiches eines Autors verläuft“.

Keimzelle war für ihn die Idee zu einem „Das Zimmer oder der Koffer“ genannten Text aus den sechziger Jahren (!). Zimmer hatten für ihn „immer schon fetischistische Bedeutung“: „Ich muss mit dem Werden eines Buches zusammenleben“.

Die grausame Verzauberung der Liebe

Er schwankte „zwischen einer spontanen subjektivistischen Perspektive und einer klassischen Erzählweise“, fand die Motive des Zimmers, der großen Stadt, der Liebe, wollte „von der grausamen Verzauberung der Liebe“ schreiben – „und dann begegnete mir die Liebe“.

Er entschied sich für ein „Ausschwärmen aus der Cella des Zimmers und ins Erzählen gleiten“. Er sah sich als Irrenden, Verlorenen, der „sich nun aufmacht, es (das Leben; Anm.) sich erzählerisch neu anzueignen“.

Inkubationsprozess

„In meiner Vorstellung geht es um ein Werk der Fiktion, ein romanartiges Gebilde, … – um den Gegensatz zwischen Kunst und Leben.“

„Erste richtige Formidee: ich habe einen Partner.“ (Daraus entwickelt sich die Figur Beat; Anm.)

Die Zeit von 1973 bis 1977 sah er als „Inkubationsprozess“ mit Motiven, stilistischen und formalen Vorstellungen. Er sprach von einem „Vorherwissen“, das wieder verloren ging, und glaubte, „das in mir schlummernde Buch habe das Leben diktiert und der Autor auf den Weg geschickt“.

Verstopfung

„Nach dem im Winter 79/80 schnell gelungenen Taubenmann pausierte ich unfreiwillig ein volles Jahr, bis die Verstopfung behoben war.“

Dann fand er den existentiellen Hintergrund für die drei Hauptmotive:

  • Das Zimmer („die Reduktion der Lebenssituation auf ein Schreibzimmer“)
  • Die Stadt („Entbindungsmacht der Metropole“)
  • Die Liebe („glänzte durch Abwesenheit, … aber sie erwärmte die Hoffnung“)

Und: „die Stunden flüchtiger Liebe waren das Komplement des Schreibens“.

Über die vierte Vorlesung

In der vierten Vorlesung, „Ein Buch schreiben“, geht es um Stoff, Form, Struktur, Aussage und Thematik von „Das Jahr der Liebe“. „Der Stoff kann aber nicht abgeführt, nicht umgesetzt werden, solange keine geeigneten Form- und Strukturvorstellungen bestehen.“

„Der erste Teil exponiert die Welt des Schachtelzimmers und die dazugehörige Schreibsituation amt Angst und Einsamkeit. Aber er kreist auch vage um den Taubenmann.“ – „Der Alte war die Spiegelfigur und als solcher der Köder gewesen.“ – „Ich war dabei, weitere Köder anzufertigen – um die Schwerpukte Sexus, Stadt, Schreiben.“

Komposition

„Das Buch wird aus vier Teilen bestehen, die aber nicht im Sinne von Kapiteln zusammenhängen, sondern vielmehr wie selbständige Säulen oder Orgelpfeifen nebeneinander rangieren, in sich schwingende Säulen oder Pfeifen. Sie gehören insofern zusammen, als sie insgeheim verschränkt sind. In jeder Säule oder Pfeife schwingt etwas von dem mit, was in der vorderen bewegt wurde, es springt etwas über von der einen zur anderen und durch alle hindurch, etwas wie Funkten; sonst gibt es keine und schon gar keine logische Verbindung.“

„Die Struktur wird orgelpfeifenartig sein, jeder Teil orgelt in sich, aber es fünkeln tragende Motive durch alle Tonsäulen, so dass auch ein Fluktuieren in der Horizontalen zustandekommt. Es ist alles einunddasselbe, es wird im Grunde derselbe Brei – wenn auch um einen je anderen Kern oder Schwerpunkt – übergewälzt. Die Technik ist eine Überwälzungstechnik.“

„Indem ich von den Schrecken der Freiheit, also Einsamkeit rede, rede ich auch von der Stadt; indem ich von der Stadt rede, muss ich auch vom Sexus reden; indem ich vom Sexus rede, rede ich im Grunde vom schreiben, rede ich wiederum von der Fremde, also von der Stadt, also vom Sexus …“

Ein Schriftsteller, der über sein Métier nachdenkt

„Der Rahmen – Einheit von Ort und Zeit – ist das Schachtelzimmer.“ – „Der Stoff hat durchaus realistischen Charakter.“ – „Der Stoff hat seine imaginäre Komponente: indem sich das Geschehen im Traumleben des Protagonisten fortsetzt oder als Traumleben auf ihn zurückkommt.“ – „Zum Stofflichen gehört ferner das Moment der Reflexion, (…); das Buch ist nicht nur die Geschichte eines Mannes, der sich über sich und sein Leben Gedanken macht, sondern auch eines Schriftstellers, der über sein Métier nachdenkt, und zwar schon darum, weil ihm dieses nicht selten problematisch erscheint.“ – „Das Schriftstellerleben als vordringliche, als zentrale Erfahrung.“

Nizon hatte „Material für einen Paris-Roman, Material für einen Liebesroman, Material für eine Schriftstellergeschichte, Material für eine Krisengeschichte, Material für einen Krankheit- und Heilungsbericht, Material für ein Erinnerungsbuch, Material für ein Traumjournal, erotisches Material …“

Linse, Optik und Fragestellung

„Nun ist aber dieses Material nicht beliebig zusammengekommen und verwertet worden, es ist durch eine bestimmte Linse in einer bestimmten Optik und unter einer geradezu zwanghaften Fragestellung gesichtet worden. Linse, Optik und Fragestellung gehören zur Situation eines Mannes, der von der Angst beherrscht wird, dass ihm das Leben entgleitet oder dass er dem Leben entfällt. Es ist die Frage wo ist das Leben, wo ist es hingekommen, wie ist es zu erreichen, mehr: zu gewinnen?, die den Stoff hervorzieht, traktiert und betreibt. (…) Und innerhalb dieser Fragestellung ist es die Unvereinbarkeit zwischen Lebenwollen und Schreibenmüssen, die das Opfer beutelt, die Unvereinbarkeit zwischen Leben und Kunst.“

„Es ist diese existentielle Problematik, die den Stoff sichtet und ordnet und wohl auch leitmotivisch durchzieht, und zwar in allen vier Teilen des Buches; sie gibt den Gesichtswinkel ab und sie färbt als eine beherrschende Thematik auf das Ganze ab. (…) Aber innerhalb der einzelnen Teile ist kein Plandenken im Spiel. Sie entstanden, um einen musikalischen Vergleich zu gebrauchen, wie Improvisationen zu einem Thema.“

Ein teuflisches Kalkül

„Das Schreiben ist dann eine hochkonzentrierte Angelegenheit, ein teuflisches Kalkül. Ich muss die diffizilste Distanz einhalten zu dem werdenden Text, gerade so als handle es sich um ein bereits existierendes Wesen; ich muss gleichzeitig blindlings mitten drin und weit außerhalb sein. Dann ist es möglich, das eigene Leben wie ein fremdes oder anderes Leben anzuschauen.“

„(…) kein Tagebuch oder Journal intime, kein Protokoll zu verfassen. (…) ein Buch der Fiktion zu schreiben.“

„(…) wenn die Verwandlung der Stoffe restlos gelingt: im Medium der Sprache. Es wäre die Verwandlung in einen autonomen sprachlichen Organismus.“

Ein verhinderter Romanschriftsteller

Nizon wollte „keinen Gesellschafts- oder Sittenroman“ schreiben, „auch keinen psychologischen Roman (…)”, Ziel war „das totale Aufgehen des Gegenstandes, Vorwurfs, Themas in einer tiefen Sprachwirklichkeit, die alles zum Leben Gehörige aus sich heraus erzeugt“.

„Ich bin wohl so etwas wie ein verhinderter Romanschriftsteller, und meine Bücher sind unter anderem auch Beschreibungen des Schriftstellers im Kamp um den Roman.“ – „Ich bilde mir ein, im Jahr der Liebe einen Roman mit nichts als Lebensgefühl wenigstens suggeriert zu haben.“

Wie in der Musik

„Das Vehikel ist die Sprache und deren Gewebe, das Sprachgewebe enthält die ganze Aussage.“ – „Das Vehikel ist die Sprache, eine Sprache allerdings, die, wie ich meine, mit Worttreppen, Wortkaskaden und dann wieder mit Pausen arbeiten kann, mit Ober- und Untertönen, melodischer Linienführung, Haupt- und Nebenmotiven, Verschlingung und Auflösung, Untermalung und Ausschweigung, mit Tempiwechsel, Orchestrierung – wie in der Musik.“ – „Die musikalische Sprachgebung erlaubt es, neben dem wörtlich Gesagten allerlei Ungesagtes mitzutransportieren, das den Leser in der Form von Schwingung erreicht. Im sprachmusikalisch verdichteten Lebensgefühl teilt sich wohl die geheimste Thematik mit.“

Von Werner Schuster

Interessiert? – Hier können Sie das Buch bestellen:
– in einer Buchhandlung in Ihrer Nähe
–… bei Amazon als Taschenbuch
 
Infos:

Paul Nizon ist der Sohn eines russischen Chemikers, seine Mutter stammte aus Bern. Nach der Reifeprüfung studierte er Kunstgeschichte, Klassische Archäologie und Germanistik an den Universitäten in Bern und München. 1957 wurde er mit einer Arbeit über Vincent van Gogh (Der frühe Zeichnungsstil. Untersuchung über die künstlerische Form und ihre Beziehung zur Psychologie und Weltanschauung des Künstlers) zum Dr. phil. promoviert. Anschliessend war er bis 1959 als wissenschaftlicher Assistent am Historischen Museum in Bern beschäftigt. 1960 hielt er sich als Stipendiat am Schweizer Institut in Rom auf. 1961 war er leitender Kunstkritiker der Neuen Zürcher Zeitung. Er gab den prestigeträchtigen Posten für ein unsicheres Leben in der Literatur auf. Der dazugehörige Entscheidungsprozess findet sich literarisch gespiegelt in Untertauchen. Protokoll einer Reise (1972).
Seit 1962 ist Nizon, der seit 1977 in Paris lebt, als freier Schriftsteller tätig. Er hatte verschiedene Gastdozenturen inne, etwa 1984 an der Universität Frankfurt am Main und 1987 an der Washington University in St. Louis.
Paul Nizon gehört seit 1971 dem Autorenverband Autorinnen und Autoren der Schweiz und seit 1980 dem Deutschschweizer P.E.N.-Zentrum an. Nizons Archiv befindet sich im Schweizerischen Literaturarchiv in Bern.

Mehr über Paul Nizon: bei Wikipedia und beim Suhrkamp-Verlag.

Schreiben Sie doch einen Kommentar

You must be logged in to post a comment.