22/03/2011von 1.866 Views – 1 Kommentar

Alvarez, Sergio: 35 Tote

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Buchcover Alvarez 35 Tote

  • Broschiert
  • 546 Seiten
  • Erschienen 2011 bei Suhrkamp
  • Aus dem Spanischen von Marianne Gareis
  • Originalausgabe: „35 muertos“, 2010


Inhalt:

Dem magischen Realismus von García Márquez‘ Hundert Jahre Einsamkeit setzt Sergio Álvarez mit 35 Tote einen kraftvollen Roman entgegen, der die jüngere Geschichte Kolumbiens genauso drastisch realistisch wie unterschwellig humorvoll erzählt. (Pressetext)

Kurzkritik:

Ein ausuferndes Buch, dessen Schrecken man sich nicht entziehen kann und das lehrt, was es bedeutet, im Bürgerkrieg zu überleben.

Werner gibt  ★★★★¾  (4,75 von 5 Eselsohren)

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Besprechung:

Ein Brennspiegel kolumbianischer Zustände

Neun Jahre hat Sergio Álvarez an diesem Roman gearbeitet, ist durch Kolumbien gereist und hat mit den Menschen gesprochen, um „die einzelnen Geschichten zu rekonstruieren“. Geschrieben hat er dann eine Mischung aus tragikomischem Schelmen- und Zeitroman.

Wir begleiten die Hauptfigur ab ihrer Zeugung durch das Kolumbien der Gegenwart: früh sterben Mutter und Vater, er lebt bei Verwandten am Land, wird dann von seiner Tante Cristinita nach Bogotá geholt, wo sie in revolutionäre Kreise geraten und eine marxistische Kommune gründen. Er wird Kleinkrimineller, Student, landet abwechselnd bei der Armee und beim Widerstand, bis er keine andere Möglichkeit mehr sieht als nach Spanien zu flüchten.

Polizei, Militär, Paramilitär, Guerillagruppen

Abwechselnd lässt Àlvarez diese Hauptfigur und verschiedene Nebenfiguren zumeist schreckliche Erlebnisse in der Ich-Form erzählen – in einer kraftvollen Sprach mit bösem Witz. Die vielen Episoden wirken realistisch, was durch die Unmöglichkeit, dass ein Mensch all das erleben kann, gebrochen wird.

Dadurch, dass so viele Schicksale in der Hauptfigur zusammengeführt werden, wird diese zum Brennspiegel kolumbianischen Zustände, das seit mehr als 40 Jahren von bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen Polizei, Militär, Paramilitär und Guerillagruppen bestimmt werden.

Es gibt keinen Rückzugsort vor dem Terror

Es gibt keinen Rückzugsort, auch im Privaten nicht, auch nicht in der Sexualität. Die Hauptfigur sagt: „Genausowenig wie ich die Frauen verstehe, die mir immer nur Unglück bringen, begreife ich, wie dieses Land funktioniert, wer auf welcher Seite steht und wo mein Platz ist.“ Auch im Exil findet ihn diese nicht. Dort herrscht nur mehr Tristesse – nach dem ununterbrochenen Terror im Geburtsland.

Ein ausuferndes Buch, dessen Schrecken man sich nicht entziehen kann und das lehrt, was es bedeutet, im Bürgerkrieg zu überleben.

Von Werner Schuster

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Infos:

Sergio Álvarez, geboren 1965 in Bogotá, Kolumbien, lebt in Barcelona. Er hat in der Werbe,- Fernseh- und Kinobranche gearbeitet, bevor er sich dem Schreiben zuwandte. Für die Recherche zu diesem Roman ist er viele Jahre durch sein Heimatland gereist. 35 Tote ist sein dritter Roman; er wird in zahlreiche Sprachen übersetzt.

1 Kommentar zu "Alvarez, Sergio: 35 Tote"

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  1. Tim Irion sagt:

    Mit Sergio Álvares’ “35 Tote” taucht der Leser gewissermaßen in die kolumbianische Gesellschaft ein, er schaut ihre “Seele”, die ihm doch befremdlich bleiben muss angesichts der dortigen Zustände und der Gewalt und des Fanatismus der Leute. Die Hauptfigur vereint in seinem Leben, von dem uns dieses Buch erzählt, das Schicksal vieler Personen in sich. In jedem zweiten Kapitel erzählt der Autor allerdings die Geschichte von anderen Personen, oft Nebencharakteren der Haupthandlung. Diese Kapitel werden ebenfalls in der Ich-Form geschrieben, was zunächst verwirrt, aber anschließend überzeugt. Jede dieser Episoden ist wie eine eigenständige Kurzgeschichte, die der Autor in seinen Roman eingebunden hat. Durch diese Geschichten und die das wendungsreiche Leben der Hauptfigur bietet der Autor einen Einblick in “sein” Kolumbien, der tiefer und intensiver wohl nicht sein könnte. Der Preis dafür ist aber, dass dem Roman eine Handlung im klassischen Sinne fehlt. Er ist vielmehr die Aneinanderreihung einzelner, meist dramatischer Stationen im Leben der Hauptfigur, die durch die “Kurzgeschichten” aufgelockert und angereichert werden. Dabei bleibt es aber nicht aus, dass das Buch bezüglich der Haupthandlung mitunter redundant wirkt, was auch der Autor nicht verhehlt, wenn er Sätze wie “und so stand ich also wieder einmal vor dem Nichts” (S.398) schreibt. Mir persönlich hätte das Buch noch besser gefallen, wenn es um die eine oder andere Episode aus dem Leben der Hauptfigur kürzer gewesen wäre.

    Insgesamt kann ich diesen Roman aber klar zur Lektüre empfehlen.

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