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Daniel Alarcón: Lost City Radio

BuchcoverRoman
Aus dem Amerikanischen von Friederike Meltendorf
Hardcover: Wagenbach, 2008
(„Lost City Radio”, HarperCollins, 2007)

Das Leben in Romanform

Ich weiß nicht, ob ich diesem großen Roman gerecht werden kann, aber ich versuche es – in Annäherungen:

1) Nach den ersten 20 Seiten habe ich eine Rubrik mit dem Titel „kurz: gut” einrichten wollen (mit dem Hinweis, dieses Buch sofort zu kaufen), es aber dann gelassen, weil ich mir dachte, ich schreibe eh bald drüber. Aber schließlich war mir dieses Buch zu schade, dass ich es in ein, zwei Zügen ausgelesen hätte (und dass ich diesbezüglich kein Langsamer bin, bezeugen die drei Rezensionen pro Woche.)

2) Sagen wir einmal, worum es geht: Ein Land in Südamerika nach einem Bürgerkrieg. Eine eher diktatorische Regierung hat den Krieg gewonnen. Die Radiomoderatorin Norma lässt in ihrer Staatsrundfunk-Sendung „Lost City Radio” Menschen nach Vermissten suchen. Eines Tages taucht ein 11-jähriger aus einem Dschungeldorf beim Sender auf – mit einer Liste von Vermissten. Darunter der Name von Normas Ehemann Rey. Sie schöpft Hoffnung und begibt sich mit dem Jungen auf die Suche nach dem seit zehn Jahren Verschwundenen. – War der Wissenschaftler Rey auch Untergrund-Aktivist? Was ist mit ihm im Internierungslager namens „Mond” geschehen? Was hat er im Dschungel außer zu forschen noch getan?

3) Aus diesem Setting hat Alarcón (fürs Erste einmal) nichts weniger als eine Metapher für ein Land während und nach dem Bürgerkrieg geschaffen (– der muss nicht in Südamerika stattgefunden haben; ich dachte ständig an den Jugoslawien-Krieg und glaube, jetzt zu wissen, wie es den Menschen dort ergangen ist).

4) Dieser Roman, der erste Alarcóns, ist schon ein Meisterwerk. Die Komposition ist atemberaubend: Der Autor erzählt nicht linear. Gegenwart und Rückblenden gehen nahtlos (und eben nicht konstruiert wirkend) ineinander über, die notwendige Information ist stets in eine Szene eingebettet, die über sich hinausweist, und dennoch verliert man den Faden nie. Alarcón schildert mit einer gleichermaßen „harten” wie lyrischen Sprache und beschreibt seine Figuren in einem nie psychologisierenden, schillernden „Spiel” aus Distanz und Nähe.

5) Diese Figuren wirken nicht nur authentisch, man erkennt sie auch in sich und anderen wieder – und zwar alle, die „Guten” wie die „Bösen”, sogar die UrwaldbewohnerInnen. – Das ist so nicht korrekt: Es gibt keine „Guten” und „Bösen” in diesem Roman, es gibt „nur” verschiedene Arten des Umgangs mit den Anforderungen des Lebens. Und so hat Alarcón – man verzeihe das Pathos – das Leben an sich abgebildet oder wiedergegeben.

6) Vielleicht hab ich’s jetzt: „Lost City Radio” ist so etwas wie ein Fraktal (= ein Objekt besteht aus mehreren verkleinerten Kopien seiner selbst), wobei dieser Roman eine verkleinerte (und natürlich eine literarische) Kopie, ja, des Lebens wäre.

Lost City Radio bei Amazon.

Über Daniel Alarcón bei Wikipedia (Englisch),
mehr von Wagenbach bei „Eselsohren”.

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