18/12/2008von 949 Views – 0 Kommentare

Die Eselsohren-Bestenliste 2008

Liebe LeserInnen,

im letzten „Was lesen?“ des Jahres 2008 weise ich auf jene Bücher hin, die mich heuer am meisten beeindruckt haben. Vielleicht sind da noch Ideen für Weihnachtsgeschenke (auch an sich selbst) dabei:

Nancy Huston: Ein winziger Makel (Rowohlt) – Für mich ist es der von Huston äußerst raffiniert komponierte vierstimmige Kanon, der dieses Werk außergewöhnlich macht, und natürlich die originelle Idee, diesen Kanon von Kinderstimmen “singen“ zu lassen (selbst wenn diese Sechsjährigen in vielerlei Hinsicht frühreif sind). Es fällt mir seit Tagen schwer, ein anderes Buch anzufangen, auch wenn es noch so gut konstruiert und geschrieben sein mag. Ich zögere nicht, “Ein winziger Makel“ ein Meisterwek zu nennen.

Anthony McCarten: Englischer Harem (Diogenes) – Diese Geschichte nimmt ihren Ausgang bei der jungen Engländerin Tracy, die eines Tages vor ihren Eltern steht und nicht nur feststellt, dass sie einen Iraner heiraten wird, sondern auch, dass der Zukünftige bereits zwei Frauen hat. Was den Stoff für eine (Gesellschafts-)Satire abgeben könnte, bekommt bei McCarten Shakespear‘sche Dimensionen: Hier können zwei nicht anders, als sich zu lieben, und ihre Mitmenschen können nicht anders, als ihrem Naturell nach zu reagieren.

Lewis Hyde: Die Gabe (Fischer) – Der Inhalt lässt sich verknappt nicht wiedergeben. Hyde spannt einen atemberaubenden Bogen vom Gabentausch kleiner Gemeinschaften über Reformation und amerikanischen Bürgerkrieg bis hin zur Gegenwart, von Volksmärchen über Walt Whitman und Ezra Pound bis hin zu Pablo Neruda; nein, er spannt keinen Bogen, er webt ein dichtes Netz aus Informationen.

Jonathan Tropper: Zeit für Plan B (Knaur) – Tropper schreibt in einer ausgewogenen Mischung aus Realismus und Fiktion, was ich sehr mag, beschreibt also, was tatsächlich geschehen hätte können – mit jenem gewissen Beisatz an “bigger than life“, der Romane interessant macht und merkwürdigerweise erst realistisch erscheinen lässt.

Boris Dezulovic: Gedichte aus Lora (Drava) – Boris Dezulovic lässt in seinen “Gedichten aus Lora“ die Täter eines Militärgefängnisses nahe Split während der Jugoslawien-Kriege zu Wort kommen. „Mein Ziel war es“, schreibt er in einem Nachwort, „beim Leser seelischen Schmerz zu erzeugen. – Ich habe die Poetik – aus der finster-obskuren Subkultur der Emigrantenkulturheime, Vorstadtkneipen und Internetforen in den Raum der so genannten bürgerlichen Kultur verlagert.“

James Canon: Der Tag, an dem die Männer verschwanden (Ullstein) – Dieser Roman ist eine Entdeckung – mit kleinen Einschränkungen.

John Cheever: Die Geschichte der Wapshots (Heyne) – Später, angesichts des leider zu Ende gegangenen Buches, überlegst du, wie du diesen Roman, in den du lange nicht hineingefunden hast, der dann plötzlich “spannend“ wurde und wie nebenbei deine eigene und die Existenz von dir mehr oder auch weniger bekannten Menschen wiedergespiegelt hat, wie du diesen Roman anderen ans Herz legen könntest.

John Twelve Hawks: Traveller und Dark River (Page & Turner) – Lasch gesagt: Super-Paranoia!

Colin Cotterill: Dr. Siri und seine Toten (Manhattan) – Für mich der Krimi des Jahres: In Laos löst ein 72-jähriger Pathologe wider Willen einen Fall auf nicht wirklich realistische Art und Weise.

Alan Bennett: Die souveräne Leserin (Wagenbach) – Andere bemühen sich, amüsante Bücher zu schreiben, – Bennett kann es.

Xiaolu Guo: Kleines Wörterbuch für Liebende (Knaus) – Xiaolu Guo ist mit „Kleines Wörterbuch für Liebende“ ein bereicherndes Buch gelungen. Es ist vor allem eine berührende, nicht erfunden wirkende Liebesgeschichte über eine junge Chinesin, die von ihren Eltern nach Großbritannien geschickt wird, um dort Englisch zu lernen (und damit den Familien-Schuhhandel internationaler zu machen). In London begegnet ihr ein älterer erfolgloser Bildhauer, der Geld als Botenfahrer verdient. Es sind nicht nur die sprachlichen und kulturellen Unterschiede, welche diese Beziehung scheitern lassen, aber auch.

Daniel Alarcón: Lost City Radio (Wagenbach) – Für mich das Buch des Jahres.

Ungerer/Hazen: Der Zauberlehrling (Diogenes) – Für Kinder, Eltern und andere anspruchsvolle LeserInnen

Alex Capus: Himmelsstürmer (Knaus) – Capus hat für diese Porträts von „kleinen Leute aus einem kleinen Land, die in der großen Welt ihr Glück suchten“, intensiv recherchiert und er stellt nur dort Behauptungen auf, wenn sich diese auch untermauern lassen. Wenn er ausschmückt (oder Unbestätigtes wiedergibt), fügt er „so könnte es gewesen sein“ hinzu. Das ist mir viel lieber als die Attitüde der meisten seiner KollegInnen (v.a. im Fachbereich „Anekdoten und Histörchen“), die schreiben, als wären sie immer und überall dabei gewesen, und wenn nicht, dann wüssten sie zumindest über alles und jede/n Bescheid.

Aravind Adiga: Der weiße Tiger (C. H. Beck) – Adiga hat mehr als einen witzigen, boßhaften und klugen Roman geschrieben. – In „Der weiße Tiger“ fängt er so viel Welt ein, wie es mit Literatur möglich ist. Wir erfahren viel über uns selbst als Arbeitnehmer und -geber.

Caspar Dohmen: Let‘s make Money (orange press) – Das allgemein verständliche Buch zur Rezession (und zum Film).

John le Carré: Marionetten (Ullstein) – Der Meister übertrifft sich selbst.

Susanne Rebscher: Leonardo da Vinci (Loewe) – Dringender Geschenktipp! Nachdem Flora dieses Buch aufgeschlagen hatte, änderte sie tags darauf das Thema ihres Schulreferates in „Leonardo da Vinci“ um.

Zeit zum Lesen
wünscht
Werner Schuster

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