15/10/2012von 743 Views – 1 Kommentar

Manotti, Dominique: Das schwarze Korps

Thriller
Hardcover
280 Seiten
Erschienen 2012 bei Ariadne
Aus dem Französischen von Andrea Stephani
Originalausgabe: „Le corps noir”, 2004

KurzkritikAusführliche BesprechungInfos
Inhalt:

Zwischen der Landung der Alliierten und der Befreiung von Paris vergehen zehn lange Wochen. Noch herrschen deutsche SS und französische Gestapo über die Stadt. Industrielle, Banker und Künstler mehren ihren Reichtum und führen ein ausschweifendes Leben. Aber die Scharfsichtigen spüren bereits, dass der Wind sich dreht. In Erwartung der deutschen Niederlage müssen Besatzer und Kollaborateure ihren Besitz, ihre Reputation oder auch nur ihre nackte Haut retten. Manches lässt sich mit Geld regeln oder bei einem guten Tropfen. Aber bald fließt mehr Blut als Champagner. (Pressetext)

Kurzkritik:

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht: Ich habe in der Schule wenig über Frankreich während des Zweiten Weltkriegs gelernt. Dies lässt sich mit Manotti aber nicht nur nachholen – sie entwirft ein Panorama aus Besatzern, Kollaborateuren sowie aus Widerständlern und Agenten und geht dabei wesentlich tiefer, als bloß Schurken und Nicht-Schurken zu beschreiben.

Mir ist nach 30 Seiten (erstmals) klar geworden, dass es den gewöhnlichen und den ungewöhnlichen Nazis nicht so sehr um Rassenreinheit und dergleichen gegangen sein mag, sondern dass sie sich schlicht bereichern wollten.

Werner gibt  ★★★★½  (4,5 von 5 Eselsohren)

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Besprechung:

Die Nazis, die Wirtschaftsbosse und unsere Nachbarn

Wäre Dominique Manotti eine junge Schriftstellerin (und nicht derzeit schon 70), würde ich sagen: Da habe ich neben Le Carré (von dem ich hoffe, dass er noch lange schreibt) endlich jemanden gefunden, dessen/deren neue Thriller ich auf keinen Fall versäumen will.

Obwohl – als Thriller würde ich Manottis Bücher nicht unbedingt bezeichnen, eher als großartige Sittenbilder der Gesellschaft, die in nicht besonders spannende Handlungen verpackt sind. Nun, Le Carrés Romane sind wohl auch keine Pageturner. Und der englische Autor ist für mich ein Meister der Perspektive und der durchdringenden Darstellung seiner Figuren. Was Manotti nicht wirklich ist.

Gekonnt

Sie schreibt formal und psychologisch gediegene Romane, die allerdings etwas eignet, was ich bei keinem anderen Autor, bei keiner anderen Autorin dermaßen gekonnt finde: Sie sind politisch-analytisch und dabei fern von Klischees. Und trotzdem keine trockenen Abhandlungen, sondern gut gebaut und gut erzählte Geschichten (– auch wenn mir in diesem die Beschreibung von Räumen, Kleidung und dergleichen etwas zu manieriert geraten ist).

Nehmen wir „Das schwarze Korps“. der Roman spielt in der Zeit zwischen der Landung der Alliierten und der Befreiung von Paris. „In Erwartung der deutschen Niederlage müssen Besatzer und Kollaborateure ihren Besitz, ihre Reputation oder auch nur ihre nackte Haut retten“, steht am Klappentext.

Sich bereichern

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht: Ich habe in der Schule wenig über Frankreich während des Zweiten Weltkriegs gelernt. Dies lässt sich mit Manotti aber nicht nur nachholen – sie entwirft ein Panorama aus eben jenen Besatzern, Kollaborateuren sowie aus Widerständlern und Agenten und geht dabei wesentlich tiefer, als bloß Schurken und Nicht-Schurken zu beschreiben.

Mir ist nach 30 Seiten (erstmals) klar geworden, dass es den gewöhnlichen und den ungewöhnlichen Nazis nicht so sehr um Rassenreinheit und dergleichen gegangen sein mag, sondern dass sie sich schlicht bereichern wollten. Ob nun von Hitler überzeugt oder nicht, sie haben ein terroristisches System zu ihrem eigenen Vorteil benutzt. Das erscheint mir plausibler als die These von den vielen Verblendeten, die sich ab 1945 fragten, worauf sie da nur hineingefallen wären.

Die Seiten wechseln

Und bei Manotti sind es nicht nur die Nazis, die Juden, Kommunisten und Andersdenkende ausrauben, – auch die Wirtschaftstreibenden machen mit, um ihre Firmen am Leben zu halten. Oder um diese in ungeahnte finanzielle Höhen zu treiben. Viele Nazis, aber vor allem diese Firmenchefs haben kein Problem damit, die Seiten zu wechseln, sobald klar wird, dass die Alliierten siegreich sein werden. Ihre Probleme bestehen eher darin, wie sie ihr Schäfchen ins Trockene bringen, sprich: Ihren Besitz behalten können.

Ich denke, das ist die Quintessenz dieses Romans, zumal Manotti im Epilog schreibt, dass bald nach dem Krieg eine Straße nach einem dieser kollaboriert habenden Konzernbosse benannt wird. (Wer das Geld hat, hat wohl auch Macht und Einfluss.)

Skrupellos

Vielleicht haben Sie das alles eh schon immer gewusst, aber mir hat dieser Roman die Augen geöffnet, auch angesichts der Tatsache, wie skrupellos die Konzerne vorgehen, um Profit zu machen. Und wenn ich daran denke, wer vom Zweiten Weltkrieg profitiert hat. Aber auch wenn ich daran denke, wie in Wien die Juden von den Nazis systematisch ausgeraubt worden sind – und wie sich letztendlich auch die kleinen Mitläufer an ihnen bereichert haben.

Auch über diese schreibt Manotti in „Das schwarze Korps“. Und das waren – auf uns selbst umgemünzt – nicht nur die Nachbarn unserer Familien, das waren – so weit es ihnen halt möglich gewesen ist – in der Regel wohl unsere Familien und deren Freunde.

Von Werner Schuster

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Das meinen andere (Perlentaucher-Rezensionsnotizen).

Dominique Manotti, geb. 1942, kam erst mit fünfzig Jahren zum Schreiben. Ihre Bezugspunkte sind der amerikanische Schriftsteller James Ellroy, die neuzeitliche Wirtschaftsgeschichte und die 68er-Bewegung. Diese ungewöhnliche Kombination begründet Manottis dichten, unpathetischen Stil. Die Historikerin lehrte an verschiedenen Pariser Universitäten Wirtschaftsgeschichte der Neuzeit, war als Gewerkschafterin in der CFDT aktiv und leitete als Generalsekretärin deren Pariser Sektion.

Mehr über Dominique Manotti bei Wikipedia.

1 Kommentar zu "Manotti, Dominique: Das schwarze Korps"

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