28/03/2011von 1.026 Views – 0 Kommentare

Amann, Jürg: Die Reise zum Horizont

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Buchcover Amann Reise zum Horizont

  • Hardcover
  • 104 Seiten
  • Erschienen 2010 bei Haymon


Inhalt:

Ein Flugzeugabsturz mitten in der Gletscherwüste der Anden, damit beginnt es. Was folgt, ist der Lebens- und Überlebenskampf derer, die der Hölle scheinbar entkommen sind, die dem Wrack der Unglücksmaschine wenigstens körperlich heil entsteigen. Wie weit kann, wie weit darf der Mensch gehen, um dabei Mensch zu bleiben? Wo verläuft der menschliche Horizont? (Pressetext)

Kurzkritik:

Von Amanns Prosa beeinflusst, habe ich mich gefragt, was ich wohl täte an der Stelle dieser Menschen. Und es mir vorgestellt. Vielleicht hat mich das, abseits von jeder moralischen Beurteilung, einem Verständnis der „Taten“ dieser armen Menschen näher gebracht als so mancher reißerische Katastrophenfilm. Denn was, als „Kannibalismus“ verallgemeinert, die Gemüter auf den Fernsehcouches so schnell und einfach zu entrüsten vermag, ist, erlebt und aus der Notwendigkeit geboren, wohl ein radikaler und erbarmungsloser Anstoß, die Sicht auf Leben und Tod zu überdenken.

Eva gibt  ★★★★½  (4,5 von 5 Eselsohren)

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Besprechung:

Was würdest du tun?

Ein Flugzeug der Uruguayan Air Force zerschellte am 13. Oktober 1972 in 4000 Meter Höhe an einem Berghang in den Anden. 16 der 45 Menschen an Bord wurden nach 72 Tagen im Eis gerettet. Die Geschichte machte wohl vor allem deshalb die Runde, weil die Überlebenden damals in ihrer Not die Toten gegessen haben. Bücher wurden geschrieben, Filme gedreht, Urteile abgegeben … Eines dieser Bücher habe ich gelesen: „72 Tage in der Hölle“ von Nando Parrado, der dieses Schrecknis damals mit- und überlebt habt. Ich glaube, es ist sehr schwer, darüber zu schreiben, denn wie soll man es angehen? Distanziert? Entrüstet? Empathisch? Entschuldigend?

Doch Jürg Amann nimmt sich dieser Geschichte auf literarische Art und Weise an. Seine Novelle „Die Reise zum Horizont“ beschreibt den Absturz, die Hoffnung auf Rettung, die Überlebensrituale, die langsam zunehmende Gewissheit, sterben zu müssen, die schwere Entscheidung, die Toten zu essen, um zu überleben – auch wenn man mit ihnen verwandt oder befreundet war –, den immer wieder hinausgezögerten Aufbruch über die Andengipfel Richtung Chile, um Rettung zu holen.

Tragödie in kleinen Dosen

In rauer, bildhafter Sprache, fast beiläufig, wie mit expressionistischen Pinselstrichen, beschreibt Amann die unfassbare Lage dieser Menschen aus der Sicht eines Beteiligten. Die Kapitel sind kurz, so wie die Sätze – als wäre es erträglicher, die Tragödie in kleinen Dosen aufzunehmen. Fragen werden aufgeworfen, Situationen dargestellt, Gefühle beschrieben, die man eigentlich nicht nachvollziehen kann.

Die 16 Menschen, die damals überlebt haben: Wie konnten sie in ihren Alltag zurückkehren? Konnten sie das überhaupt? Das beantwortet Amann in seinem Buch nicht. Was er allerdings mit seinen Worten herausmodelliert aus dem damaligen Vorfall, ist – für mich – die Erkenntnis, dass Menschen situationsbedingt reagieren, mag die Situation auch noch so grausam, abwegig, absurd sein.

Allgemeiner Kannibalismus

Von Amanns Prosa beeinflusst, habe ich mich gefragt, was ich wohl täte an deren Stelle. Und es mir vorgestellt. Vielleicht hat mich das, abseits von jeder moralischen Beurteilung, einem Verständnis der „Taten“ dieser armen Menschen näher gebracht als so mancher reißerische Katastrophenfilm. Denn was, als „Kannibalismus“ verallgemeinert, die Gemüter auf den Fernsehcouches so schnell und einfach zu entrüsten vermag, ist, erlebt und aus der Notwendigkeit geboren, wohl ein radikaler und erbarmungsloser Anstoß, die Sicht auf Leben und Tod zu überdenken.

Wenn man endlich wieder einmal satt ist. Und das meine ich nicht sarkastisch.

Von Eva Schuster

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Infos:

Jürg Amann, geboren 1947 in Winterthur/Schweiz, lebt in Zürich. Studium der Germanistik in Zürich und Berlin, Literaturkritiker und Dramaturg, seit 1976 freier Schriftsteller. Zahlreiche Auszeichnungen, u.a. Ingeborg-Bachmann-Preis, Conrad-Ferdinand-Meyer-Preis.

Mehr über Jürg Amann und über den Uruguayan-Air-Force-Flug 571 bei Wikipedia.

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