02/12/2012von 465 Views – 0 Kommentare

„ICE 73“ von Jürg Bolliger

Folgenden Text hat der Autor exklusiv für die Eselsohren geschrieben:

Ein Toter bei Zugunglück in Göttingen
Der von Norden kommende ICE 73 rammte gestern Mittwoch bei der Einfahrt in den Göttinger Bahnhof einen entgegenkommenden Regionalzug. Wie durch ein Wunder haben außer einem Mann, der auf der Unfallstelle ums Leben gekommen ist, alle Reisenden den Unfall überlebt. Die rund 50 Passagiere, die noch im Krankenhaus behandelt werden, befinden sich außer Lebensgefahr.

Am Dienstag vor dem Zugunglück. Thorsten Wirth schritt schleppend durch die Hamburger Friedrichstraße. Das Ziel war seine Lieblingskneipe am Hans-Albers-Platz. Kurz bevor er den Platz erreichte, erschallte von irgendwoher der Radetzky-Marsch. Thorsten blieb stehen und sah sich um. Erst als er das Vibrieren im Leistenbereich wahrnahm, merkte er, dass es sein Mobiltelefon war, das die Marschklänge von sich gab. Es war lange her, seit er einen Anruf erhalten hatte. Mühsam klaubte er das Gerät aus der Hosentasche.
Das „Ja?“ mit dem er sich meldete klang eher wie ein Knurren als wie ein Wort.
„Thorsten? Hier ist Jan. Ich hab was für dich. Kommst du zu mir? Ich bin im Büro.“
„Wann?“ war das einzige, das Thorsten wissen wollte.
„Am besten gleich.“
„Ich muss noch etwas Dringendes erledigen, dann komme ich.“
„Alles klar. Bis dann.“

Beim Dringenden, das Thorsten noch erledigen wollte, handelte es sich um das Bier in seiner Kneipe. Darauf wollte er nicht verzichten. Und Jan Finkel sollte nicht denken, Thorsten hätte nachmittags nichts zu tun. Jan und er kannten sich von der Schulzeit her. Thorsten wusste nicht, ob man das, was die beiden verband, als Freundschaft bezeichnen konnte. Egal. Wie man es auch nennen wollte, es hatte jedenfalls bis heute Bestand – auch wenn er manchmal längere Zeit nichts von Jan hörte.

Während Thorsten an der Theke vor seinem Bier saß, überlegte er, was Jan wohl von ihm wollte. Vermutlich hatte Jan Finkel wieder einmal Krach mit seinem Freund – seinem Lebenspartner, wie er es nannte. Dass Jan homosexuell war, störte Thorsten nicht. Es störte ihn auch nicht, dass der Lebenspartner Steffen Jan alle paar Monate vor die Tür setzte. Es dauerte nie länger als zwei Tage bis die beiden ihre Liebe neu entfachen ließen. Während der zweitägigen Trennungsphase suchte Jan jeweils bei Thorsten Unterschlupf. Die Bude war zwar zu klein für zwei Personen, doch für zwei Tage ging das. Und Thorsten war nicht unglücklich, ab und zu etwas Gesellschaft zu haben.

Thorsten nahm den letzten Schluck seines Biers, legte ein paar Münzen auf die Theke und verließ das Lokal. Er begab sich zu Fuß zu Jan Finkel und machte sich innerlich darauf gefasst, seine Wohnung für die nächsten zwei Tage mit diesem zu teilen. Außer Jan war noch nie jemand bei ihm in der Wohnung gewesen. Jan war auch derjenige gewesen, der ihm damals vor drei Jahren zur Seite gestanden hatte. Wirklich helfen konnte Jan zwar nicht. Doch immerhin nahm er sich einen Abend Zeit, um Thorsten dabei Gesellschaft zu leisten, als dieser versuchte, die Problemberge mit Alkohol wegzuschwemmen. Das mit dem Wegschwemmen funktionierte nur kurzfristig. Kaum hatte sich die Wirkung des Alkohols verzogen, standen die Berge in voller Größe wieder da. Thorsten probierte es immer wieder. An den folgenden Abenden ohne Jan. Alle Versuche blieben erfolglos. Die damaligen Ereignisse hatten Thorsten in ein Loch stürzen lassen und es war ihm bisher nicht gelungen, dieses wieder zu verlassen. Alles was er einmal gehabt hatte, war weg. Sein Job, sein Vermögen, seine Familie. Alles. Die einzigen Begleiter, die ihm seither beistanden, waren der Alkohol und sein unbändiger Hass. Und eben Jan, der sich alle paar Monate bei ihm meldete, um zwei Tage bei ihm zu verbringen.

Thorsten stellte sich auf einen Abend ein, der so verlief wie alle Abende, die Jan bei ihm verbrachte. Sie würden den Wein trinken, den Jan auf dem Weg zur Wohnung noch kaufen würde, und Thorsten würde zuhören wie Jan über die aktuellen Probleme mit seinem Lebenspartner klagte. Das war nicht übel. Das verschaffte Thorsten etwas Abwechslung zu seinem trostlosen Alltag. Er hätte zwar lieber Bier getrunken, doch Jan zuliebe würde er italienischen Rotwein trinken.

Jans Büro befand sich in der zweiten Etage eines Hauses in St. Pauli mit zwielichtiger Mieterschaft. Im Treppenhaus roch es nach abgestandenem Tabakqualm und Urin. Seiner Kundschaft wollte Jan dieses Haus nicht zumuten. Er traf sie immer in Restaurants in nobleren Stadtteilen. Seine Aufträge als Privatdetektiv hatte er hauptsächlich von gutbetuchten, misstrauischen Frauen, die ihn auf ihre lebensfrohen Ehemänner ansetzten. Jan freute sich jedes Mal, wenn eine Ehe aufgrund seiner Ermittlungen geschieden wurde. „So weiß ich wenigstens, wozu ich arbeite“, pflegte er zu sagen.

Als ihm die Tür geöffnet wurde, erschrak Thorsten. Vor ihm stand nicht der erwartete, von Beziehungsproblemen geknickte Jan. Nein, es war ein Jan, dessen Gesicht beinahe zu klein war für dessen gigantisches Grinsen. Thorsten wusste nicht wie er das einordnen sollte. Drinnen roch es nach Schnaps, was für Thorsten ein angenehmer Kontrast zu den Gerüchen im Treppenhaus war.

„Wie geht’s dir, altes Haus?“ wollte der immer noch strahlende Jan wissen, nachdem sie in der Sitzgruppe Platz genommen hatten.
„Gut“, brummte Thorsten wenig euphorisch.
„Ich habe gute Nachrichten für dich.“
„Aha.“

Thorsten musste sich zuerst mit der neuen Konstellation anfreunden. Seine Rolle war diesmal offenbar nicht die des Zuhörers. Jan brauchte ihn nicht, um jemandem sein Leid klagen zu können. Kein italienischer Rotwein heute Abend. Er hatte sich auf dem Weg zu stark auf diese altbekannte Situation eingestellt. Nun schien es Jan wider Erwarten gut zu gehen. Und er hatte sogar eine gute Nachricht. Thorsten hatte keine Idee, was das für eine frohe Botschaft sein könnte. Seit damals, vor drei Jahren, war es das Negative, das sein Leben bestimmte. Gute Nachrichten fanden den Weg zu ihm nicht mehr. Früher war das anders. Er war geschäftlich erfolgreich, mit einer reizenden Frau verheiratet, Vater von zwei entzückenden Kindern. Doch das ist lange her und Thorsten wusste nicht mehr, wie sich dieses Leben angefühlt hatte.

„Ich habe ihn gefunden.“
Thorsten ahnte, dass das wohl die gute Nachricht war, doch hatte er keine Ahnung, wen Jan mit „ihn“ meinte.
„Wen?“
„Ralph Goldschmidt.“

Jetzt war Thorsten hellwach. Ralph Goldschmidt. Er hatte nicht damit gerechnet, dass er diesen Namen noch einmal hören würde. Der angestaute Hass auf diesen Mann breitete sich von seinem Magen auf den ganzen Körper aus und wollte nur eines: Rache.
„Wo ist dieses Schwein?“
„In der Schweiz.“
In der Schweiz. Eine Spur von Enttäuschung verdrängte die Hassgefühle – allerdings nur kurzfristig. Er würde diesen Kerl kriegen. Und wenn er dazu in die Schweiz reisen musste.

Goldschmidt & Wirth. Das war der Name der Treuhandfirma, die Thorsten zusammen mit Ralph Goldschmidt aufgebaut und geführt hatte. Sie waren sehr erfolgreich. Alles lief gut. Bis Thorstens Kompagnon eines Tages nicht mehr aufgetaucht war. Mit ihm waren auch Kundengelder in Millionenhöhe verschwunden und sämtliche Konten der Goldschmidt & Wirth geplündert. Thorsten wurde der Komplizenschaft angeklagt. Da ihm jedoch nichts bewiesen werden konnte, wurde er nicht verurteilt. Als er aus der Untersuchungshaft kam, ließ er sich von einer Bemerkung seiner Frau derart provozieren, dass er komplett ausrastete und sie vor den Augen der Kinder verprügelte. Er landete erneut vor Gericht. Diesmal wurde eine bedingte Gefängnisstrafe verhängt. Die Ehe wurde geschieden, jeglicher Kontakt mit den Kindern untersagt. Er nahm sich eine günstige Wohnung und vegetierte vor sich hin. Das bisschen Geld, das ihm noch blieb, war bald aufgebraucht. Ein ehemaliger Kunde verschaffte ihm einen Job in einem Supermarkt. Er half frühmorgens Gemüse und Früchte zu entladen und für den Verkauf bereit zu machen. Das bescheidene Gehalt reichte für das Nötigste. Sein Leben war zu einem andauernden Wälzen in Selbstmitleid verkommen. Alles war so sinnlos geworden. Nur die Aussicht, sich irgendwann vielleicht doch noch rächen zu können, hielt ihn am Leben.

Dieser Moment schien jetzt gekommen zu sein. Wenn das stimmte, was Jan ihm da eben aufgetischt hatte, würde er in die Schweiz reisen – koste es was es wolle.
„Damals, als deine ganze Misere begann, habe ich das Goldschmidts Foto mit einer E-Mail an einige Kollegen geschickt. Unter anderem auch an einen Schweizer namens Stephan Meier. Ich habe ihn einmal kennengelernt, als ich …“
Thorsten interessierte sich nicht dafür, wo Jan seine Freunde kennenlernt:

„Ja und… Was weiß er von dieser Dreckssau?“
Die ungewohnte Bestimmtheit mit der Thorsten sprach, brachte Jan kurz aus dem Konzept.
„Also, er hat… ähm… Stephan hat heute eine Mail geschickt. Er habe Ordnung auf seinem Computer gemacht…“
Thorsten wurde ungeduldig. Mit seinen Fingern klopfte er unruhig auf die Armlehne seines Sessels.
„… dabei ist er wieder auf das Foto gestoßen, das ich ihm damals geschickt habe. Und weißt du was, er erkannte ihn. Er habe kürzlich mit ihm zu tun gehabt. Und erst als er das Bild wieder sah…“
„Ja, schon gut“, raunte Thorsten, „und wo finde ich Goldschmidt?“
Jan hielt ihm einen Zettel hin, auf den ein paar Zahlen gekritzelt waren.
„Hier ist Meiers Nummer. Ich habe ihm gesagt, du würdest dich bei ihm melden.“
Als Thorsten den Zettel nahm, zitterte seine Hand. Diesmal lag das nicht am Alkohol, sondern an der Tatsache, dass Chance bestand, die Lust nach Rache bald stillen zu können.
„Wenn du willst, kannst du mein Telefon benutzen“, bot Jan an.
Thorsten wollte nicht. Er brauchte jetzt erst mal ein Bier und Zeit, um seine Gedanken zu ordnen. Er bedankte sich bei Jan und machte sich wieder auf den Weg in seine Kneipe.

Nach dem ersten Bier tippte er die Nummer, die ihm Jan gegeben hatte, in sein Handy. Das Gespräch mit dem Schweizer dauerte nicht lange. Nach dem Telefonat suchte er seine Bank auf, wo er alles Geld von seinem Konto abhob. Es war nicht viel, doch reichte es für das, was Thorsten vorhatte. Anschließend fuhr er mit der U-Bahn zum Hamburger Hauptbahnhof. Als er am späteren Abend wieder in seiner Wohnung war, packte er einige Kleidungsstücke, ein paar Dosen Bier und die Pistole, die er vor bald drei Jahren auf dem Schwarzmarkt erstanden hatte, in seine Reisetasche.

Am nächsten Morgen bestieg er kurz vor acht den ICE 73 nach Zürich.

© Jürg Bolliger


Über den Autor

Jürg BolligerJürg Bolliger, geboren 1967, lebt mit seiner Frau und vier Kindern in Biel im Kanton Bern (CH). Ursprünglich absolvierte er eine kaufmännische Ausbildung bei einer Bank, später bildete er sich in Transaktionsanalyse und Erwachsenen¬bildung weiter. Heute ist er als Transaktionsanalytiker mit Lehrberechtigung PTSTA-E in Erwachsenenbildung, Supervision und Coaching tätig.

Veröffentlichungen

„Herr Rusterholz mag keine Zwiebeln“, Erzählungen, BoD, erscheint in Kürze.

„Sei stark“, Roman, BoD.
Leo lebt in der Schweizer Stadt Biel ein einigermaßen störungsfreies Leben – bis er seinen Job verliert und ihm kurz darauf die geheimnisvolle Anja begegnet. Er will Anja dabei helfen, herauszufinden, von wem sie bedroht wird. Dabei gerät er selbst in große Schwierigkeiten und wird in der Folge von der Polizei wegen Mordverdachts gesucht. Zum ersten Mal in seinem Leben wird Leo nun auch mit seinem inneren Anspruch, immer stark sein zu müssen, konfrontiert.
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Mehr über den Autor bei www.juerg-bolliger.ch und www.facebook.com/bolligerschreibt

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