02/09/2012von 299 Views – 0 Kommentare

Nachlese: Widmer

Liebe LeserInnen,

bei der Eselsohren-Nachlese ist diesmal Urs Widmer dran, dessen Werk ich sehr bewundere:
– Liebesnacht
– Im Kongo
– Ein Leben als Zwerg
– Herr Adamson

Werner Schuster


Cover Widmer LiebesnachtLiebesnacht

Roman
Diogenes (1982)
Inhalt:

Im Elsaß sitzen Freunde beisammen. Über die Felder kommt der Ewige Egon zu ihnen gewandert und setzt sich dazu. Alle trinken und erzählen sich wahnsinnig schöne Liebesgeschichten aus ihrem Leben.

Kurzkritik:

Der Poet Urs Widmer hat uns dieses Buch geschenkt, in welchem bloß ein Freund auf Besuch kommt. “Wir sprachen und tranken, tranken und sprachen, und irgendwann – draußen war längst eine schwarze Nacht – kamen wir auf die erste Liebe zu sprechen, und auf die letzte, und auf das, was dazwischen liegt, all die Wege, die das Herz geht, in die Irre und doch auf ein Ziel zu. Die anderen Bewohner sagten wenig, aber sie kannten das auch, die Flammen, in die sich der Behütetste zuweilen jubelnd stürzt.”

Mehr passiert nicht. Widmer erzählt weder abgeschlossene Geschichten noch unternimmt er den Versuch, Endgültiges endlich mal zu enthüllen. Er lässt sagen: Das ist Liebe und das und das und das – uns das auch. Manches kommt einem bekannt vor, manches nicht, und hinter all diesen kleinen Berichten taucht groß und milde eine Ahnung von d e r Liebe auf, hin und wieder meint man, dass aus dieser Ahnung jetzt und jetzt Gewissheit würde. Aber nein, wozu denn!?

Denn, schreibt Widmer gegen Ende zu, “wo sind die hin, die gelassen die Oberfläche der Dinge zeigen konnten. Woher haben sie diese Gnade genommen. Das Herz öffnete sich beim Anschauen und der Atem wurde ruhig.”

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Buchcover
Im Kongo

Roman
Diogenes (1996)
Inhalt:

Der Altenpfleger Kuno erhält einen neuen Gast: seinen Vater. In der Abgeschiedenheit des Altersheims kommen sie endlich zum Erzählen. Kuno glaubte immer, sein Vater sei ein Langweiler, ohne Schicksal und ohne Geschichte – bis er mit einemmal merkt, daß dieser im Zweiten Weltkrieg einst Kopf und Kragen riskiert hat. Sein greiser Vater hat ein Schicksal, und was für eins! Diese Erkenntnis verändert Kunos Leben. Eine Reise in die eigenen Abgründe beginnt, in deren Verlauf es ihn bis in den tiefsten Kongo verschlägt. Sehnsüchte werden wach und Träume wahr: Jene lockende Ferne, die einst als Herz der Finsternis galt, wird zum abenteuerlichen Schauplatz von Wahnwitz, Wildheit und innerer Bewährung.

Kurzkritik:

Mir ist schon klar, dass es Widmer hier nicht darum geht, eine Rasse zu diffamieren, sondern eher um eine Reise in die in uns allen schlummernde Vorzeit (– welche der Schweizer Vergangenheit im Zweiten Weltkrieg gegenübergestellt wird), aber mir ist nicht ganz wohl dabei, dass “die Schwarzen” herhalten müssen, um Urprünglichkeit darzustellen.

Zur ausführlichen Besprechung: „Negerhäuptling“

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Cover Widmer ZwergEin Leben als Zwerg

Diogenes
(2007)
Inhalt:

Ein Zwerg aus Gummi ist der Held – ja sogar der Autor – dieses Buches. Sein Geheimnis ist, daß er, wenn kein Mensch ihn anschaut, lebt. Sich bewegen kann, denken, fühlen. Er begleitet Uti – jenen Jungen, der ihn mit seinem liebenden Blick erst lebendig gemacht hat – durchs Leben (Utis Leben), lebt sein Zwergenleben, während der Junge erwachsen wird und ein Mann, ein fast schon alter Mann.

Kurzkritik:

Auf so was kommt ja nur der vor zwei Tagen 70 Jahre alt gewordene Urs Widmer (Happy Birthday!): Den Gummizwerg, der ihn tatsächlich seit seiner Kindheit begleitet hat, über sein (also des Gummizwergs) Leben schildern zu lassen. Auf diese Art und Weise gelingt es ihm, existenzielle Dinge (etwa: Wie stellen sich Zwerge das Leben nach dem Tod vor?) leicht und wie unverfänglich plaudernd zur Sprache zu bringen.

Und zu was für einer Sprache! Mit lyrischer Anmut tanzt/tänzelt Widmer durch die (Phantasie-)Welten, die er erschafft. Dabei nimmt er stets Bezug auf die/seine/unsere Realität, welche er in seine, ja, Märchen hineinwebt. Diese sagen uns stets: Es könnte alles auch gut gehen/gegangen sein. Wir bräuchten dazu auf keinen Fall eine rosarote Brille, nur einen anderen Blick.

Diesmal blicken wir auf uns aus (Kinderspielzeug-)Zwergen-Perspektive. Es lohnt sich sehr.

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Buchcover Herr Adamson von Widmer
Herr Adamson

Roman
Erschienen 2009 bei Diogenes,
2010 als Taschenbuch
Inhalt:

Es ist Freitag, der 22. Mai 2032. Einen Tag nach seinem vierundneunzigsten Geburtstag sitzt ein Mann in einem üppig blühenden Garten es ist der Paradiesgarten seiner Kindheit , neben sich einen Rekorder, und spricht seine Geschichte mit Herrn Adamson auf Band. Ein Buch über den Tod, erzählt in einer herzerwärmenden Heiterkeit.

Kurzkritik:

Ich schreibe das jetzt nicht gerne, denn ich liebe Urs Widmer, aber „Herr Adamson“ scheint mir nicht gelungen zu sein.

Dabei ist alles da, was „einen richtigen Widmer“ ausmacht: Die freundliche, sich naiv gebende Sprache, der Kinderblick aus einem Erwachsenen hinaus, die fantastische Welt, in die wir sanft hineingezogen werden. Doch irgendwie passt das hier ausnahmsweise nicht zusammen.

Zur ausführlichen Besprechung: „Keine göttliche Komödie“

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