11/04/2013von 551 Views – 0 Kommentare

Soysal, Zerrin: Das Siebentagegebet

Roman
Broschiert
296 Seiten
Erschienen 2012 bei binooki
Aus dem Türkischen von Cigdem Özdemir
Originalausgabe: „Yedi Gün Duasi”, 2011

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Inhalt:

Ist die Wahrheit das, was man sieht oder das, was sich dahinter verbirgt? Diejenigen, die wir am meisten lieben, verletzen uns, aber wer zieht die Grenze zwischen Liebe und Hass? Drei Schwestern – eine lebt in Deutschland, eine auf dem Land und eine in einer Großstadt in der Türkei – finden sich nach dem Tod der Mutter, die ihre Töchter im Kindesalter beim Vater zurückgelassen hat, nur aus Pflichtgefühl in deren Wohnung ein. Während der sieben Gebetstage wandelt eine davon mithilfe der gefundenen Tagebücher ihrer Mutter auf deren Spuren. (Pressetext)

Kurzkritik:

Dieser Roman hat mich überrascht. Was wie ein eher oberflächlicher „Frauenroman“ beginnt, entwickelt sich nach und nach zu einer – immer noch „leichtgängigen“, aber doch ernsthaften – Abhandlung über die Frage: Was wissen wir von unseren engsten Verwandten, Eltern eingeschlossen?

Werner gibt  ★★★★☆  (4 von 5 Eselsohren)

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Besprechung:

Wie böse ist die Mutter?

Dieser Roman hat mich überrascht. Was wie ein eher oberflächlicher „Frauenroman“ beginnt, entwickelt sich nach und nach zu einer – immer noch „leichtgängigen“, aber doch ernsthaften – Abhandlung über die Frage: Was wissen wir von unseren engsten Verwandten, Eltern eingeschlossen?

Die Mutter ist gestorben und ihre drei Töchter treffen in Istanbul beim Begräbnis aufeinander. Sie haben ihre Mutter kaum gesehen oder besucht – seit diese vor etwa 40 Jahren ihre Familie überstürzt verlassen hat. Die Töchter wissen nicht, warum ihre Mutter das getan hat, und natürlich werfen sie ihr seither vor, sie im Stich gelassen zu haben. Noch dazu war die Mutter ein sehr bestimmender, strenger Mensch. Sie hat ihre Kinder unterdrückt, um feine Damen aus ihnen zu machen.

Diese stehen nach dem Begräbnis ihrer Mutter in deren Wohnung, – die älteste ist Güner, Süher lebt in Deutschland und das Nesthäkchen Zeynep hat auch schon zwei Töchter – und wollen sobald als möglich wieder zu ihren eigenen Familien zurück. Doch sie bleiben länger als geplant und beugen sich der Tradition des Siebentagegebets. Sieben Tage lang werden nachmittags ihnen wildfremde Frauen kommen und für die Verstorbene beten.

Spurensuche

Während Güner und Süher eher an der Verteilung des Schmucks und der Kleidung ihrer Mutter interessiert sind und Besorgungen in der Hauptstadt machen wollen, begibt sich Zeynep auf Spurensuche nach ihrer Mutter. Es ist einerseits interessant zu sehen, wie ähnlich die Frauen ihrer Mutter sind, zumindest was den Umgang mit ihren eigenen Kindern anbelangt. Soysal beschreibt aber auch, wie fremd sich die Schwestern geworden sind.

Doch das ist nicht das Thema des Romans. Die Schwestern sind erstaunt, wie gut die Nachbarn von ihre Mutter denken, und dann findet Zeynep deren Tagebücher. Während sie die frühen Eintragungen liest, kommen Erinnerungen an ihre Mutter hoch: vor allem an deren Unerbittlichkeit.

Neu bewerten

Hauptsächlich ist sie natürlich auf der Suche nach dem Grund, warum sie von ihr verlassen worden ist, und als sie diesen herausfindet, sieht sie sich gezwungen, ihre Mutter völlig neu zu bewerten.

Ihre Schwestern bekommen davon nichts mit – sie sind schon nach drei Tagen abgereist. Zeynep beschließt schließlich, länger als sieben Tage zu bleiben. Sie möchte und muss nicht nur ihre Gedanken neu ordnen, sondern ihr ganzes Leben.

Schuldzuweisungen, Ausreden

Soysal lässt uns dies – in einer eingängigen, unaufgeregten Sprache – von Zeynep selbst erzählen. Mag man sich am Anfang noch denken, „bloß“ die eigenen Probleme mit den Eltern gespiegelt zu sehen, so wird man nach und nach förmlich gezwungen, sich mit den eigenen Urteilen und Vorurteilen auseinanderzusetzen, die auch, aber nicht nur die Eltern betreffen. Was weiß man schon von diesen, was sich nicht nur auf einen selbst bezieht? Will man überhaupt wissen, was diese für ein eigenes Leben haben oder gehabt haben? Und dienen Schuldzuweisungen nicht nur in diesem Zusammenhang auch als Ausrede, aus sich selbst nicht mehr gemacht zu haben?

Von Werner Schuster

P.S.: Wer das Buch lesen möchte, sollte hier nicht klicken. Es wird der Schluss verraten.

 
 
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Infos:

Zerrin Soysal, geboren in Canakkale, hat lange Jahre eine eigene Apotheke geführt. Ihrer Berufung folgend hat sie die Selbständigkeit aufgegeben, sich in Istanbul niedergelassen und eine Ausbildung in der Mario Levi Schreibwerkstatt absolviert. Journalistische Arbeiten der Autorin finden sich in diversen Zeitschriften wie Notos, Sözcükler, Roman Kahramanlari und Yitik Ülke. Das vorliegende, erstmals 2011 erschienene Werk ist ihr Debütroman.

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