Driss Chraibi: Die Zivilisation, Mutter!
Eine Liebeserklärung an die Frauen, an den Fortschritt und an das, was wir hinter uns gelassen haben.
Haben Sie dieses Buch gelesen? Was ist Ihre Meinung dazu?
Was vom Fortschritt übrig bleibt
Wenn wir hier nur Pressemitteilungen und Klappentexte copy-pasten würden, stünde hier bloß: „Der Weg dieser marokkanischen Mutter führt aus einer vorindustriellen Welt mitten in die Turbulenzen unserer Zeit.“
Und wenn wir die Bücher nur anlesen würden, hätte ich geschrieben, dass mich dieses Buch an meine Großmütter erinnert hat, welche aus der österreichischen Kaiserzeit über Kriege und materielle Not direkt ins Zeitalter der Zentralheizungen und Telefone getrudelt sind.
Geistererscheinung
Doch das ist nur der Anfang von Chraibis Hommage an seine Mutter, welche eine Radiostimme für eine Geistererscheinung hält und nicht begreift, dass das „Fräulein vom Amt“ diejenigen nicht kennt, welche die Mutter am Telefon erreichen möchte.
Doch dann drängen die Buben ihre Mutter aus dem Haus, in dem sie seit ihrem 14. Lebensjahr „eingesperrt“ war, und auf einmal entdeckt diese Frau, dass sie mehr ist als Mutter und Gattin. Sie beginnt sich zu bilden, sie gestaltet das Haus um – und sie wird politisch, will auf ihre immer noch naive Art die anderen Frauen befreien und überhaupt die Kriege beenden.
Und der Vater sieht ihr zuerst ratlos, schließlich fasziniert zu. Sieh mal einer an: Frauen sind nicht nur für Sex, Kochen und Putzen da.
Märchen
Chraibi beschreibt das auf eine zart naive, humorvolle Art und Weise, ein bisschen wie ein modernes Märchen aus 1001 Nacht, in dem wir uns wohl alle wieder finden – und unsere (Ur-)Großeltern und Eltern.
„Die Zivilisation, Mutter!“ ist nicht nur eine poetische Studie über den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fortschritt, sondern auch über das, was wir beim Fortschreiten hinter uns gelassen haben.
Von Werner Schuster
Infos
Erschienen 2009 als Taschenbuch bei Unionsverlag
Aus dem Französischen von Helgard Rost
Originalausgabe: „La civilisation, ma mère!”, 1972
Über Driss Chraibi bei Wikipedia,
mehr von Unionsverlag bei „Eselsohren“.
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