17/09/2010von 609 Views – 0 Kommentare

Klein, Olaf Georg: Zeit als Lebenskunst

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Buchcover

  • Taschenbuch
  • Erschienen 2007/2010 bei Wagenbach


Inhalt:

Olaf Georg Klein arbeitet an einer Fülle von anschaulichen Beispielen die historischen, philosophischen und ökonomischen Hintergründe heraus, die unser Zeitverständnis bestimmen. Ein Buch wider den Beschleunigungswahn der westlichen Gesellschaft. Nach drei Auflagen erstmals im Taschenbuch. (Pressetext)

Kurzkritik:

Ich sehe schon, ich tendiere dazu, das ganze Buch abzuschreiben. Das würde meinem Verständnis davon wahrscheinlich sehr entgegenkommen, ist aber in Bezug auf eine Buchbesprechung sinnlos; auch liest es sich am Bildschirm nicht so angenehm, deshalb kaufen Sie sich‘s lieber, und ich geb jetzt eine Ruh.

Werner gibt  ★★★★★  (5 von 5 Eselsohren)

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Besprechung:

Schneller küssen?

Ja, zugegeben, ich habe mir Zeit gelassen bei der Lektüre dieses Buches seit April! Denn es hat mich dazu angeregt, darüber nachzudenken,

  • ob die Zeit vergeht oder entsteht,
  • ob sich die Zeit wirklich dehnen lässt,
  • ob die Zeit „tot“ sein kann, da sie ja kein Lebewesen ist,
  • ob Verlangsamung besser ist als Beschleunigung,
  • ob meine oft auftretende Sorge, zur falschen Zeit am falschen Ort das Falsche zu tun, berechtigt ist,
  • ob die starke Fixierung auf die Zukunft nicht die Gegenwart abwertet,
  • ob und wie es möglich ist, meinen unbewussten Zeitmodellen auf die Spur zu kommen,
  • unter welchem Einfluss gesellschaftlich und kulturell festgelegter Zeitmodelle der/die Einzelne steht (und ob es ein Entrinnen gibt),
  • ob es wirklich funktionieren kann, in einem begrenzten Zeitraum unendlich viel zu erledigen und zu erleben, wie es in der heutigen Zeit gefordert wird (Multitasking und Co.),
  • ob die lineare Zeitvorstellung unseres Kulturkreises die einzig mögliche ist (hoffentlich nicht),
  • ob es nicht im Widerspruch steht, dass in einer Zeit der ständigen Beschleunigung von unserem Körper verlangt wird, ewig jung zu bleiben – also im Stillstand zu verharren,
  • was der Unterschied zwischen Rhythmus und Takt ist,
  • ob schneller atmen, schneller küssen oder schneller vertrauen wirklich besser ist –

Diese Liste könnte noch sehr viel länger sein – am liebsten würde ich ja jeden Satz zitieren. Und obwohl – in einer sehr eleganten Sprache – so viel dichte Information in dieses Buch verpackt ist, liest es sich leicht und flüssig. Trotzdem habe ich es – für Sie! – mehrmals gelesen, denn nur so konnte ich meiner Meinung nach dem Inhalt ansatzweise gerecht werden.

Doch hätte ich mich beeilen sollen? Denn da wären wir schon bei einem Zeit-Dilemma: Wäre eine frühere Besprechung auch die bessere gewesen?

Und falls Sie gerade Zeit haben, habe ich Ihnen ein paar Zitate herausgeschrieben:

Die Zeit ist also weder ein handelndes Subjekt noch ein Ding und auch kein Prozess.

Die Physik arbeitet mit einem Zeitmodell, bei dem die Zeit keine Richtung hat. Das ist insofern sehr bemerkenswert, weil dieses Modell in einem eklatanten Widerspruch zu dem weitverbreiteten Zeitmodell der jüdisch-christlichen Kultur steht.

Natürlich wird das unbewusste zeitliche Dilemma, in einem endlichen Zeitraum unendlich viel erleben zu wollen, durch eine Lebensverlängerung nicht einmal ansatzweise aufgelöst.

Genug Zitate? – Hier geht‘s weiter.

Wer dieses Ziel, fünf Dinge parallel zu tun, konsequent von der Geburt bis zum Tod durchhalten würde, käme rein rechnerisch auf eine Erlebnisdichte von fünf mal achtzig Jahren und hätte demnach so viele Aktivitäten, Erlebnisse oder Prozesse untergebracht wie jemand, der vierhundert Jahre lang immer eins nach dem anderen tun würde.

Versäumnisangst kann also grundsätzlich verstanden werden als die permanente innere Sorge, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein und natürlich auch das Falsche zu tun.

Es ist zu konstatieren, dass neue Techniken und Mittel dem Menschen zwar die ständige Erweiterung seiner Möglichkeiten erlauben, dass aber zugleich die Möglichkeiten unendlich schneller zunehmen, als der Einzelne sie wahrnehmen kann.

Vergangenheit und Zukunft können sogar in der Ferne zusammentreffen, was sich mit dem Modell einer linearen Zeitvorstellung eigentlich gar nicht vereinbaren lässt: Das deutsche Wort „dereinst“ zum Beispiel bezeichnet sowohl die ferne Vergangenheit wie auch die ferne Zukunft und deutet damit auf eine in Vergessenheit geratene kreisförmige Zeitvorstellung hin.

Mit dieser Zukunftsfixierung – die fast immer auch pseudoreligiös eingefärbt ist – geht als Kehrseite zwangsläufig die andauernde Abwertung der Gegenwart einher.

Ist schneller atmen besser oder schneller sprechen? Ist schneller essen besser oder schneller spazieren gehen? Ist schneller vertrauen besser oder schneller küssen?

Genug Zitate? – Hier geht‘s weiter.

Effizienz beruht bei genauerer Betrachtung nicht auf der Schnelligkeit der einzelnen Bewegungen eines Mitarbeiters.

Irreführend ist die Formulierung von der „toten Zeit“ auch, weil die Zeit kein Lebewesen ist.

Bei der deutschen Wiedervereinigung war der unterschiedliche Umgang mit der Zeit in West und Ost eines der am massivsten auftretenden Konfliktfelder.

Langsamkeit ist als ein Zeitideal ebenso eine Monokultur wie der Geschwindigkeitswahn selbst: Bei anhaltender Langsamkeit, wie man sie bei Gefangenen, depressiven Menschen oder Langzeitarbeitslosen beobachten kann, sind die individuellen Folgen mindestens so verheerend wie die Folgen des Geschwindigkeitswahns auf der anderen Seite.

Wenn Zeit Geld ist, müssten Arbeitslose, Kinder und Rentner ziemlich reich sein.

Die Geschwindigkeit zu erhöhen, ist in allen Bereichen des Lebens ein „blinder Reflex“, aus der Angst und aus Furcht geboren.

Genug Zitate? – Hier geht‘s weiter.

Die Zeit, die wir heute bräuchten, um die zahllosen übermittelten Bilder und Signale in Informationen zu verwandeln, mit denen wir dann auch etwas anfangen können, steht in keinem irdischen Leben zur Verfügung.

Work-Life-Balance ist eine Mogelpackung.

Als Erstes sollten zwei unterschiedliche Bedeutungen des Wortes „Ziel“ auseinandergehalten werde: das Ziel als Endpunkt auf der einen Seite und das Ziel als eine bestimmten Ursache auf der anderen Seite.

Die Selbsttäuschung besteht nun darin, dass in unserer Kultur (und von vielen auch individuell) angenommen wird, die Erreichung von quantitativen Zielen würde auch zu der Erfüllung von qualitativen Zielen führen.

Ob also jeder Tag ein Tag ist, der schon wieder vergeht, oder ein Tag, den man unverdientermaßen geschenkt bekommen hat, ist eine Frage der inneren Ausrichtung.

Neben der ständigen Beschleunigung, die sich in unserem Körper auswirkt und niederschlägt, wartet auf der anderen Seite schon eine zweite Zeitfalle: die Vorstellung, ja die Forderung nach möglichst vollkommenem Stillstand.

Genug Zitate? – Hier geht‘s weiter.

Wann immer es scheinbar um Fragen der Zuwendung, der Aufmerksamkeit, der Ernährung, des Schlafes, der Zuverlässigkeit, der Tagesgestaltung, der Sprache oder der Moral geht, geht es ständig auch um die Vermittlung von Zeitstrukturen.

Alle unsere sogenannten „Zeitprobleme“ haben – bis in die alltäglichsten Situationen hinein – bei genauerer Untersuchung immer mit einem Grenz- und Abgrenzungsproblem zu tun.

Das Wissen darum, dass jede Art von „Zeitersparnis“ mit einem Raumschwund und einem Erfahrungsverlust einhergeht, scheint uns in unserer Kultur inzwischen weitgehend abhanden gekommen zu sein.

Vergegenwärtigen wir uns zuerst, dass viele Jahrhunderte und Jahrtausende die Natur oder die menschliche Tätigkeit selbst der Maßstab für die Zeit waren und nicht umgekehrt.

Es ist auch ein Fehler, einfach zu glauben, Konsumgüter und Dienstleistungen würden uns entlasten oder seien wenigstens „zeitneutral“.

Die Frage lautet nicht, wie lange ein Vorgang dauert, sondern wie sinnstiftend und erfüllend er für uns ist.

Die Kunst, die Zeit zu dehnen, ist für einige andere Kulturen so selbstverständlich wie das Auto für den Westeuropäer.

An dieser Stelle höre ich auf zu zitieren; ich sehe schon, ich tendiere dazu, das ganze Buch abzuschreiben. Das würde meinem Verständnis davon wahrscheinlich sehr entgegenkommen, ist aber in Bezug auf eine Buchbesprechung sinnlos; auch liest es sich am Bildschirm nicht so angenehm, deshalb kaufen Sie sich‘s lieber, und ich geb jetzt eine Ruh. Na, ein letztes Zitat noch, weil es so gut ist:

„Ich werde mich umbringen. Ja, genau, ich sollte nach Paris fliegen und vom Eiffelturm springen. Dann wäre ich tot. Wisst ihr, wenn ich noch die Concorde kriege, könnte ich drei Stunden früher tot sein. Das wäre perfekt. Mit der Zeitverschiebung könnte ich noch sechs Stunden in New York am Leben sein, aber schon drei Stunden tot in Paris. Ich könnte etwas erledigen und schon tot sein.“ (Woody Allen)

Von Eva Schuster

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Infos:

Olaf Georg Klein, geboren 1955 in Ost-Berlin, wo er lebt und arbeitet. Er ist Gründungsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Zeitpolitik, Mitglied des Vereins zur Verzögerung der Zeit und Autor des Bestsellers „Ihr könnt uns einfach nicht verstehen! Warum Ost- und Westdeutsche aneinander vorbeireden“ (2001).

Mehr über Olaf Georg Klein bei Wikipedia.

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