15/04/2013von 760 Views – 0 Kommentare

James, Henry: Das Durchdrehen der Schraube

Roman
Taschenbuch
208 Seiten
Erschienen 2013 bei dtv (Neuauflage)
Aus dem Englischen von Karl Ludwig Nicol
Originalausgabe: „The Turn of the Screw“”, 1897

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Inhalt:

Eine der verstörendsten und raffiniertesten Geschichten für spannende Abende: Eine junge Pfarrerstochter wird auf einem abgeschiedenen englischen Landgut als Gouvernante eingestellt. Als ihr die Geister zweier verstorbener Angestellter erscheinen, verfällt sie in den wahnhaften Eifer, die Kinder beschützen zu müssen. Unheilvolle Dinge geschehen … (Pressetext)

Kurzkritik:

Gleich, ob man an daran glaubt, ob es diese Geister gegeben hat oder nicht, man wird sich vor ihnen fürchten. Und zwar, weil Henry James ihre Untaten gar nicht beschrieben hat. Man erschafft sie sich selbst.

Werner gibt  ★★★★★  (5 von 5 Eselsohren)

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Besprechung:

Derselbe kalte Hauch, immer anders

Mit „Das Durchdrehen der Schraube“ gelang Henry James das Kunststück, eine Geistergeschichte gewissermaßen ohne Geister zu schreiben. Das stimmt so nicht ganz: Es gibt unheimliche Erscheinungen, doch James beschreibt nicht, was diese tatsächlich tun, er überlässt dies der Phantasie der LeserInnen.

Und ob es diese Geister überhaupt gibt resp. gegeben hat, überlässt der dem Urteil derselben: Ein Erzähler schreibt auf, was er bei einer abendlichen Gesellschaft am Kaminfeuer gehört hat, und dort wurde aus den Aufzeichnungen eines Kindermädchens vorgelesen. Da kann man am „Wahrheitsgehalt“ schon ein wenig zweifeln, oder? Die Opfer sind jedenfalls zwei Kinder.

Die eigene Vorgängerin

Diese, Miles und Flora, wachsen – im 19. Jahrhundert – elternlos auf dem Landsitz ihres Onkels und Vormunds auf (der sich außer finanziell nicht um sie kümmert). Kurz nachdem das neu engagierte Kindermädchen auf diesem Landsitz eingetroffen ist, beobachtet sie wiederholt besagte Geistererscheinungen, in denen sie schließlich ihre eigene Vorgängerin und einen früheren Diener erkennt (die unter nicht näher geklärten Umständen ums Leben gekommen sind).

Bald ist sie auch davon überzeugt, dass die Kinder diese Erscheinungen ebenfalls sehen, ihr aber nichts davon erzählen. Und sie glaubt an einen schlechten Einfluss, den die Geister auf die Kinder ausüben (welche sie allerdings als äußerst artig und liebreizend beschriebt). Worin dieser schlechte Einfluss besteht, wird nicht beschrieben. An Schluss kommt der Junge ums Leben, doch man könnte nicht sagen, wodurch.

Entweder, oder, und

Diese Geschichte kann man auf zweierlei Arten „verstehen“, behaupten die LiteraturwissenschaftlerInnen. Entweder man glaubt, dass die Geister tatsächlich existieren, oder man glaubt dies nicht. (Es gibt auch einen dritten Ansatz, dem zufolge beide Interpretationsmöglichkeiten gleichzeitig in der Novelle angelegt sind.) Menschen, die sich von Kunst „lediglich“ ihre Phantasie anregen lassen mögen, stellen sich hier vielleicht die Frage, wozu man eine Geistergeschichte ohne „echte“ Geister lesen wollen sollte. Gereicht dies nicht bloß WissenschaftlerInnen zur Freude, welche sich an der Kunstfertigkeit und am Kalkül Henry James‘ delektieren?

Nun steht man als Konsument allerdings immer vor der Entscheidung, ob man der Kunst glaubt oder nicht. Man ist ja auch von der Leistung etwa einer Opernsängerin ergriffen, die ganz offensichtlich kostümiert auf einer Bühne steht und vorgibt, jemand zu sein und etwas zu denken und zu fühlen. Man kann sich sogar erlauben, zwischendurch im Programmheft zu lesen oder Orchester und Dirigent zu beobachten (oder sonstwie abzudriften), und sich dann wieder in die Fiktion einklinken.

Hinreichend

Etwas Ähnliches mag mit der oben erwähnten dritten Lesart gemeint sein: Man kann nämlich sehr wohl über die (Existenz der) Geister nachdenken und sich trotzdem vor ihnen fürchten. Das wird man auch – und wahrscheinlich um einiges mehr, als wenn James sie und ihre Untaten genauer beschrieben hätte. Warum „Das Durchdrehen der Schraube“ dermaßen unheimlich ist, hat er selbst erklärt: „Bringe nur die allgemeine Vorstellung des Lesers vom Bösen intensiv genug hervor (…) und seine eigene Erfahrung, sein eigenes Vorstellungsvermögen, seine eigene Sympathie (für die Kinder) und das Grauen (vor ihren trügerischen Freunden) werden ihn völlig hinreichend mit all den Details versorgen.“

Dieser „Trick“ funktioniert auch, wenn man ihn kennt. Und so ist dies ein Buch für alle – vom Wissenschaftler bis zum Gruselfan, vielleicht sogar für Hardcore-Horrorfans (weil die sich mit ausreichend Details versorgen können).

Böser Zauber

Um sich von dieser Geschichte böse verzaubern zu lassen, sollte man allerdings Literatur des 19. Jahrhunderts und Henry James‘ Manierismus mögen. Auch weil der Übersetzer der vorliegenden Ausgabe, Karl Ludwig Nicol, hat die Geschichte, wie er im Nachwort schreibt, nicht modernisiert hat. Denn, so Nicol, „die Sprache aus der Zeit der Handlung dieser Erzählung muss den Leser, wie bei einem Kostümstück oder -film die Gewänder, in die damalige Zeit versetzen.“ Das Grauen, das man dann verspürt, wird heutig sein, auch wenn es von Sätzen wie diesen evoziert wird:

(…) ich greife wieder auf, was ich gelitten habe, ich verfolge noch einmal meinen ganzen grauenvollen Weg bis zum Ende. Auf einmal kann eine Stunde, von der an, wie die Rückschau ergibt, meine berufliche Tätigkeit für mich einzig reines Leiden gewesen zu sein scheint; doch bin ich nun wenigstens ins Innerste der Sache gelangt, und der unmittelbare Weg heraus besteht zweifellos darin, fortzuschreiten. Eines Abends – völlig ohne etwas, das es herbeiführte oder ankündigte – fühlte ich denselben kalten Hauch, der mich in der Nacht meiner Ankunft angeweht hatte und denn ich, da er damals, wie ich erwähnt habe, weit schwächer war, wahrscheinlich kaum im Gedächtnis behalten hätte, wenn die folgende Zeit meines Aufenthalts weniger beunruhigend gewesen wäre.

Von Werner Schuster

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Infos:

Das meinen andere (Perlentaucher-Rezensionsnotizen).

Henry James, geboren 1843 in New York, war Sohn eines wohlhabenden Schriftstellers irischer Abstammung. In Amerika und Europa zum Weltbürger erzogen, schrieb er seit 1864 Kritiken und Kurzgeschichten für verschiedene Zeitschriften. 1876 erschien sein erster Roman, dem viele weitere folgten, darunter 1897 „The Turn of the Screw“. Henry James lebte seit 1882 in England, wurde 1915 englischer Staatsbürger und starb 1916 in London. Bis heute gilt er als Meister des psychologischen Romans.

Mehr über Henry James bei Wikipedia.

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