04/02/2009von 411 Views – 0 Kommentare

Labarca, Eduardo: Der köstliche Leichnam

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Buchcover
Roman
Aus dem Spanischen von Renata Zuniga
Hardcover: Drava, 2008
(„Cadaver tuerto“, Catalonia, 2005)
Inhalt:

Der Roman über einen Tyrannen, die Folter und das Exil.Cadavre exquis (köstlicher Leichnam) wurde zur Bezeichnung für ein kreatives Spiel, von dem André Breton, der Vater der französischen Surrealisten, behauptet, es sei ein unfehlbares Werkzeug, das kritische Denken auszuschalten und der metamorphischen Fähigkeit des Geistes freie Bahn zu verschaffen.
Auch im Roman von Eduardo Labarca kommt ein cadavre exquis »Cadáver tuerto« auf Spanisch vor, allerdings wie so manches in diesem Roman anders als man es bislang kennt. Als Lautraro, der Protagonist, nach einer fünfundzwanzigjährigen Odyssee aus dem Exil wieder nach DORT (das Chile von heute) zurückkehrt, wird er für einen fernsehmäßig aufgeblasenen cadavre exquis als Schauspieler für die Rolle des Tyrannen engagiert. Der Tyrann, der auch die Figur des Generals ist, ist mit dem etwas amorphen Protagonisten Lautraro, der von sich selbst »meine Schwäche ist meine Stärke« sagt, mehr als ein halbes Leben lang symbiotisch verstrickt.In Wirklichkeit ist der tyrannische General kein geringerer als General Augusto Pinochet. Er und sein 1973 mit Hilfe der USA vorbereiteter Militärputsch gegen den demokratisch gewählten Staatspräsidenten Salvador Allende bilden die Rahmenhandlung für Labarcas Roman. (Pressetext)

Kurzkritik:

iese Handlung wird nun von Labarca nicht bloß wiedergegeben, sondern – nicht umsonst heißen die Kapitel „Visionen“ – mit einem magischen Realismus erzählt, der weniger süffig als etwa der von Garcia Márquez ist, aber auch nicht wirklich sperrig.

Doch es lohnt der Mühe, und ich stelle „Der köstliche Leichnam“ auf dieselbe hohe Stufe wie Garcia Márquez‘ „Der Herbst des Patriarchen“ und Kapuscinskis „König der Könige“ (wiewohl ich letzteres eher als literarische Reportage bewerte).

Werner gibt  ★★★★½  (4,5 von 5 Eselsohren)

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Besprechung:

Visionen einer Diktatur

„Entschuldigen Sie, dass ich mit dem ,köstlichen Leichnam‘ in Verzug bin. Manche Bücher brauchen eine spezielle Gestimmtheit, damit ihre Qualität auch gewürdigt werden kann,“ habe ich dem Drava-Verlagsleiter wahrheitsgemäß geschrieben. Darüber hinaus ist Labarcas Roman das, was man landläufig unter „Literatur“ versteht, also eher anstrengend zu lesen.

Der Chilene Labarca setzt sich in elf „Visionen“ mit dem Wesen von Diktatur anhand der von Pinochet auseinander, Hauptfigur ist Lautraro, der sich als Schauspieler im Widerstand betätigt hat, sein 25-jähriges Exil und seine Rückkehr in die Heimat.

Für mich herausragend und überwältigend ist die Beschreibung seiner Folterung, zu der Labarca, meisterhaft parallel geführt, Lautraros Leben bis zur Verhaftung erzählt. (Das sind dann die Bilder, die Schlagworte wie Guantánamo mit entsetzlichem Leben erfüllen.)

Ein Geheim-Radiosender im Ausland

Rund um dieses Kapitel wird Lautraros Tätigkeit für einen Geheim-Radiosender im Ausland erzählt, der „Chiles“ Bevölkerung in ihrer Haltung gegen „Pinochet“ unterstützen soll; seinen Aufenthalt an einem „HIER“ genannten Ort (dessen Identität ich nicht entschlüsseln konnte) mit Computer-gestützter Überwachung, mit einer wohlhabenden Oberschicht, mit einem Heer von Armen und einer Untergrundbewegung; seine Rückkehr in die „DORT“ genannte Heimat: Hier wird er für die Rolle des „Pinochet“ in einem 24-Stunden-Fernsehspiel (eines vor allem an Werbeeinnahmen interessierten Privatsenders) engagiert, das während der Gerichtsverhandlung über den verhafteten Diktator ausgestrahlt wird.

Diese Handlung wird nun von Labarca nicht bloß wiedergegeben, sondern – nicht umsonst heißen die Kapitel „Visionen“ – mit einem magischen Realismus erzählt, der weniger süffig als etwa der von Garcia Márquez ist, aber auch nicht wirklich sperrig.

Doch es lohnt der Mühe, und ich stelle „Der köstliche Leichnam“ auf dieselbe hohe Stufe wie Garcia Márquez‘ „Der Herbst des Patriarchen“ und Kapuscinskis „König der Könige“ (wiewohl ich letzteres eher als literarische Reportage bewerte).

Von Werner Schuster

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Infos:

Eduardo Labarca wurde 1938 in Santiago de Chile geboren und verlebte seine Kindheit in Chillán, Buenos Aires und Paris. In Santiago de Chile promovierte er an der Universidad de Chile zum Rechtsanwalt und wird Presse-, Radio- und Fernsehjournalist.
1974 ging er ins Exil und arbeitete sieben Jahre lang für die Sendung »Escucha Chile« bei Radio Moskau. Später war er in mehreren Ländern, vor allem in Wien, als Übersetzer für die Vereinten Nationen tätig.

Über Eduardo Labarca bei lesefestwoche.at.

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