27/10/2010von 1.487 Views – 0 Kommentare

Richter, Hans Werner: Die Stunde der falschen Triumphe

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Buchcover

  • Taschenbuch
  • Erschienen 2010 bei Wagenbach
  • Erstmals erschienen 1981


Inhalt:

Erzählt wird eine Dorfgeschichte aus den dreißiger, vierziger Jahren, die uns besser verstehen lässt. Zwei junge Männer heißen beide Willi, der eine ist Friseur, der andere Lehrer. Der Friseur, der sich als „Mann der Mitte, nach allen Seiten offen“ empfindet, unterliegt den Verlockungen der Anpassung. Der pazifistische Lehrer wird verhaftet, kommt wieder frei, verstummt. Zwischen beiden steht Fritz, der NSDAP-Ortsgruppenleiter, der den Friseur dazu bringt, in die Partei einzutreten; den Lehrer rettet seine Frau. 1945 wird der Lehrer als Bürgermeister eingesetzt und entnazifiziert Fritz. Keiner triumphiert. Alle passen sich wieder an. Wer soll das verstehen? (Pressetext)

Kurzkritik:

„Wer soll das verstehen?“, lautet der Schlusssatz dieses ebenso schlanken wie reichhaltigen Romans. Dabei ist doch alles ganz klar: Hans Werner Richter beschreibt in „Die Stunde der falschen Triumphe“ ein Dorf vor, während und nach der NS-Zeit.

Er schildert endlich einmal keine oberbößen Nazis und superguten Widerstandskämpfer, sondern, ja, Menschen wie dich und mich. Was hätten du und ich in der Nazizeit tatsächlich getan oder nicht getan?

Werner gibt  ★★★★¼  (4,25 von 5 Eselsohren)

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Besprechung:

Wir verstehen das schon

„Wer soll das verstehen?“, lautet der Schlusssatz dieses ebenso schlanken wie reichhaltigen Romans. Dabei ist doch alles ganz klar: Hans Werner Richter beschreibt in „Die Stunde der falschen Triumphe“ ein Dorf vor, während und nach der NS-Zeit.

Er erzählt einerseits von einem Mann, der zwar kein Widerstandskämpfer gewesen ist, aber aufgrund seiner linken Gesinnung auch keine Chance hatte, zum Mitläufer zu werden.

Doch zuerst charakterisiert Richter jene Menschen, die nicht unbedingt NSDAP-Mitglied werden wollten und dann widerwillig doch beigetreten sind. Das dürfte damals, schätze ich mal, die schweigende Mehrheit gewesen sein. Nur hört und liest man von denen so gut wie nichts.

Der Kunde ist König

„Die Stunde des Friseurs“ ist der Titel des ersten Romanteils und schildert uns den Friseur Willi, der am meisten daran interessiert ist, dass sein Laden läuft. Also hört und stimmt er dort allen zu. Als die Nazis auch im kleinen Ort die Macht ergreifen, gibt er auch denen Recht. Dass er ausgerechnet in seinem Schlafzimmer ein Hitlerbild aufhängen soll, gefällt ihm und seiner Frau zwar überhaupt nicht, doch ausgerechnet der pazifistische Lehrer überzeugt ihn davon, dass er den Nazis zu Gefallen ist.

Es ist auch dieser Lehrer (er heißt ebenfalls Willi), der, von den Russen als Bürgermeister eingesetzt, den Friseur vor ebendiesen rettet. Die wollten das Hitlerbild als Trophäe mit heim nehmen, nur hat das die Friseursgattin kurz zuvor verbrannt.

Zuerst die Schulbehörde, dann die Nazis

Im zweiten Teil, „Die Stunde des Lehrers“, erzählt uns Richter die Nazizeit von der Warte dieses Lehrers aus. Der hatte im Ersten Weltkrieg gekämpft und sich währenddessen zum Pazifisten entwickelt. Er sympathisiert mit den Linken, vor allem aber liebt er seine SchülerInnen, die er zu bewussten Menschen erziehen will, was ihm Schwierigkeiten mit der Schulbehörde einbringt.

Und dann, natürlich, mit den Nazis. Er wird suspendiert, verhaftet, wieder freigelassen und lebt daraufhin am Rande einer Gesellschaft, die zum Teil aus Nazis besteht, wie der Friseur einer ist.

Dem Ortsgruppenleiter wird geholfen

Und beide Willis helfen nach dem Krieg dem dann ehemaligen NSDAP-Ortsgruppenleiter Fritz. Wer soll das verstehen? Nunja, wenn man dieses Buch gelesen hat, versteht man das schon, irgendwie, auch wenn man‘s vielleicht nicht gutheißt.

Denn Richter schildert uns endlich einmal keine oberbößen Nazis und superguten Widerstandskämpfer, sondern, ja, Menschen wie dich und mich. Was hätten du und ich in der Nazizeit tatsächlich getan oder nicht getan?

Von Werner Schuster

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Infos:

Hans Werner Richter, 1908 in Bansin auf Usedom geboren, 1993 in München gestorben, war gelernter Buchhändler, gab 1946 mit Alfred Andersch die Zeitschrift „Der Ruf“ heraus und war Mitbegründer der Gruppe 47. Bei Wagenbach erschienen: „Ein Julitag“, „Im Etablissement der Schmetterlinge“ und „Geschichten aus Bansin“.

Mehr über Hans Werner Richter bei Wikipedia.

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