Tsuji, Hitonari: Warten auf die Sonne

29. Sep. 2008 | von

BuchcoverRoman
Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe
Taschenbuch: Piper, 2008
Hardcover: Piper, 2006
(„Taiyo Machi“, Bungei Shunju, 2001)

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Magischer Realismus mit Hiroshima

„Ein reizvolles, in sich ruhendes philosophisches Kammerspiel um Warten, Erwartung und Erlösung“ (FAZ) – das klingt so nach Coelho. Doch wer sich dieses Buch aufgrund dieses Klappentextes kauft, wird sich wundern. Gewiss, „Warten auf die Sonne“ handelt davon, dass Menschen auf etwas warten, aber die Erlösung ist bei Hitonari Tsuji nicht esoterisch oder religiös, sondern … eigentlich gar keine Erlösung. Befreiung vielleicht.

Und dann fehlt dem Buch der intime Rahmen eines Kammerspiels aber von so was. Außer eventuell im Krankenhauszimmer des Koma-Patienten (und also Ex-Kriminellen) Jiro, auf dessen Erwachen sein Bruder Shiro (ein Filmrequisiteur) wartet. Ansonsten wartet ein alter Filmregisseur am Freiluft-Set samt Riesencrew auf ganz bestimmte Lichtverhältnisse, wartet (die für Continuity zuständige) Tomoko darauf, endlich wieder schlafen zu können, wartet ein Mafiosi darauf, dass Shiro ihm Jiros Tasche bringt (in der sich eine große Menge Drogen befinden), wird davon erzählt, wie der US-Pilot Craig Bouchard von den Japanern in Hiroshima gefangen gehalten wird – und darauf wartet, dass die Atombombe detoniert.

Und abgesehen davon, dass ich „Warten auf die Sonne“ auch nicht für in sich ruhend oder philosophisch halte, – es ist ein großartiges Buch: Wer es sich etwa kauft, weil es auf der Umschlag-Rückseite mit Murakami in Verbindung gebracht wird, der/die wird sich eventuell fragen, ob denn alle japanischen AutorInnen einem magischen Realismus huldigen, also am liebsten die reale Wirklichkeit mit Halluzinationen und Träumen verschmelzen. Denn dies macht auch Tsuji und treibt einige seiner Motive (besagte Drogen-Tasche etwa) auf eine so selbstverständlich wirkende Art und Weise durch beide Welten, dass selbst zynische Realisten ihre magischen Momente haben werden.

Wieso fallen mir jetzt nochmals die KollegInnen von der FAZ ein? – Vielleicht weil sie auf ihren Erlösungsgedanken wegen der Happy Ends gekommen sein könnten. Diese (die Happy Ends) sind zwar nur angedeutet, aber was soll’s. Wer könnte es verdenken, dass man in einer kalten und brutalen (realen!) Welt genährte Hoffnung schon einmal mit Errettung verwechselt.

Hitonari Tsuji jedenfalls ist eine Entdeckung. „Warten auf die Sonne“ ist der erste von ihm ins Deutsche übersetzte Roman, im Oktober folgt „Der weiße Buddha“.

Von Werner Schuster

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Mehr über Hitonari Tsuji bei Wikipedia,
mehr von ihm und mehr von Piper bei „Eselsohren“.

Kategorie: Romane & Erzählungen | Schlagwörter: , , , ,

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