Richard Newman: Alme Rosé
Weidle (2001), Bvt
Dirigieren in Auschwitz
22 Jahre hat der Musikkritiker Richard Newman an seiner Biographie über Alma Rosé, die Leiterin des Frauenorchesters von Auschwitz, gearbeitet. Den größten Teil dieser Zeit hat er mit weltweiten Recherchen und Interviews zugebracht. Geschrieben hat er dann (gemeinsam mit Karen Kirtley) eine gleichermaßen erschütternde, anschauliche und umfassende Lebensgeschichte.
Diese Geschichte läßt sich in drei Abschnitte unterteilen: Alma Rosés Kindheit und Jugend innerhalb der musikalischen Elite im Wien der (Vor-)Kiegszeit; ihre Bemühungen um ein unabhängiges Leben als Musikerin; schließlich ihr Kampf, nach dem Motto „Wenn wir nicht gut spielen, gehen wir ins Gas“ inmitten des Lagerterrors ein hervorragendes Orchester zu schaffen.
Bis vor kurzem hat man von diesem Leben so gut wie nichts gewusst. Man kennt sie – in diversen Musiklexikons – bloß als Kind ihres berühmten Vaters. Und – aus der Sicht von Fania Fénelon – als despotische Dirigentin des „Mädchenorchesters von Auschwitz“ (dtv 1706). Dieses Buch mit seinem offensichtlich falschen Bild von Alma (etliche „Mädchenorchester“-Mitglieder widersprachen diesem öffentlich) war ausschlaggebend, dass Newman mit seinen Recherchen begann. Zuerst fand er – in Almas Bruder Alfred Rosés Haus – Briefe von Alma, dann machte er sich auf die Suche nach Zeitzeugen und Dokumenten, aus denen er ein Porträt der Musikerin zusammenfügte, das der Wahrheit so nahe wie mäglich kommen sollte.
Die Tochter von Gustav Mahlers Schwester Justine und Arnold Rosé, dem Konzertmeister der Wiener Philharmoniker, wurde am 3. November 1906 in Wien geboren und wuchs in einer privilegierten Elitewelt auf, die von Musik erfüllt war. Ihr Vater, ein assimilierter Jude, der den Namen Rosenblum abgelegt hatte, unterrichtete sie und verschuf ihr erste Auftrittsmöglichkeiten. Alma heiratete den tschechischen Violinvirtuosen Vasa Prihoda, mit dem sie gemeinsam Konzerte gab, und gründete das Damenorchester „Wiener Walzermädeln“. Von solchen Kapellen hatte es 1914 im Kaiserreich an die 300 gegeben (Frauen war der Zugang zu Berufsorchestern verwehrt), und schon bald nach dem Krieg spielten sie wieder Unterhaltungsmusik für ein breites Publikum. Alma bestand darauf, dass die „Walzermädeln“ auswendig und mit höchster Perfektion musizierten.
1935 ließ sie sich von Prihoda, einem passionierten Schüzenjäger, scheiden – und gab im Ausland Solidaritätskonzerte aus Protest gegen die Nazis. 1938 wurden (aufgrund der Nürnberger Rassengesetze) die „Walzermädeln“ aufgelöst und Vater Albert von den Philharonikern entlassen. Alma schaffte es, ihn nach England zu bringen, reiste jedoch nach Holland zurück, wo sie ihre Karriere als Geigerin fortsetzen wollte, sich jedoch mit meist privaten Konzerten kaum über Wasser halten konnte.
Nachdem die Nazis beschlossen hatten, auch Holland „judenrein“ zu machen, versuchte Alma in die Schweiz zu flüchten, wurde aufgegriffen und nach Auschwitz deportiert. Ohne ihre musikalisches Talent wäre sie dort Opfer der medizinischen Experimente von Dr. Josef Mengele geworden. Statt dessen machte man sie zur Chefin des Frauenorchesters. Aus hungernden und terrorisierten Mädchen mit welcher Ausbildung und welchem Instrument auch immer formte sie ein brillantes Orchester, das – neben Marschmusik für ausgemergelte „Arbeitskommandos“ – Mozart für den Kommandanten und die AufseherInnen (sowie für eigens eingeladene hochrangige Nazis) auch auf Akkordeons und Mandolinen spielte. Den Frauen Disziplin und Gehorsam abverlangend, rettete sie ungefähr 50 von ihnen vor dem sicheren Tod. Sie selbst starb am 4. April 1944 an einer Fleischvergiftung. Und es ist zutiefst verstörend, dass in der von Menschen geschaffenen Hölle Auschwitz der Massenmörder Mengele vergeblich versuchte, das Leben der Jüdin Alma Rosé zu retten, und ihr ergriffen die letzte Ehre erwies. Man möchte es nicht für möglich halten, dass Bestialität und Menschlichkeit so nahe beieinanderliegen können.
In Wien wurde dieses penibel recherchierte, ausgezeichnet geschriebene, erschütternde Buch am Mittwoch, dem 7. November 2001 (kurz nach Alma Rosés 95. Geburtstag), im Literaturhaus präsentiert. Die deutsche Übersetzung ist 2003 im Weidle Verlag erscheinen. 2005 brachte der Bvt ein taschenbuch heraus.
© Augustin (2001)
Alma Rose. Wien 1906 – Auschwitz 1944 bei Amazon.
Über Alma ROSÉ bei Wikipedia.


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Hallo Herr Schuster, Alma Rosés Vater war ARNOLD (Vornamen wenigstens richtig zitieren) ROSÈ; Schwager von Gustav Mahler; Die Scheidung Alma Rosé – Vasa Prihoda hatte komplexere Gründe (Newman läßt deutlich ahnen); völlig verschiedene soziale Herkünfte; Alma konnte weder kochen noch sonstige hausfrauliche Tätigkeiten erledigen; Arnold Rosé drängte seine Tochter (die sich tatsächlich sehr in V.P. verliebt hatte) zur Ehe mit Prihoda, der in den 20er Jahren der mit Abstand prominenteste Geiger – nicht nur – in Wien war. Prihoda: “Habe ich Dich oder Deinen Vater geheiratet?”. – Newman hat jahrzehntelang recherchiert – ist aber bei Prihoda einerseits einer Reihe falscher Informationen aufgesessen – und bindet in seiner Alma-Hagiografie die meisten “unangenehmen” Gesichtspunkte Prihoda um; usw. usw.
Mit freundlichem Gruß
Wolfgang Wendel
Hallo Herr Wendel, danke für Ihre Anmerkungen. Ich werde den Fehler gleich korrigieren.