Torberg, Friedrich: Mein ist die Rache
Novelle
Taschenbuch: dtv, 2008
(LangenMüller, 1965)
Aug in Aug, Auge um Auge
Den 100. Geburtstag von Friedrich Torberg nimmt dtv zum Anlass, die bedeutende Novelle „Mein ist die Rache“ in einer Einzelausgabe herauszugeben (– zuletzt erschien sie im 1968 erschienenen Erzählband „Golems Wiederkehr“, welcher insgesamt zu wenig Beachtung fand). Es war – wie ich dem Nachwort von Marcel Atze entnehme – „ein hoffnungsvoller Auftakt zu einem gänzlich neuen Abschnitt seiner Schriftstellerkarriere“, denn Torberg hatte nach dem Erfolg mit „Der Schüler Gerber hat absolviert“ 1930 bis zu seinem Exil nur „wenig erfolgreiche und mediokre Romane“ geschrieben.
In die USA geflüchtet, macht er sich 1941 – nach einem Jahresvertrag bei den Warner Bros. in Hollywood – an die Arbeit an „Mein ist die Rache“. Thema ist nicht mehr wie zuvor die unpolitisch betrachtete, mitteleuropäisch-bürgerliche Nachkriegs-Generation, sondern die Gräuel der Nazi-Konzentrationslager. Kunstvoll (mit Rahmenhandlung) konstruiert und in klarer, gewählter Diktion beschreibt Torberg nicht die industrielle Massenvernichtung, sondern das Auftauchen des sadistischen Lagerleiters Wagenseil in einem bis dahin – So sonderbare Formen kann das Glück annehmen – nicht so schlimmen Lager.
Wagenseil separiert die Juden und setzt auch alles daran, deren Gemeinsamkeit des Leids zu zerstören. Er wollte uns selbst die schwächste aller Tröstungen verwehren. Er demoralisierte noch unser Leiden. Als Wagenseil einzelne Lagerinsaßen durch Folter zum Selbstmord treibt, entsteht in der Judenbaracke eine Diskussion darüber, ob man sich nicht wehren sollte. Der „Rabbinatskandidat“ Joseph Aschkenasy spricht sich dagegen aus und meint, der Herr spricht „Mein ist die Rache“, man sollte also in Gott vertrauen. Ihm wird entgegenet: Aber glauben Sie nicht, daß es manchmal besser wäre, sich nicht auf die Rache des Herrn zu verlassen? Glauben Sie nicht, das das manchmal eine Schwäche sein kann?
Ob die Juden schließlich Widerstand leisten oder nicht, sollte hier nicht verraten werden, auch um die Wirkung von Torbergs starker Schlusspointe nicht zu mindern. Aus demselben Grund werde ich auch nicht über die Diskussionen schreiben, welche diese Schlusspointe ausgelöst hat, sondern möchte nur noch anmerken, dass Torberg mit „Mein ist die Rache“ viel mehr als einen literarischen Beitrag zum „Niemals vergessen“ geleistet hat. Zum einen hat er die – nicht nur Juden betreffende – Frage nach der Legitimation von Widerstand thematisiert, zum anderen erinnert er mit seiner Novelle auch daran, dass die KZs nicht „nur“ Massenvernichtungslager waren.
Atze zitiert im Nachwort den Historiker Ulrich Herbert: „Die Vorstellung, es habe sich hierbei um einen ,industriellen‘, gewissermaßen modernen Genozid gehandelt, der die Täter-Opfer-Struktur des Massakers zugunsten anonymer Relationen auflöst, ist als Versuch erkennbar, den Massenmord auf diese Weise als ein tatenloses, geradzu metaphysisches Massensterben anonymer Opfer wahrnehmen zu können.“
In diesem Sinne liefert Torbergs Buch meiner Meinung nach auch Argumente gegen jene, welche die Zahl von sechs Millionen ermordeter Juden „widerlegen“ wollen. Es ist zwar auch die Opferzahl nicht egal, jedoch kein Argument gegen eine Ideologie, aus der die Errichtung von KZs in Verbindung mit dem absurden Gedanken von minderwertigen Menschen hervorgegangen ist.
Von Werner Schuster
Mein ist die Rache bei Amazon.
Über Friedrich Torberg bei Wikipedia,
mehr von dtv bei „Eselsohren“.









