Frisch, Max: Mein Name sei Gantenbein
Suhrkamp
(1964)
Vorgetäuschte Blindheit
Max Frisch’ gern zitierter Satz Es ist nicht Zeit für Ichgeschichten wird – wie so oft – verkürzt wiedergegeben; “vollständig” lautet er: Manchmal scheint mir auch, dass jedes Buch, so es sich nicht befasst mit der Verhinderung des Krieges, mit der Schaffung einer besseren Gesellschaft und so weiter, sinnlos ist, müßig, unverantwortlich, langweilig, nicht wert, dass man es liest, unstatthaft. Es ist nicht Zeit für Ichgeschichten. Und doch vollzieht sich das menschliche Leben oder verfehlt sich am einzelnen Ich, nirgends sonst.
Dieser Satz steht in der Mitte von “Mein Name ist Gantenbein”, einem Vexierbild von einem Roman, in welchem Frisch – wie so oft in seinem Werk – die Frage stellt, wie Gewissheit über die eigene Identität möglich wäre; anders gesagt: “Wer bin ich?”
In unserem Fall wurde ein namenloser Erzähler von der von ihm geliebten Lila verlassen. Ein Mann hat eine Erfahrung gemacht, jetzt sucht er die Geschichte seiner Erfahrung, und zwar, indem er drei verschiedene Ichs die Beziehung mit Lila durchleben lässt. Eine zentrale Rolle nimmt dabei vorgetäuschte Blindheit ein, eine Versuchsanordnung, die dem “Blinden” die Möglichkeit gibt, andere zu beobachten, ohne dass sie es wissen.
Und erhält der Erzähler danach Gewissheit? – Das Erwachen (als wäre alles nicht geschehen!) erweist sich als Trug: es ist immer etwas geschehen, aber anders. – Ein Roman (und ein Autor) zum Beispiel für Menschen, die an den vielen Bescheid-Wissern zweifeln.
Von Werner Schuster
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Über Max Frisch bei Wikipedia.









