Drach, Albert: Untersuchung an Mädeln
dtv, Zsolnay
(1971)
Schlechter Lebenswandel
Es soll Wind gegeben haben, und diese Versicherung erscheint glaubhaft, wenn festgehalten wird, daß die Röcke, nämlich die unteren äußeren Kleidungsstücke der Weibspersonen, in Bewegung gerieten und die Anschauung der dann noch dürftiger bedeckten Oberschenkel zuließen, so daß sich Männer veranlaßt fühlten, ihre Kraftwagen anzuhalten und auf das Angebot der beiden, an der noch unvollendeten Autobahn wartenden sogenannten Mädel einzugehen, indem diesen zur Mitfahrt die Wagentüren geöffnet wurden.
Meines Wissens hat sich kein anderer Schriftsteller des “Protokollstil” so konsequent bedient wie österreichische Jurist Albert Drach, der zumindest seine bekanntesten Werke mit nüchterner Distanz und unter Verwendung des Konjunktivs und der indirekten Rede schrieb.
“Untersuchung an Mädeln” ist ein Gerichtsroman. Zwei junge Frauen geraten in die Mühlen der von Männern dominierten Justiz; sie werden beschuldigt, einen Mann erschlagen zu haben, der sie zuvor vergewaltigen hatte. Tatsächlich haben sie ihn niedergeschlagen und sind mit seinem Auto geflüchtet; von dem Mann fehlt jedoch seither jede Spur.
Es gibt keine Zeugen und keine Indizien, der “schlechte” Lebenswandel der Verdächtigen reicht aus, dass sie zu Mörderinnen gestempelt werden. Schließlich kommt es nicht darauf an, ob der Mord wirklich geschehen ist. Es genügt, daß er angenommen wird. Und das Gericht hat nicht zu suchen, ob irgendwo ein Zweifel vorhanden ist. Es hat den Zweifel aus der Welt zu schaffen, indem es urteilt.
Von Werner Schuster
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Über Albert Drach bei Wikipedia.









