28/04/2013von 512 Views – 0 Kommentare

Ziarati, Hamid: Fast Zwei

ziaratiRoman
Hardcover
174 Seiten
Erschienen 2013 bei Verlag auf dem Ruffel
Aus dem Italienischen von Adriana Enslin
Originalausgabe: „Quasi due”, 2012

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Inhalt:

Tauben am Himmel Teherans, eine Audienz bei Khomeini, Panzer an der irakischen Grenze: eine Jugend im Iran. – Aus der Perspektive des jungen Darioush schildert „Fast zwei“ die bewegte Zeit im Iran unmittelbar nach dem Sturz des Schahs. Darioushs Jugend wird unterbrochen, als er mit seinem besten Freund Zal als Kindersoldat an die Front im Ersten Golfkrieg kommt. (Pressetext)

Kurzkritik:

Heutzutage wird die Anzahl der Kindersoldaten auf ungefähr 250.000 geschätzt. Dieser Roman gibt ihnen ein Gesicht und eine Stimme.

Werner gibt  ★★★¾☆  (3,75 von 5 Eselsohren)

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Besprechung:

Kindersoldat Darioush

Heutzutage wird die Anzahl der Kindersoldaten auf ungefähr 250.000 geschätzt. „Fast zwei“ gibt ihnen ein Gesicht und eine Stimme.

Darioush ist ein Junge im Iran unmittelbar nach dem Sturz des Schah. Er ist pfiffig, gerissen und lebhaft, ein träumerischer Lausbub, der Filmhelden nacheifert. Er klaut das Moped des Postboten und fährt es zu Schrott, zündet sich und Zal mit einem selbst gebastelten Molotowcocktail an und dergleichen Jugendtorheiten mehr. Außerdem züchtet er Tauben und ist in die Schwester seines besten Freundes Zal verliebt.

Um seine schlechter werdenden schulischen Leistungen zu verbessern, lernt er einen (kurzen) Koranvers auswendig. Zufällig kann er diesen bei einem Überraschungstest gebrauchen und besteht den Test als Bester, woraufhin er vom Lehrer zu einer Pilgerfahrt mitgenommen wird, bei der er Ayatollah Chomeini begegnet und von dessen Charisma beeindruckt ist.

Gefangene Saddams

Danach – und weil er dem Kriegshelden Famideh nacheifern will – meldet er sich gemeinsam mit Zal freiwillig als Soldat. Besagter Famideh hat angeblich eine ganze Panzerkolonne aufgehalten, indem er einen Panzer mit Handgranaten zur Explosion brachte. Bei Darioush‘ erstem Fronteinsatz legt er trotz des Verbots, Licht zu machen, einen Feuerkranz um einen Skorpion, und beobachtet, wie sich dieser selbst tötet, – worauf der herbeieilende Vizekommandant vom Feind erschossen wird.

Als die Iraker angreifen, schießt er – wegen der Aussichtslosigkeit der Lage – nicht zurück, sondern versteckt sich unter der Leiche eines Kameraden und überlebt. Bei einem späteren Einsatz wird das Motorboot, auf dem er sich mit Zal befindet, unter Beschuss genommen. Er und sein Freund kommen mit dem Leben davon, werden jedoch von einem jungen Iraker namens Saddam gefangen genommen.

Befreundete Feinde

Darioush kann diesen überwältigen, lässt ihn allerdings am Leben, und bald freunden sich die beiden Feinde an. Sie sind ja bloß Jugendliche, die in etwas hineingeraten sind, das sie nicht verstehen können.

Als diese – für einen Krieg – seltsame Truppe von Irakern überfallen wird, rettet Darioush‘ Gefangener ihm das Leben. Zal wird allerdings getötet, und Darioush bastelt sich aus Reifen ein Floß, auf dem er in eine ungewisse Zukunft treibt.

Einnehmend

„Fast zwei“ handelt vom Erwachsenwerden in Kriegszeiten. Darioush ist ein einnehmender Junge (wenn man nicht seine Mutter, sein Vater oder sein Vorgesetzter ist), der uns seine Geschichte mit viel Humor erzählt. Für ihn ist alles Spiel, deshalb wirkt es umso erschreckender, als aus diesem Spiel mit einem Mal blutiger Ernst wird.

Es dauert allerdings, bis er dies wahrnimmt. Eigentlich ist es erst der Tod seines Freundes (auf der vorletzten Seite des Romans), der ihm wirklich vor Augen führt, in was er da hineingeraten ist. Leider bricht der Roman hier etwas abrupt ab. Ich hätte gerne noch erfahren, ob und wie Darioush mit seinen Erlebnissen zurechtkommt. Dass er sich den Wellen des Meeres anvertraut, ist für mich ein zu schwaches Schlussbild für das, was gerade geschehen ist.

Todsünde Verliebtheit

Dennoch ist Hamid Ziarati ein beeindruckender Roman gelungen. Über einen Jungen, der in einer Zeit der Umbrüche lebt: Der in einem – zumindest wirtschaftlich – liberalen Klima aufgewachsen ist und sich mit einem Mal in einer „Islamischen Republik“ zurechtfinden muss. Dessen Verliebtheit plötzlich als Todsünde gilt, dessen geliebte Taubenzucht von streng Religiösen verurteilt wird. Der sich in seiner jugendlichen Begeisterungsfähigkeit von der Kriegseuphorie anstecken lässt und davon träumt, als westlicher Actionfilm-Held ein Attentat auf den anti-westlich gesinnten Chomeini zu verhindern. Der schließlich – als Kindersoldat – zu schnell erwachsen wird. Aus einem lebenslustigen Menschen ist ein Überlebender geworden.

Heutzutage wird die Anzahl der Kindersoldaten auf ungefähr 250.000 geschätzt. „Fast zwei“ gibt ihnen ein Gesicht und eine Stimme.

Von Werner Schuster

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Infos:

Hamid Ziarati, geboren 1966 und aufgewachsen bis 1981 in Teheran, siedelte kurz nach der Islamischen Revolution nach Italien über, wo er seitdem in Turin lebt. Seine Werke verfasst Hamid Ziarati auf Italienisch. Sein Debütroman Salam, Maman gewann 2007 den Preis „Premio del Giovedì Marisa Rusconi“. „Fast zwei“, sein dritter Roman, ist die erste Übersetzung ins Deutsche.

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