10/03/2011von 550 Views – 0 Kommentare

Zum Beispiel Woolf, Teil 1

Virginia Woolf war nicht bloß jene Frau, die lange kein Zimmer für sich allein hatte. Die Schriftstellerin hatte nicht einmal eine ihr entsprechende Bildung genossen, sondern sich ihr Wissen mehr oder weniger im Selbststudium angeeignet. Schon von daher müssen wir uns Woolfs biografischem Hintergrund widmen, bevor wir uns ihres Werks annehmen, das – neben dem von Joyce – eine Wende für die Erzähltechnik eingeläutet hat.

Virginia Woolf mit ihrem Vater

Virginia mit ihrem Vater Leslie Stephen, 1902
© Unbekannter Fotograf

Virginia Woolf wurde am 25. Jänner 1882 in London geboren und wuchs im großbürgerlichen Milieu des viktorianischen England auf. Ihr Leben lang litt sie unter wiederkehrenden psychischen Krisen. 1912 heiratete sie Leonard Woolf. Zusammen gründeten sie 1917 den Verlag „The Hogarth Press“. Ihr Haus war eines der Zentren der Künstler und Literaten der Bloomsbury Group. Am 28. März 1941 nahm Virginia Woolf sich das Leben.

Virginias Mutter Julia war eine kluge, adelige Frau mit großem Schönheitssinn, die sich ihrem gleichermaßen despotischen wie depressiven Mann Leslie Stephan unterordnete. Der arbeitete als Journalist und Historiker.

Die Jungen kamen nach Cambridge

Bald bestand die Familie aus acht Kindern: vier gemeinsamen, drei aus Julias erster Ehe und einem schwachsinnigen Mädchen aus Leslies erster Ehe. Die Jungen kamen auf die Public School, dann nach Cambridge, die Mädchen wurden zu Hause unterrichtet, meistens von den Eltern, machmal von Hauslehrern.

Bis zu Julias Tod 1895 war das Haus in London ein liberaler Treffpunkt für die intellektuelle Elite. Die Kinder – auch die Mädchen – durften zuhören: „Mit dem Tod meiner Mutter war das fröhliche, abwechslungsreiche Familienleben, das sie aufrechterhalten hatte, für immer zu Ende. Statt seiner senkte sich eine düstere Wolke auf uns herab“, schrieb Woolf später in „Eine Skizze der Vergangenheit“. Beeinflusst vom sich seinem Leiden hingebenden Vater, stellte die Familie lange Zeit jede Tätigkeit ein. „Ein Finger schien sich auf unsere Lippen gelegt zu haben.“

Unsittlich berührt

Virginias Schwester Stella übernahm die Aufgaben ihrer Mutter. Stellas Bruder George meinte, den Stiefschwestern gegenüber eine Art Vaterrolle spielen zu müssen. Psychoanalytiker und Biographen beschreiben, dass er Virginia missbraucht oder zumindest öfter unsittlich berührt haben und damit einen der Auslöser für ihre manisch-depressive Erkrankung gesetzt haben könnte.

Andere Wissenschaftler weisen auf die genetische Prädisposition ihrer Familie hin. So litt Virginias Vater unter Anfällen von Selbstzweifeln und Überlastungssymptomen, die sich in hartnäckigen Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit, Reizbarkeit und Angstzuständen äußerten. Über ähnliche Beschwerden klagte später auch die Tochter.

Bewundern, trösten und beschimpfen lassen

Als Stella 1897 heiratete (und im selben Jahr starb), musste Virginias achtzehnjährige Schwester Vanessa ihre Nachfolge antreten. Diese bot ihrem Vater Widerstand, der Frauen einerseits als Abladeplatz seiner üblen Launen benutzte, sich andererseits aber gern von ihnen bewundern und trösten ließ.

Neben ihren häuslichen Pflichten hatten Vanessa und Virginia von zehn Uhr bis in den Nachmittag hinein frei. Während dieser Zeit machte Virginia ihre – auch lateinischen oder griechischen – Hausarbeiten. Danach mussten sie mit den zahlreichen Gästen Konversation machen: „Unten im Haus herrschte die reine Konvention, oben der reine Intellekt. Aber es gab keine Verbindung zwischen den beiden.“

Schließlich wurde beim Vater Krebs diagnostiziert. 1902 gab man ihm noch ein halber Jahr zu leben, 1904 verstarb er.

Die Schwestern waren frei. Was würden sie mit ihrer Freiheit anfangen?

Zum zweiten Teil des Virginia-Woolf-Porträts

Werner Schuster

Quellen:
– Werner Waldmann: Virginia Woolf (Rowohlt-Monographie)
Wikipedia

Zur Besprechung von „Ein eigenes Zimmer“ bei den Eselsohren.

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