10/10/2009von 274 Views – 0 Kommentare

Zum Beispiel Büchner, Teil 3

Das Nervensystem der Fische.

Als Resultat meiner Arbeit glaube ich bewiesen zu haben, daß es sechs ursprüngliche Gehirn-Nerven-Paare gibt, welche sechs Gehirn-Wirbel entsprechen, und daß die Entwicklung der Gehirn-Massen nach Maßgabe ihrer Entstehung geschieht. Daraus folgt, daß der Kopf das Erzeugnis einer Metamorphose des Rückenmarks und der Wirbel ist, –

Moment mal, schreibt das derselbe junge Mann, der soeben erst folgenden Satz gedichtet hat? – „Was wird’s geben? Die paar Tropfen Bluts vom August und September haben dem Volk die Backen nicht rot gemacht. Die Guillotine ist zu langsam. Wir brauchen einen Platzregen!“ („Dantons Tod“, Zweite Szene).

Ja.

Und sogleich wird ihm im September 1836 – kurz vor seinem 23 . Geburtstag, fünf Monate vor seinem Tod – die Doktorwürde verliehen.

Bloody Mary

Wir aber kommen ihm nicht nach. Wir hetzen ihm ja noch im Jahre 1835 hinterher, wo er, ein politischer Flüchtling, zwei Dramen (von Victor Hugo) übersetzt. Das eine handelt von Lucrezia Borgia, (nicht ganz der Wahrheit entsprechendes) Sinnbild für Ausschweifung und Sadismus, das andere von der englischen Königin mit dem schmucken Beinamen „Bloody Mary“ (sie ließ Hunderte Protestanten hinrichten).

Und weil ihm die Zeit immer noch lang zu werden droht, fängt er eine Novelle an, in der er den sich verschlechternden Geisteszustand eines Schriftstellers beschreibt. Oft ziemlich nah an einem Bericht des sich um Jakob Michael Reinhold Lenz kümmendern Pfarrers Oberlin übrigens (d.i. abgeschrieben; Anm.), aber hervorragend gekürzt.

Der Anfang ist allerdings von Büchner:

Den 20. Jänner ging Lenz durchs Gebirg. Die Gipfel und hohen Bergflächen im Schnee, die Täler hinunter graues Gestein, grüne Flächen, Felsen und Tannen.

Es war naßkalt; das Wasser rieselte die Felsen hinunter und sprang über den Weg. Die Äste der Tannen hingen schwer herab in die feuchte Luft. Am Himmel zogen graue Wolken, aber alles so dicht – und dann dampfte der Nebel herauf und strich schwer und feucht durch das Gesträuch, so träg, so plump.

Er ging gleichgültig weiter, es lag ihm nichts am Weg, bald auf-, bald abwärts. Müdigkeit spürte er keine, nur war es ihm manchmal unangenehm, daß er nicht auf dem Kopf gehn konnte.

Der Schluss auch:

Er saß mit kalter Resignation im Wagen, wie sie das Tal hervor nach Westen fuhren. Es war ihm einerlei, wohin man ihn führte. Mehrmals, wo der Wagen bei dem schlechten Wege in Gefahr geriet, blieb er ganz ruhig sitzen; er war vollkommen gleichgültig. In diesem Zustand legte er den Weg durchs Gebirg zurück. Gegen Abend waren sie im Rheintale. Sie entfernten sich allmählich vom Gebirg, das nun wie eine tiefblaue Kristallwelle sich in das Abendrot hob, und auf deren warmer Flut die roten Strahlen des Abends spielten; über die Ebene hin am Fuße des Gebirgs lag ein schimmerndes, bläuliches Gespinst. Er wurde finster, je mehr sie sich Straßburg näherten; hoher Vollmond, alle fernen Gegenstände dunkel, nur der Berg Neben bildete eine scharfe Linie; die Erde war wie ein goldner Pokal, über den schäumend die Goldwellen des Mondes liefen. Lenz starrte ruhig hinaus, keine Ahnung, kein Drang; nur wuchs eine dumpfe Angst in ihm, je mehr die Gegenstände sich in der Finsternis verloren. Sie mußten einkehren. Da machte er wieder mehrere Versuche, Hand an sich zu legen, war aber zu scharf bewacht. Am folgenden Morgen, bei trübem, regnerischem Wetter, traf er in Straßburg ein. Er schien ganz vernünftig, sprach mit den Leuten. Er tat alles, wie es die andern taten; es war aber eine entsetzliche Leere in ihm, er fühlte keine Angst mehr, kein Verlangen, sein Dasein war ihm eine notwendige Last. So lebte er hin …

Das ist zumindest expressionistisch (aber 150 Jahre „zu früh“), wenn nicht mehr als das. In den Worten Ernst Johanns (in der früheren Rowohlt-Monographie): „Büchner erzählt nicht eine Krankengeschichte, er erfindet zu der Vorlage einer Krankengeschichte des neue dichterische Bild, das sie glaubhaft macht, das sie aus dem Alltag in die Kunst hebt.“

toxotes_jaculatrix

© Von Werner Schuster

Fortsetzung folgt.

Erster Teil: Der Revoluzzer
Zweiter Teil: Wieder bei Muttern


Infos

Foto Schützenfisch © Chrumps

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Jakob Michael Reinhold Lenz
Johann Friedrich Oberlin
Expressionismus

„Lenz“ ist online abrufbar im Projekt Gutenberg und ist erschienen unter anderem in der Suhrkamp BasisBibliothek und erhältlich bei amazon.de // buecher.de // buch24.de // libri.de.

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