04/03/2013von 635 Views – 0 Kommentare

D‘Agata/Fingal: Das kurze Leben der Fakten

Sachbuch
Hardcover
176 Seiten
Erschienen 2013 bei Hanser
Aus dem Englischen von Andreas Wirthensohn
Originalausgabe: „The Lifespan of a Fact”, 2012

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Inhalt:

Ein Mann stürzt sich in Las Vegas in den Tod. Der Journalist John D’Agata soll darüber eine Reportage schreiben und beginnt mit seiner Recherche. Journalistischer Alltag, sollte man meinen, bis Jim Fingal ins Spiel kommt. Zwischen den beiden entspinnt sich eine Diskussion, die zu einem grundsätzlichen Problem führt: Was wissen wir und was vermuten wir nur, wenn wir eine Geschichte erzählen? (Pressetext)

Kurzkritik:

So ein Buch haben Sie sicher noch nicht gelesen. Ich hatte mir zwar etwas anderes erwartet, aber „Das kurze Leben der Fakten“ war für mich dennoch sehr bereichernd.

In letzter Konsequenz geht es darin um die große Frage, ob sich „die Welt“ mit Worten „wirklich“ beschreiben lässt. Eine kleinere Frage ist, ob sich die angeblich objektiven Journalisten von D‘Agata mit seinen bewussten „verdeutlichenden Lügen“ tatsächlich unterscheiden. Und wen das außer zum Beispiel einen überambitionierten Faktenchecker überhaupt kümmert.

Werner gibt  ★★★★☆  (4 von 5 Eselsohren)

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Besprechung:

Lügen um der Wahrheit willen

So ein Buch haben Sie sicher noch nicht gelesen. Ich hatte mir zwar etwas anderes erwartet, aber „Das kurze Leben der Fakten“ war für mich dennoch sehr bereichernd.

Ich hatte geglaubt, dass es darum geht, dass ein Journalist bei einer Zeitung einen Text eingereicht hat, der einem Praktikanten zum Faktencheck übergeben worden ist, und dass dieser Check sehr penibel wurde. In Summe, hatte ich gedacht, ginge es um die Frage, wie sehr Journalismus die Wirklichkeit abbilden könne.

Das Buch wird allerdings auch folgendermaßen beworben: „Ein Mann stürzt sich in Las Vegas in den Tod. Der Journalist John D’Agata soll darüber eine Reportage schreiben und beginnt mit seiner Recherche. Journalistischer Alltag, sollte man meinen, bis Jim Fingal ins Spiel kommt. Zwischen den beiden entspinnt sich eine Diskussion, die zu einem grundsätzlichen Problem führt: Was wissen wir und was vermuten wir nur, wenn wir eine Geschichte erzählen?“

Siebe Jahre Faktencheck

Tatsächlich hat John D‘Agata beim Believer einen Essay über den oben erwähnten Selbstmord in Las Vegas eingereicht. Dieser war vom Harper‘s Magazine wegen „faktischer Ungereimtheiten“ abgelehnt worden und wurde nun dem Believer-Praktikanten Jim Fingal zur Überprüfung weitergereicht. Fingal sollte einen Faktencheck vornehmen, und der hat sieben Jahre (!) gedauert. Allerdings versteht D‘Agata unter einem Essay etwas, das sich, was die Fakten betrifft, Freiheiten herausnehmen kann, wenn es denn nur der Darstellung der Wahrheit dient. Und Fingal ist an den Text wie an einen rein journalistischen herangegangen.

Tatsächlich hat er jede Aussage überprüft (ob etwa der Sturz des Selbstmörders acht oder neun Sekunden gedauert hat) und darüber mit D‘Agata und mit dem zuständigen Redakteur korrespondiert. Die Diskussion wurde schließlich um etwa 100 Seiten länger als der eigentliche Text (– der Essay ist 22 Seiten lang).

Ein Bild sagt mehr als …

Wie dies im Buch wiedergegeben wird, lässt sich am besten mit folgendem Bild illustrieren:

fakten
In der Mitte ist der von D‘Agata eingereichte Text, rundherum stehen in Schwarz die von Fingal bestätigten Fakten und in Rot die festgestellten Faktenkonflikte sowie die Korrespondenz zwischen Autor und Praktikant. – So ein Buch haben Sie sicher noch nicht gelesen.

Die größte Lüge

Die Diskussion dreht sich jedenfalls nicht um die Frage, was Journalismus zu leisten vermag, sondern ob und wie viel Ungenauigkeit oder auch Lüge der Beschreibung von Wirklichkeit dient. Oder darum – wie es Harald Staun im Nachwort formuliert –, „ob ein Autor seinen Lesern korrekte Fakten schuldet oder einen guten Text. (…) Wie viele kreative Freiheiten ein Text sich erlauben darf (oder vielleicht muss), ohne zu lügen. Und ob nicht die Behauptung, die ganze Wahrheit zu erzählen, die größte Lüge ist.“

Und dennoch habe ich in diesem Buch vorgefunden, was ich zu finden glaubte. Denn abgesehen davon, dass es in Österreich meines Wissens so etwas wie Faktenchecks überhaupt nicht gibt, – wenn ich ehrlich bin, fälsche auch ich Fakten schon einmal ein wenig, wenn das die Story (oder ihre Aussage) besser illustriert. Manche Journalisten oder Zeitungen tun dies, um eine bestimmte Botschaft zu verkünden. Ich kann nicht sagen – und habe mich auch nie gefragt –, wo das Illustrieren aufhört und das Hintrimmen anfängt. Das hat mir dieses Buch vor Augen geführt.

Verdeutlichende Lügen

In letzter Konsequenz geht es in „Das kurze Leben der Fakten“ um die große Frage, ob sich „die Welt“ mit Worten „wirklich“ beschreiben lässt. Dieser ist vor Kurzem die Schriftstellerin Anna Mitgutsch in ihrem Essay „Die Grenzen der Sprache“ nachgegangen. (Die Eselsohren-Besprechung finden Sie hier.)

Eine kleinere Frage ist, ob sich die angeblich objektiven Journalisten von D‘Agata mit seinen bewussten „verdeutlichenden Lügen“ tatsächlich unterscheiden. Das ist zwar in der heutigen Infotainment-Medienlandschaft immer weniger von Belang, aber für die wenigen Zeitungen und Magazine, die sich nicht nur pro forma dem Qualitäts-Journalismus verschrieben haben, sowie für ihre Leserschaft dennoch relevant.

Von Werner Schuster

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Infos:

Leseprobe (PDF)

John D’Agata, 1974 in Massachusetts geboren, studierte in Rom und machte einen Abschluss als Master of Fine Arts in Poetry und Nonfiction an der University of Iowa. Seitdem unterrichtete er an verschiedenen Colleges und Universitäten in den USA und ist Herausgeber der Anthologien The Next American Essay und The Lost Origins of the Essay sowie Autor von Halls of Fame und About a Mountain.

Jim Fingal, Programmierer und Schriftsteller, lebt in Cambridge, Massachusetts.

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