07/03/2011von 1.898 Views – 0 Kommentare

Padura, Leonardo: Der Mann, der Hunde liebte

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Buchcover Padura Hunde

  • Hardcover
  • 736 Seiten
  • Erschienen 2011 bei Unionsverlag
  • Aus dem kubanischen Spanisch von Hans-Joachim Hartstein
  • Originalausgabe: „El hombre que amaba a los perros“, 2009


Inhalt:

„Tötet ihn nicht! Dieser Mann muss reden“, rief der schwer verwundete Trotzki seinen Leibwächtern zu, als sie sich auf den Mann stürzten, der ihn mit einem Eispickel niedergeschlagen hatte. Leonardo Padura bringt ihn zum Sprechen. Ein rätselhafter Mann, der mit seinen beiden Windhunden am Strand spazieren geht, erzählt dem kubanischen Schriftsteller Iván die Geschichte des Trotzki-Mörders Ramón Mercader. (Pressetext)

Kurzkritik:

Padura hat genau das Buch geschrieben, das er wollte. Er hat die Geschichte des Mordes an Trotzki dazu benutzt, um „über die Pervertierung der großen Utopie des 20. Jahrhunderts nachzudenken“. Man mag sich fragen, ob das „Experiment“ Kommunismus nicht auch besser ausgehen hätte können, hätte Trotzki (der allerdings auch gewaltsam und militant gegen politische Gegner vorgegangen ist) den Machtkampf mit Stalin gewonnen. Oder ob es, wie Trotzki laut Padura dachte, „der erste Fehler der Bolschewiken gewesen (war), die gegnerischen politischen Strömungen radikal zu unterdrücken. (…) Hätten sie die Freiheit der Rede in der Gesellschaft zugelassen, hätte sich der Terror niemals durchsetzen können.“ Oder ob die Utopie vielleicht niemals eine Chance gehabt hätte, Wirklichkeit zu werden.

Dann ist „Der Mann, der Hunde liebte“ gewiss ein Thesenroman, doch werden diese Thesen anhand von zwar außergewöhnlichen, doch lebensnahen Geschichten abgehandelt. Dabei lernt man wiederum viel Geschichte: Wer weiß schon (noch), wie es zur Oktoberrevolution kam, dass die Sowjetunion – während Hitler Westeuropa überfiel – Osteuropa annektierte oder wie viele Millionen Menschen der „Stalinistischen Säuberung“ zum Opfer gefallen sind?

Gleichzeitig erfährt man viel darüber, wie es war und ist, in einer linken Diktatur zu leben, wie auch Kuba eine ist. Denn dort lässt Padura sein fulminantes Werk beginnen und – mit einem erstaunlichen Schluss – in der jüngsten Vergangenheit enden.

Werner gibt  ★★★★½  (4,75 von 5 Eselsohren)

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Besprechung:

Ein Monument für die Angst und den Sieg des Hasses

Was wissen wir schon von Lew Dawidowitsch, besser bekannt als Leo Trotzki? Vielleicht, dass er „der Henker von Kronstadt“ gewesen ist. Wurde der nicht mit einem Eispickel erschlagen?

Leonardo Padura stellt Trotzki in seinem großartigen Roman „Der Mann, der Hunde liebte“ als sympathischen Flüchtling dar (auch wenn er dieses Bild im Schlusskapitel korrigiert). Der kubanische Schriftsteller hat 1989 das Haus in Mexiko-Stadt besichtigt, in dem Trotzki zuletzt gelebt hatte und in dem er gestorben war. „Der bloße Anblick jenes Ortes, (…) der zu einem wahrhaften Monument für das Scheitern, die Angst und den Sieg des Hasses geworden war“, wurde zum Samen für die Idee seines Romans.

Der real existierende Sozialismus

Mehr als 15 Jahre später nahm Padura das Projekt in Angriff. Drei Handlungsstränge laufen parallel: Zum einen berichtet der kubanische Schriftsteller Iván von sich und seiner Begegnung mit dem Mann, der Hunde liebte. Zum anderen erzählt ihm dieser die Geschichte des Sowjetagenten und Trotzki-Mörders Ramón Mercader. Weiters wird Trotzkis Leben ab der Verbannung aus der Sowjetunion bis zu seinem Tod geschildert.

Dies erlaubt Padura, einen Überblick über den „real existierenden Sozialismus“ zu geben: Vor allem erfährt man, welche mörderische Diktatur Josef Stalin aus der Sowjetunion gemacht hat. Wir begleiten Ramón Mercader vom Spanischen Bürgerkrieg über seine Agentenausbildung in Moskau nach Mexiko, wo er auf seinen Einsatzbefehl wartete, bis in die Sowjetunion der Chruschtschow- und Breschnew-Zeit.

Der geduldete Flüchtling

Außerdem schildert Padura die verzweifelte Opposition des verbannten Trotzki gegen Stalin (und seine Lage als kurzfristig geduldeter, ständig von der Ermordung bedrohter Flüchtling in der Türkei, in Frankreich, Norwegen und schließlich Mexiko). Und er lässt uns auch Einblick nehmen in das Leben des idealistischen Agenten, der nach seiner Tat 20 Jahre Haft überlebte und danach in eine Sowjetunion kam, die sich von Stalins Politik distanzierte und Mercader – hoch dekoriert – in Vergessenheit geraten ließ.

Padura hat genau das Buch geschrieben, das er wollte. Er hat die Geschichte des Mordes an Trotzki dazu benutzt, um „über die Pervertierung der großen Utopie des 20. Jahrhunderts nachzudenken“. Man mag sich fragen, ob das „Experiment“ Kommunismus nicht auch besser ausgehen hätte können, hätte Trotzki (der allerdings auch gewaltsam und militant gegen politische Gegner vorgegangen ist) den Machtkampf mit Stalin gewonnen. Oder ob es, wie Trotzki laut Padura dachte, „der erste Fehler der Bolschewiken gewesen (war), die gegnerischen politischen Strömungen radikal zu unterdrücken. (…) Hätten sie die Freiheit der Rede in der Gesellschaft zugelassen, hätte sich der Terror niemals durchsetzen können.“ Oder ob die Utopie vielleicht niemals eine Chance gehabt hätte, Wirklichkeit zu werden.

Mitleid mit dem Mörder

Geschrieben ist „Der Mann, der Hunde liebte“ in drei unterschiedlichen Stilen: Neben der Ich-Erzählung Iváns wechseln sich die personale Erzählperspektive bei den Mercader-Kapiteln und die neutrale bei denen über Trotzki ab. Keine der Figuren ist unsympathisch gezeichnet, ja, eigentlich hat man sowohl Mitleid mit Trotzki als auch mit Mercader.

Es ist ein anspruchsvolles, aber nicht schwer zu lesendes Buch. Nahezu jeder längere Absatz entspricht einem Gedankengang, dem man allerdings konzentriert folgen muss (oder sollte). Andererseits lässt einen Padura wie bei einem Thriller auf die kunstvoll hinausgezögerte Mordszene hinzittern (wiewohl man sich davon keine filmreife Action-Szene erwarten sollte).

Die kubanische Pervertierung

Dann ist „Der Mann, der Hunde liebte“ gewiss ein Thesenroman, doch werden diese Thesen anhand von zwar außergewöhnlichen, doch lebensnahen Geschichten abgehandelt. Dabei lernt man wiederum viel Geschichte: Wer weiß schon (noch), wie es zur Oktoberrevolution kam, dass die Sowjetunion – während Hitler Westeuropa überfiel – Osteuropa annektierte oder wie viele Millionen Menschen der „Stalinistischen Säuberung“ zum Opfer gefallen sind?

Gleichzeitig erfährt man viel darüber, wie es war und ist, in einer linken Diktatur zu leben, wie auch Kuba eine ist. Denn dort lässt Padura sein fulminantes Werk beginnen und – mit einem erstaunlichen Schluss – in der jüngsten Vergangenheit enden.

Von Werner Schuster

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Infos:

Leonardo Padura, geboren 1955 in Havanna, schloss 1980 ein Lateinamerikanistik-Studium in Havanna ab und schrieb zunächst für verschiedene kubanische Zeitschriften. Bald gehörten seine Reportagen zu den meistgelesenen in Kuba. Zu seinen Buchveröffentlichungen zählen Romane, Erzählbände, literaturwissenschaftliche Studien sowie Reportagen und Interviews. International bekannt wurde er mit seinem Kriminalromanzyklus „Das Havanna-Quartett“.

Mehr über Leonardo Padura bei Wikipedia, dort auch Infos zu Leo Trotzki, Ramón Mercader und Josef Stalin.

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