01/12/2010von 571 Views – 1 Kommentar

Die Türkei und die Schriftsteller

Die Türkei hat anscheinend ein Problem mit der Meinungsfreiheit. Letzte Woche wurde eine türkische Autorin zu lebenslanger Haft verurteilt und wenige Tage später blieb der Ehrengast und Literaturnobelpreisträger V.S. Naipaul nach Schmähungen dem „Europäischen Schriftsteller Parlament“ in Istanbul fern.

Bombenanschlag oder Unfall?

Wie „Die Welt“ berichtete, ist die in Deutschland lebende türkische Schriftstellerin Pınar Selek ist in einem umstrittenen Verfahren in Ankara zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Türkische Medien berichteten, dass ein Berufungsgericht in der türkischen Hauptstadt einen früheren Freispruch aufgehoben hat.

Selek wurde 1998 in der Türkei – mit dem Vorwurf der Propagandaarbeit für die PKK und der Beteiligung an einem Bombenanschlag auf dem Ägyptischen Basar in Istanbul – inhaftiert und dort nach eigenen Angaben schwer misshandelt. Bis heute ist unter gerichtlich bestellten Gutachtern umstritten, ob es sich bei der Detonation in dem Basar überhaupt um eine Bombenexplosion handelte oder um einen Unfall mit einem Gasbehälter.

Pınar Selek setzt sich in ihren Veröffentlichungen insbesondere für die Rechte von Minderheiten einsetzt. Bekannt geworden ist sie mit Recherchen und Arbeiten zu diskriminierten Gruppen wie Transsexuellen, Straßenkindern und Prostituierten. (Wikipedia)

Selek lebt derzeit in Deutschland und kündigte an, ihren Fall vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg vorzubringen.

„Wie können wir unseren Autoren zumuten, am selben Tisch mit Naipaul zu sitzen?“

Wie „Die Presse“ berichtete, wollte sich Istanbul mit einem Schriftstellerkongress als Kulturhauptstadt Europas präsentieren – und niemand Geringerer als V.S. Naipaul war als Eröffnungsredner geladen: ein Nobelpreisträger.

V.S. Naipaul ist als Sohn eines indischen Journalisten auf der Karibikinsel Trinidad aufgewachsen. In seinen Romanen, Essays, Reiseberichten verarbeitete er, was er in Asien, Afrika und Europa beobachtet hatte. Dass er dabei auch den Islam kritisierte, wird ihm nun angekreidet. Konservativ-religiöse türkische Zeitungen plädierten dafür, den Schriftsteller wieder auszuladen: „Wie können wir unseren Autoren zumuten, am selben Tisch mit Naipaul zu sitzen, der Muslime mit so vielen Schmähungen bedacht hat?“, fragte etwa der Schriftsteller Hilmi Yavuz in der Tageszeitung „Zaman“.

Die Konferenz gab dem Druck nach: Naipaul habe „im gegenseitigen Einvernehmen“ seine Teilnahme zurückgezogen. Doch die Debatte beginnt erst: „Gerade in diesen Tagen, wo wir so oft sagen, dass wir uns der Welt gegenüber öffnen, zeigen wir, wie geschlossen wir sind“, meinte etwa der Journalist Ece Temelkuran. (Die Presse)

V.S. Naipaul hat sich besonders in seinen Büchern „Eine islamische Reise“ (1981) und „Jenseits des Glaubens“ (1998) damit auseinandergesetzt, wie man in Ländern lebt, in denen die Religion Vehikel politischer Veränderungen ist.


Quellen und Infos:

Türkische Autorin zu lebenslanger Haft verurteilt („Die Welt“, 23. 11. 2010)

Nobelpreisträger ist unerwünscht („Die Presse“, 26. 11. 2010)

Mehr über Pınar Selek und V.S. Naipaul bei Wikipedia.


1 Kommentar zu "Die Türkei und die Schriftsteller"

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  1. Werner sagt:

    Der deutsch-türkische Schriftsteller Akhanli fühlt sich wie Josef K. aus Kafkas Roman “Der Prozess” – zu Unrecht verfolgt. Laut Istanbuler Staatsanwaltschaft soll er an einem Raubmord und Umsturzversuchen beteiligt gewesen sein. Die Beweise dafür sind dürftig. Ab 8. 12. steht er vor Gericht. (http://www.tagesschau.de/ausland/akhanli100.html)

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