08/08/2010von 256 Views – 0 Kommentare

Unglaublich, vorurlaublich, fischeln

Liebe LeserInnen,

ich hätte ja große Lust, meine Kolumne von letzter Woche weiterzuführen (siehe „Das System Grasser”), und zwar, indem ich unterstelle, dass Jörg Haiders ehemals junge Politmannschaft von ihm viel gelernt haben könnte (wenn es denn stimmt, dass Haider Geld von Gaddafi bekommen hat und dass er mit den angeblich 45 Millionen Euro u.a. eine Zeitung bestochen hat, dass er für Sadam Hussein Geld auf sichere Auslandskonten geschafft hat, dass er Sponsoren-Geld als Schmiergeld zweckentfremdet hat usw. usf. – siehe die „Falter“-Story „Mir fällt das Brot aus dem Mund“).

Aber ich möchte das jetzt nicht drei Wochen so stehen lassen. Derzeit überstürzen sich die sumpfigen Ereignisse in Österreich, und wer weiß, ob es in der Zwischenzeit nicht erfreulicher oder noch bedenklicher wird.

Aber Moment Mal: drei Wochen?!? – Ja, die Eselsohren gehen in die Sommerpause. (Am 9. und 11. August erscheint noch je eine Besprechung, die nächste dann erst wieder am 1. September. Damit es hier nicht immer gleich aussieht – und als Service, natürlich –, habe ich die üblichen drei Tipps von (noch) nicht gelesenen Büchern pro Woche vorbereitet, die jeweils Mo, Mi und Fr herauskommen. Und zwar immer um 5.55 Uhr – don‘t ask me why.)

Deswegen bin ach so vorurlaublich gestimmt, dass ich heute nur noch Schönes, Wahres und Gutes schreiben möchte.

Zum Beispiel sind Sie derzeit eine/r von ca. 700 täglichen BesucherInnen. Werden Sie um 300 mehr, damit ich endlich ernsthaft daran denken kann, Anzeigen zu verkaufen. Tragen Sie also dazu bei, dass ich mich und die derzeitigen sowie die zukünftigen MitarbeiterInnen auch entlohnen können werde. Und sollten Sie nicht wissen, wohin mit Ihrem Geld oder Marketingbudget, dann werden Sie doch Förderer/Förderin oder SponsorIn (siehe hier).

Oh je: Finanziell schaut‘ gerade nicht so rosig aus bei Ihnen? Kein Problem. Fahren Sie doch auf Schatzsuche nach Liechtenstein. Dort sollen so viele Leute mit Geld-Kuverts herumlaufen – irgendjemand wird ihres/seines schon verlieren. Anzeigen können die das ja nicht und somit betrüge der Finderlohn 100 Prozent. Und Sie können‘s gleich um die Ecke steuerschonend anlegen.

Vergessen wir den letzten Absatz. Schön, wahr und gut. Schön, wahr und gut. Schön, wahr und gut.

Es tut mir leid, ich schaff‘s nicht. Ich denke mir, der Großteil von uns wurstelt herum, meint es ziemlich ehrlich und freut sich über Anerkennung, eine kleine Gehaltserhöhung, ein bisschen mehr Umsatz, ein paar Aufträge zusätzlich. Ungern denken wir daran, dass mit der dann größeren Steuerleistung z. B. Banken vielleicht gerettet werden, an denen sich wahrscheinlich dubiose Menschen wahrscheinlich bereichert haben (siehe Hypo Alpe-Adria).

Wollen sie sich angesichts dessen nicht endlich so korrumpieren lassen wie jene Leute und Firmen, die ihre – offiziellen – Einnahmen an der Steuer vorbeischleusen und – ebenfalls offiziell, versteht sich – immer haarscharf an der Legalität vorbeischrammen (siehe z. B. diesen „Le Monde diplomatique“-Artikel über BP).

Oder haben Sie schlicht und ergreifend die falschen Freunde? Wollen Sie vielleicht 250.000 Euro für eine Website-Erstellung bekommen, die wahrscheinlich bloß einen vierstelligen Betrag wert ist (siehe Grassers Homepage-Affäre)? Oder lieber gleich das Zehnfache als Entschädigung dafür, dass Sie Ihren Job nicht mehr machen (siehe Meischberger)? Kommen Sie schön langsam auf den Geschmack und fänden 9,6 Mio. Euro Provision für so etwas Ähnliches wie „Vermittlungstätigkeiten“ bei Immobilienverkäufen angemessen, die Sie – weil Sie‘s ja auch teilen müssen – nicht versteuern (siehe nochmals Meischberger)? Oder kennen Sie nun keine falsche Bescheidenheit mehr und nehmen gleich 45 Mio. Euro von Muammar al-Gaddafi (siehe nochmals die „Falter-Story“)?

Das wollen Sie nicht? Das könnten sie nicht? Da spielen Sie doch lieber Lotto? – Lieb. Wir sind alle so herzig. Für uns Naivlinge habe ich vor vielen Jahren folgendes Gedicht geschrieben:

Fischeln

Bedauerst du schon
Bloß einer von den kleinen Fischen zu sein
Womöglich Süßwasser
Gar Teich

Mit deinem beschränkten Ausschwimm

Und bewunderst du heimlich jene großen
Die stehlen, morden nach Lust
Selbst ertappt noch launig und ungeschuppt
Davonplanschen

Sitzt in deinem Fischherz ein kleines Gewissen
Das sich empört
Wolltest du
Wundersam gewachsen
Redlich fischen im Trüben

Ach, wir sind ‘s nicht, was ändert
Bloß froh
Lange, gesund und halbwegs fischig
Zu frischeln

Zeit zum Lesen (z. B. „Vademecum der Korruptionsbekämpfung“)
wünscht
Werner Schuster


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