02/08/2010von 640 Views – 0 Kommentare

Abraham, Jean-Pierre: Der Leuchtturm

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Buchcover

  • Erinnerungen
  • Erschienen 2010 bei Jung&Jung als Hardcover
  • Aus dem Französischen von Ingeborg Waldinger
  • Originalausgabe: „Armen“, 1967


Inhalt:

Dieses Buch berichtet vom Leben auf einem Leuchtturm in den sechziger Jahren, also in einer Zeit, als die Feuer der Leuchttürme noch von Männern bedient werden mussten, die sich ein Leben zutrauten, in dem es außer den regelmäßigen Verrichtungen im Turm keine andere Abwechslung gab als das Wetter, die Vögel und die eigenen Gedanken, drei ,Dinge‘ also, die dazu neigen, unter den gegebenen Umständen trotz aller Varianten wie das Immergleiche zu wirken. (Pressetext)

Kurzkritik:

„Der Leuchtturm“ ist sehr tranig: „Fünf Stunden. Diese Stunden sind mir leer erschienen. Derzeit brächte ich nur völlig Beliebiges zu Papier.“ So geht das dahin, ich wartete gewissermaßen auf einen Kühlschrank voll Cola, aber Abraham beschreibt fast durchgehend das Tosen des Meeres, die Ödnis des Ausblicks, die Lethargie seines Schichtdienstes, die seltene und dann stumpfe Freude bei diversen Ausbesserungsarbeiten.

Eine gewisse – wie alle anderen Personen nebulös bleibende – Marion sagt im Buch zu ihm: „Man komm überhaupt nicht an Sie heran, außen sind sie glatt wie eine Murmel, und in Ihrem Inneren völlig verklemmt. Sind sie denn niemals außer sich geraten, geplatzt, haben Sie nie geweint?“ Und Abraham schreibt dazu: „Geht Sie das etwas an?“

Das scheint er auch seine LeserInnen ständig zu fragen: „Geht Sie das etwas an?“

Werner gibt  ★★½☆☆  (2,5 von 5 Eselsohren)

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Besprechung:

Was wichtig ist und was nicht

Unter diesem Buch habe ich mir ja ganz etwas anderes vorgestellt. Ich habe in jungen Jahren als Nachtwächter gearbeitet, das Alleinsein sehr genossen, habe u.a. gelesen und geschrieben, genug Cola für den Rest meines Lebens getrunken (ich bewachte die Wiener Fabrik und es gab jede Nacht einen Kühlschrank voll davon), Yoga praktiziert, seltsame Kollegen kennen gelernt (bei einem glaubte ich aus der Ferne, er hätte Sonnenbrillen auf, dabei waren das dunkle Augenringe), einem riesigen grellgrünen Heuschreck das Leben gerettet, das gesamte Firmengebäude von Philipps-Data über die Haussprechanlage mit meiner Musik beschallt usw. usf.

So etwas Ähnliches – oder auch eine Anleitung zu abgeklärter Weisheit – glaubte ich also, in „Der Leuchtturm“ zu finden, wo das Buch doch auch mit „er lernte, was wichtig ist und was nicht“ angekündigt wird.

„Derzeit brächte ich nur völlig Beliebiges zu Papier“

Doch „Der Leuchtturm“ ist sehr – ja, tranig. Bei Jean-Pierre Abraham kam sozusagen keine Freude auf: „Fünf Stunden. Diese Stunden sind mir leer erschienen. Derzeit brächte ich nur völlig Beliebiges zu Papier.“ So geht das dahin, ich wartete gewissermaßen auf einen Kühlschrank voll Cola, aber Abraham beschreibt fast durchgehend das Tosen des Meeres, die Ödnis des Ausblicks, die Lethargie seines Schichtdienstes, die seltene und dann stumpfe Freude bei diversen Ausbesserungsarbeiten.

Immerhin Vermeer

Immerhin beschäftigte er sich mit einem Vermeer-Bildband, und auch er hatte seltsame Kollegen. Doch das alles, sogar die seltenen (und oft von der Witterung unmöglich gemachten) Landausflüge (der Leuchtturm steht auf einem einsamen Felsen mitten im Meer) wirken, als wäre bei Abraham nicht nur das Gehör vom Brüllen des Meeres ertaubt, sondern auch sein Denken und Fühlen.

„Geht Sie das etwas an?“

Eine gewisse – wie alle anderen Personen nebulös bleibende – Marion sagt im Buch zu ihm: „Man komm überhaupt nicht an Sie heran, außen sind sie glatt wie eine Murmel, und in Ihrem Inneren völlig verklemmt. Sind sie denn niemals außer sich geraten, geplatzt, haben Sie nie geweint?“ Und Abraham schreibt dazu: „Geht Sie das etwas an?“

Das scheint er auch seine LeserInnen ständig zu fragen: „Geht Sie das etwas an?“

Vielleicht ergeht es ja nur mir so, und alle, die noch nicht Yoga im Firmenempfang gemacht haben, finden dieses Buch spannend, erheiternd und interessant.

,Die Angst des Leuchtturmwärters vor dem Leuchtturm

Beim Perlentaucher umschreibt man das jedenfalls so: „Der Titel dieses existenzialistischen Berichtes könnte ,Die Angst des Leuchtturmwärters vor dem Leuchtturm‘ sein.“

Von Werner Schuster

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Infos:

Leseprobe

Jean-Pierre Abraham, geboren 1936 in Nantes, gestorben 2003 (Bretagne). LLiteraturstudium an der Sorbonne. Anfang der 1960er Jahre Leuchtturmwärter auf Armen (westlich der Insel Sein, Finistère, Bretagne). Lebte als Schriftsteller und Journalist zumeist im Finistère. Zuletzt erschien: „Au plus près“ (2004, Éditions du Seuil)

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