02/11/2012von 643 Views – 2 Kommentare

Rosenberg/Enzensberger: Das Brennglas

Cover Rosenberg Das BrennglasErinnerungen
Aufgezeichnet von Ulrich Enzensberger
Taschenbuch
160 Seiten
Erschienen 2012 bei Wagenbach

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Inhalt:

Otto Rosenberg hat erst nach fünfzig Jahren die Kraft gefunden, dieses Buch zu schreiben. Ein überlebender deutscher Sinto erzählt seine Erinnerungen. Er klagt nicht an, rechnet nicht auf. Er berichtet, wie es gewesen ist. Der Schriftsteller Ulrich Enzensberger hat die Geschichte behutsam aufgezeichnet und mit klugen Anmerkungen versehen. (Pressetext)

Kurzkritik:

Dass Otto Rosenberg an das Gute im Menschen geglaubt hat, all die schwere Zeit, spürt man während der Lektüre dieses Buches wie wärmende Sonnenstrahlen durch die grausame Kälte all der geschilderten Ereignisse hindurch. Das mag jetzt pathetisch klingen: Im Gegensatz dazu hat das Buch gar nichts Pathetisches an sich. Es ist schlicht die Wahrheit, von einem Menschen erzählt, der größer war als alle, die ihn klein machen wollten.

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Besprechung:

Die schlichte Wahrheit

Der 15-jährige Otto spielt mit einem Brennglas und brennt damit Buchstaben in einen Holzstapel. „Wie das Jungens so machen.“ Nichts Besonderes, oder? Aber …
… aber es ist Krieg, Otto Rosenberg ist ein Sinto, das Brennglas war ein teures Objektiv in einer Maschinenfabrik, und dafür, dass er damit herumgespielt hat, kommt er nach Auschwitz. „Zu deinen Eltern.“ Die hat er aber dort nie getroffen.

In diesem Buch erinnert sich Otto Rosenberg, langjähriger Vorsitzender des Landesverbands Deutscher Sinti und Roma Berlin-Brandenburg, an seine Kindheit und Jugend, an seine große Familie in Berlin, das Leben im Wagen, im Lager, im KZ, an die Befreiung 1945, an die Nachkriegszeit, als Berlin ein Trümmerhaufen war, an die Zeit, als er eine Familie gründete und ein neues Leben begann.

Als säße Rosenberg vor mir

Ich habe einige Bücher gelesen, die, oft autobiographisch, vom Leben, Leiden und Sterben in der Nazizeit berichten, doch keines hat mich so aufgewühlt und berührt wie dieses.

Ist es die Schlichtheit der Erzählform, subtil und dennoch eindringlich aufgezeichnet von Ulrich Enzensberger? Ist es, weil ich mich so persönlich angesprochen gefühlt habe, als säße Rosenberg vor mir? Ist es die Ehrlichkeit und Unverstelltheit, mit der von schönen und von grausamen Begebenheiten erzählt wird – ohne anzuklagen, aber dennoch ganz klar Stellung beziehend?

Schwer, sich dagegen abzugrenzen

Es gibt vieles, was mir sehr zugesetzt hat in diesem Buch: der Lageralltag, das Kanada-Kommando, das seine relative Besserstellung gegenüber anderen Häftlingen nicht lange überlebte, die zunehmende Abstumpfung der Menschen im Lager gegenüber alle den Grausamkeiten und den vielen Leichen, die Korruptheit der Kapos, … – all das vermittelt sich dem Leser/der Leserin so direkt, dass es schwer ist, sich dagegen abzugrenzen. Ja, und warum sollte man sich auch abgrenzen, liest man doch „nur“, was andere tatsächlich erlebt haben?

Stehbunker

Was mir aber am meisten zu schaffen gemacht hat, war die Geschichte von den Stehbunkern. Ich wusste nicht, dass es so etwas gegeben hat: Eine weniger als mannsgroße Zelle, in der ein Häftling nur mit eingeknickten Knien auf engstem Raum in Dunkelheit stehen konnte und in dieser Stellung tage-, oft wochenlang ohne Essen und Trinken verharren musste. Kaum einer hat diese Folter, die wegen geringster Vergehen verhängt wurde, überlebt.

Überlebt

Otto Rosenberg scheint ein Kerl gewesen zu sein, den man spontan gern hatte, denn er schildert auch, wie ihm geholfen, von SS-Männern Essen zugesteckt, von Vorgesetzten Erleichterung gewährt wurde. Er hat den Krieg und das KZ überlebt, weil er sich zu helfen wusste. Die Nachwirkungen in Form von Depressionen, Albträumen und Schuldgefühlen, weil bis auf ihn fast seine ganze Familie ums Leben kam, sind auch an ihm nicht vorbeigegangen. Lange Zeit konnte er über seine Zeit im KZ nicht einmal reden.

„Was hat ihm die Kraft gegeben?“

Seine Tochter schreibt im Nachwort: „Manchmal habe ich mich gefragt, wie er diese traumatischen Erlebnisse und Erinnerungen in sein Leben integrieren konnte. Was hat ihm die Kraft gegeben, nach der Befreiung ein neues Leben zu beginnen, eine Familie zu gründen und sich für die gesellschaftliche Gleichstellung unseres Volkes einzusetzen? Es war wohl der Glaube an das Gute im Menschen, und es war der Glaube an Gott.“

Wärmender Glaube

Dass Otto Rosenberg an das Gute im Menschen geglaubt hat, all die schwere Zeit, spürt man während der Lektüre dieses Buches wie wärmende Sonnenstrahlen durch die grausame Kälte all der geschilderten Ereignisse hindurch. Das mag jetzt pathetisch klingen: Im Gegensatz dazu hat das Buch gar nichts Pathetisches an sich. Es ist schlicht die Wahrheit, von einem Menschen erzählt (und meisterhaft in Buchform gebracht), der größer war als alle, die ihn klein machen wollten.

Otto Rosengberg starb 2001.

Von Eva Schuster

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Infos:

Otto Rosenberg, geboren 1927 in Draugu­pönen, Ostpreußen, gestorben 2001 in Berlin. Rosen­berg war Mitbegründer und langjähriger Vorsitzender des Landesverbands Deutscher Sinti und Roma Berlin-Brandenburg und Vorstandsmitglied im Zentralrat sowie aktives Mitglied der SPD. 1998 erhielt er das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse.

Ulrich Meinrad Enzensberger ist ein deutscher Schriftsteller und Übersetzer. Er ist der Bruder der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger und Christian Enzensberger.

Mehr über Otto Rosenberg und über Ulich Enzensberger bei Wikipedia.

2 Kommentare zu "Rosenberg/Enzensberger: Das Brennglas"

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  1. A. Raue sagt:

    Das Buch ist eine Aufzeichnung von Ullrich Enzensberger, was im Artikel auch klar betont wird.
    Warum wird dann in den Infos in völlig falschem Konsens und mit falschen Daten (diese verweisen wieder auf Ullrich Enzensberger) auf Hans Magnus Enzensberger verwiesen?

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