12/06/2013von 602 Views – 0 Kommentare

Echols, Damien: Mein Leben nach der Todeszelle

Erinnerungen
Hardcover
416 Seiten
Erschienen 2013 bei Goldmann
Deutsch von Rainer Schmidt
Originalausgabe: „Life After Death”, 2012

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Inhalt:

Im Jahr 1993 wurden Damien Echols, Jason Baldwin und Jessie Misskelley Jr. – bald bekannt unter dem Namen „The West Memphis Three“ – für schuldig befunden, drei achtjährige Jungen ermordet zu haben. Baldwin und Misskelley erhielten lebenslange Haftstrafen, Echols wurde zum Tode verurteilt. In den folgenden Jahren wurden die „WM3“ weltweit zum Symbol für die Verfehlungen des amerikanischen Justizsystems und erhielten breite Unterstützung. In einer spektakulären Wende der Situation und aufgrund neuerlicher DNA-Tests wurden alle drei Männer im August 2011 entlassen. In seinem Buch schildert Damien Echols, der stets seine Unschuld beteuerte, was es bedeutet, 18 Jahre lang in der Todeszelle zu sitzen, und er erzählt, wie es ihm gelang, den psychischen wie physischen Terror, dem er ausgesetzt war, zu überleben. (Pressetext)

Kurzkritik:

Bei allem Mitleid für Damien Echols, der nach 18 Jahren in der Todeszelle freigekommen ist: Sein Buch ist konfus geschrieben und nicht frei von Unklarheiten, was Zweifel aufkommen lässt. Es wird schon vieles stimmen von dem, was Echols berichtet. Aber was?

Werner gibt  ★★½☆☆  (2,5 von 5 Eselsohren)

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Besprechung:

Zweifelhaft

Bei allem Mitleid für Damien Echols: Sein Buch ist schlecht bis gar nicht lektoriert und deshalb in vielen Belangen unbefriedigend.

Vorderhand erfährt man zu wenig darüber, was es mit dem Verbrechen auf sich hat, auf Grund dessen er 18 Jahre in der Todeszelle verbringen musste. Man muss schon selbst recherchieren, dass 1993 drei achtjährige Jungen misshandelt, gefesselt und ermordet worden sind, wobei einer der Jungen laut Autopsie an durch Messerwunden verursachtem Blutverlust starb, während die beiden anderen ertranken.

Es erscheint mir auch sonderbar, dass Echols angeklagt und verurteilt worden sein soll, weil ihn ein Polizist für einen Satanisten gehalten hat. Zumindest stellt Echols dies in seinem Buch so dar. Und er schreibt auch nie, ob er die ermordeten Jungen gekannt, ob er überhaupt in der Nähe des Tatorts aufgehalten und ob er ein Alibi gehabt hat. Über den Prozess erfährt man in seinem Buch bloß, dass er bei der Verhandlung irgendwie weggetreten gewesen und „plötzlich“ zum Tode verurteilt worden war (– er litt allerdings an Depressionen und/oder Psychosen; und vor den Morden hatte er behauptet, dass er Blut trinke, um Kraft zu tanken, und dass er Halluzinationen habe).

Schuldig, aber unschuldig

Und so können einem beim Lesen schon Zweifel daran kommen, ob Echols denn nun tatsächlich unschuldig in der Todeszelle gesessen ist. (Tatsächlich wurde der Polizei später vorgeworfen, bei der Untersuchung des Falls nicht besonders sorgfältig recherchiert zu haben und einen der drei Angeklagten zu einem Geständnis gezwungen zu haben; Bissspuren an den Opfern stimmen nicht mit denen der Angeklagten überein.) 2007 wurde jedenfalls bekannt, dass die seinerzeit am Tatort gesicherten DNA-Proben mit keinem der Verurteilten übereinstimmten. Das Verfahren wurde trotzdem nicht wieder aufgenommen, aber es kam zu einem Deal zwischen Anklage und Verteidigung: Alle drei bekannten sich schuldig und beharrten dabei auf ihrer Unschuld; sie wurden freigelassen, aber nicht freigesprochen.

Prominente Unterstützer

Der Fall löste eine Welle der Solidarisierung mit den Verurteilten in der Öffentlichkeit aus. Die Musikbands Pearl Jam, Metallica und die Dixie Chicks, Schauspieler Johnny Depp, Regisseur Peter Jackson und die Musiker Marylin Manson, Kid Rock und Henry Rollins hatten sich über die Jahre für die Freilassung von Damien Echols, Jason Baldwin und Jessie Misskelley Jr. eingesetzt. (Was für mich aber nicht viel besagt; auch der Serienmörder Jack Unterweger hatte viele – einflussreiche – Freunde.)

Heiraten im Todestrakt

Am meisten geholfen hat ihm die Landschaftsarchitektin Lorri Davia, die ihm 1996 einen Brief ins Gefängnis schrieb, ihn dort 1999 heiratete und die Geld für Untersuchungen und Anwälte auftrieb.

In „Mein Leben nach der Todeszelle“ beschreibt Echols nun seine Jahr im Gefängnis und seine Jugend. Er stammt aus einer armen Familie, war einmal mit einem Mädchen abgehauen und in einen Wohnwagen eingebrochen; ein anderes Mädchen wurde kurz vor seiner Verurteilung von ihm schwanger.
Echols und sein Freund Misskelley hatten die High School abgebrochen, mit Baldwin hatte er wegen Vandalismus und Ladendiebstahls gesessen (Misskelley und Baldwin wurden wegen der Tat zu Haftstrafen verurteilt). Echols war auch für sieben Monate Patient einer psychiatrischen Anstalt.

Prügel und Meditation

Wie hält es (so) jemand 18 Jahre in der Todeszelle aus? Schwer zu sagen. Auf der einen Seite sind die Wärter brutal, sie prügeln und würgen ihn. Auf der anderen Seite hat er Gelegenheit zu meditieren, er trainiert, liest, belegt College-Kurse, beschäftigt sich mit (asiatischer) Philosophie. Doch auch wenn ich dies nicht auf einen gemeinsamen Nenner bringen kann, so lesen sich seine Beschreibungen des Gefängnis-Alltags doch erschütternd. Die meisten Mithäftlinge hängen den ganzen Tag untätig herum und sehen maximal fern. Es bedarf anscheinend großer Willenskraft, sich über viele Jahre hinweg tagtäglich dazu zu motivieren, überhaupt etwas zu tun. Dazu kommen die Hinrichtungen – und die Gewissheit, dass man selbst früher oder später zur Exekution abgeführt werden wird.

Das ist sozusagen der „beste“ oder informativste Teil dieses Buches. Doch weil der Rest konfus geschrieben und nicht frei von Unklarheiten ist, habe ich auch an diesen Schilderungen meine Zweifel. Es wird schon vieles stimmen von dem, was Echols berichtet. Aber was?

Von Werner Schuster

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Infos:

Damien Echols wurde 1974 in Arkansas geboren und verbrachte seine von häufigen Umzügen geprägte Kindheit und Jugend in Mississippi, Tennessee, Maryland, Oregon, Texas, Louisiana und Arkansas. Im Alter von 18 Jahren wurde er beschuldigt, gemeinsam mit seinen Freunden Jason Baldwin und Jessie Misskelley Jr. drei kleine Jungen ermordet zu haben. Damien Echols wurde zum Tode verurteilt und verbrachte 18 Jahre in der Todeszelle, ohne dass seine Schuld je bewiesen worden wäre. Der Fall der „West Memphis Three“ fand weltweite Beachtung, es entstanden zwei große Dokumentarfilme zu dem Thema. 2011 wurden die drei nach einer neuerlichen Prüfung der Beweislage aus dem Gefängnis entlassen. Damien Echols lebt heute mit seiner Frau Lorri Davis in Salem, Massachusetts.

Mehr über West Memphis Three bei Wikipedia (ausführlicher in der englischen Version.

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