Engelmann, Bernt: Wir Untertanen
Bertelsmann, Fischer, Steidl
(1974)
Wannenbad in Sierra Leone
Jetzt ergeht es Bernt Engelmann vielleicht schon wie Joß Fritz, Johann Jacoby und August Bebel, über die er zu Beginn seines deutschen Anti-Geschichtsbuches schrieb, dass die Jugend mit ihren Namen nichts mehr anfangen könnte: Sein ehemaliges Standardwerk “Wir Untertanen” gibt es derzeit nur antiquarisch.
Darin betrieb Engelmann Geschichte von unten. Zuerst versetzte er uns in die Lage von Bewohnern des westafrikanischen Freiheitsstaates Sierra Leone des Jahres 2074 und beschrieb das letzte Drittel des 19. Jahrhunderts folgendermaßen: Es war eine für unser Land überaus glückliche Zeit des wachsenden Wohlstands und des dauerhaften Friedens. … Man trieb viel Sport, vor allem Tennis, Golf, Cricket und Polo. … Dabei hielt man, auch bei größter Hitze, setets auf korrekte Kleidung. … Obwohl niemand körperliche oder schmutzige Arbeit tat, nahmen alle, arm oder reich, täglich mindestens ein Brause- oder Wannenbad. – So, das heißt aus der Sicht der Reichen und Mächtigen, wird für gewöhnlich auch unsere Vergangenheit dargestellt. Nur, wusste Engelmann zu ergänzen, lebten in Sierra Leone zu jener Zeit allerhöchstens 0,02 Prozent der Bevölkerung so. Die anderen (d.h. die Eingeborenen) waren unbeschreiblich arm, wurden entsetzlich ausgebeutet und waren nahezu rechtlos.
Und wie war es, vom Beginn des Mittelalters bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges als Untertan in Deutschland zu leben? Das kann man ziemlich günstig, nämlich schon ab 0,01 Euro, in Erfahrung bringen. Und vielleicht ist das auch heute noch (und nicht nur) für die Jugend interessanter als: Immer nur Kaiser und Könige, die von dann bis dann regiert haben und nur Kriege führten und Schlachten schlugen.
Von Werner Schuster
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