09/07/2011von 406 Views – 0 Kommentare

Bachmannpreis-Eröffnungsrede

Liebe LeserInnen,

Urs Widmer hat am 6. Juli 2011 folgende Eröffnungsrede beim Bachmann-Preis gehalten:

Von der Norm, der Abweichung und den Fertigteilen

(Die Rede ist hier auch auf Video zu sehen.)

Meine Damen und Herren,

früher einmal, als ich selber in den Rivalitätskampf der Literatur eingriff und mir auch irgendwo ein Plätzchen in der grossen Welt der Literatur erobern wollte, begegnete ich Wettbewerben, wie sie die Tage der deutschsprachigen Literatur sind, mit einiger Skepsis. Ich fürchtete natürlich die Kränkungen, die so ein Wettkampf unvermeidlich mit sich bringt, und ich dachte, dass sich in der Literatur kein Ranking erstellen lässt. So etwas denke ich heute noch.

Wettbewerbe, bei denen es am Ende trotzdem eine Beste oder einen Besten gibt, sehe ich allerdings inzwischen mit heiterer Milde. Dennoch. Literatur funktioniert nicht nach dem K.o.-System, in dem am Schluss einer der Sieger ist. Die Frage ist nicht, ob Goethe oder Kleist oder Büchner, das heisst, die Antwort auf diese Frage ist:

Goethe  u n d  Kleist  u n d  Büchner.

Natürlich hantieren wir für uns selber doch immer mit den Begriffen „gut“ und „schlecht“ herum. Natürlich machen wir Unterschiede, und es gibt auch Unterschiede. Bei vielen Texten sind wir uns bald einig, dass sie grottenschlecht sind: obwohl uns das Beispiel von Euripides warnen sollte, dessen „Medea“,ein Meisterwerk der Weltliteratur, bei seiner Uraufführung vom Publikum so heftig ausgebuht wurde, dass sein Verfasser, um keine Prügel zu beziehen, hinter den Altar des Apollo-Tempels floh. Was das persönliche Ranking betrifft, mein „gut“ und „schlecht“ für den Hausgebrauch, so bin ich bis heute nicht über die schon sprichwörtliche Formulierung hinaus gekommen, die entweder von Čechov oder von Voltaire oder von meinem Verleger – oder von allen dreien – stammt:

dass ein gutes Buch eins ist, das ich gern lese, und ein schlechtes eins, das mich langweilt.

Natürlich genügt das noch nicht einmal für den Haus-gebrauch. Es gibt ja Unterschiede, und selbst wenn wir nicht genau begründen können, warum Franz Kafka besser schreibt als – na ja, sagen wir der Einfachheit halber, als jeder von uns hier -, so sind wir uns doch mehr oder minder einig, dass das so ist. Ich für mich löse das Problem so. Regel eins („Gute Bücher sind die, die ich gern lese“) bleibt bestehen, wird aber von einer zweiten Überlegung unterstützt oder konterkariert, je nachdem.

Keiner, der schreibt, schreibt freiwillig so, wie er schreibt. Das gilt auch für Frauen. Schreiben, ernsthaftes und existenzielles Schreiben, hält sich in Gebieten auf, in denen es weh tut und wo dieses Schreiben etwas Notwendiges und Unausweichliches wird.

In diesen Bereichen kämpfen wir um unsre Wörter, weil wir mit unsern Widerständen und Verdrängungen kämpfen, und genau darum schreiben wir auch nicht freiwillig, oder nur in Massen freiwillig, was wir schreiben. Der Druck ist zu gross. Im Idealfall schreibt „es“, der Text schreibt sich selbst, und wir sind so etwas wie sein Medium. Natürlich soll man diesen Schreib-Zustand nicht mythisieren – der Dichter in Trance; der Text auch für ihn ein unerwartetes Geschenk -, wie alles in der wirklichen Welt tritt er nie rein auf. Der Rest ist Arbeit. Sorgfalt, Genauigkeit, die heitere Fähigkeit, ganze Seiten auch wieder wegzuschmeissen, und die Begabung zu entscheiden wann der Text so ist, wie er sein soll.

Ob ein eigener Text „fertig“ ist, „gut“, entscheidet ein Gefühl der Evidenz. Es gibt keine gewisseren Kriterien, Texte sind aus Sprache gemacht. Die Sprache ist nicht unsere Schöpfung, nie, sie kann es nicht sein, weil sie just das Allgemeine ist, über das die andern auch verfügen und das uns mit den andern verbindet. Eine „eigene Sprache“, dieses hohe Ideal, nach dem wir alle streben und nach der die Kritiker sich sehnen, wenn sie uns zuhören, die gibt es nicht beziehungsweise – ein Phänomen von hoher Ironie – allenfalls dann, wenn wir uns beim Schreiben stets bewusst sind, dass es das Eigene nicht geben kann, oder nur als Rest oder Überschuss oder produktiven Fehler. Wenn wir nie nach der eigenen Sprache streben, haben wir eine Chance, zu ihr zu gelangen. (Wenn wir damit anfangen, „gut“ zu schreiben, „schön“, sind wir verloren.) Denn man kann ja sagen, einen unbekannten Text lesend, der muss von Thomas Bernhard sein, von Gert Jonke, von Klaus Hoffer. Unsere Abweichungen von der Norm der Sprache zeichnen uns dann aus.

Die Abweichung, die einen literarischen Text erst als solchen definiert, entsteht durch den Druck, den jemand oder „es“ – das Leben – auf uns ausübt und dem wir schreibend einen Gegendruck entgegen setzen, aus dem dann das Verformte, von der Norm Abweichende entsteht, das unsereLeser, wenn das Abenteuer geglückt ist, am Ende so entzückt. „Der wunderbare Glanz eines Meisterwerks“ so sagte es Walter Muschg, „ist der 5chmerz, der nicht mehr schmerzt. Ein vollkommenes Werk darf keine Spur des Leidens mehr an sich haben.“

Die Sprache ist ein grosser Fertigteilbaukasten, aus dem wir uns mit mehr oder minder grosser Geschicklichkeit bedienen. Wir tun es mit routinierter Selbstverständlichkeit im Alltag, und wir tun es auch, wenn wir schreiben.

Wie denn anders. Wir gehen aber schon verschieden mit den Fertigteilen der Sprache um. Den einen genügen sie nicht, die andern – viele; die meisten vielleicht – sind völlig zufrieden damit, das Altvertraute so zu arrangieren, dass es wenigstens für die Dauer der Lektüre wie neu aussieht. Das gilt auch für die Inhalte. Die, denen die Bauteile der Sprache so, wie sie von jedem gebraucht werden, genügen, montieren auch ihre Inhalte aus altvertrauten Fertigteilen. Und wir lesen das dann durchaus gern,  w e i l  es so vertraut ist. Man nennt das mainstream, und der mainstream ist nichts Verwerfliches. Er bringt nur die Literatur nicht vom Fleck, und uns selber auch nicht.

Das ist also mein zweites Kriterium, mit dem ich gute und schlechte Literatur zu unterscheiden versuche. Schlechte Literatur ist ausschliesslich aus schon Vertrautem montiert. Aus dem gemeinsamen Nenner der Sprache, und nur aus ihm. Sprache: jeder Satz schon gehört. Inhalt:the same procedure as last year. Gute Bücher gehen dem Vertrauten nicht um jeden Preis aus dem Weg, aber sie reiben sich an ihm durch Abweichungen. In der Sprache und, als zwingende Folge daraus, in den Inhalten. (Umgekehrt wird auch ein Schuh draus. Vielleicht sogar noch mehr.)

Die Sprache ist so oder so kein statisches System. Sie verändert sich unablässig. Hier stirbt ein Wort, von niemandem betrauert, und dort gibt jemand etwas Neues ins System ein. Das ist faszinierend, für unsereinen besonders, denn wir sind die, die am sensibelsten auf die andauernde Verwandlung unsres Arbeitsmaterials reagieren. Wir nehmen die Veränderungen nicht nur auf, wir tragen auch zu ihnen bei. Das geht seit den Urzeiten so, als ein Erster „Löwe“ sagte, ohne dass einer da war, und so die Kommunikation in Begriffen erfand. Es hat  n i e  eine Normsprache gegeben, etwas für alle und jederzeit Verbindliches auch wenn Diktatoren, Religionsstifter und Herr Duden das gern so hätten. Sogar die Sprache der deutschen Klassik, die Goethes allen voran, die obwohl wir uns ganz schön von ihr entfernt haben, immer noch so etwas wie der Urmeter ist, war nie für jedermann oder auch nur irgendwen verbindlich. Die Zeitgenossen fanden im Gegenteil Goethes Sprache als irritierend von  i h r e r  Alltagsnorm abweichend. Sie zogen ihr die Kotze- bues oder Johann Timoteus Hermes’ vor, die sich beide mit grosser Virtuosität aus dem Fertigbaukasten  i h r e r  Zeit bedienten.

Das ist ja alles auch völlig in Ordnung so. Der eine kann dies, und die andere kann jenes. Wir sollten nur die Dinge nicht verwechseln. Und wir sollten nicht tun als ob. Lieber ein ehrlicher Fertigteilbaukastenbestseller als ein Buch, das grosse Literatur simuliert und dann doch nur aus Angelesenem besteht, aus anderem eben. Sowieso würden wir ja alle gern einen Bestseller schreiben, immer und immer wieder. Nur wie? Wenn wir es wüssten, wären wir alle nicht hier.

© Urs Widmer


Urs Widmer ist Verlagslektor im Walter Verlag, Olten und im Suhrkamp Verlag, Frankfurt. In Frankfurt blieb er siebzehn Jahre, im Suhrkamp-Verlag allerdings nur bis 1968.
Mit anderen Lektoren rief er den „Verlag der Autoren“ ins Leben. Kurz nach der Gründung wurde er mit seinem Erstling „Alois“ selbst zum Autor, zu einem, dem es nicht genügt, „wenn Literatur nur den Ist-Zustand schildert. Sie muss auch utopische Qualitäten haben. Man muss daran erinnern, dass die Welt einmal schön war“.
Zahlreiche Preise und Auszeichnungen, u.a. Friedrich-Hölderlin-Preis 2007.

Mehr über Urs Widmer bei Wikipedia, besprochene Bücher von Widmer bei den Eselsohren.


Schreiben Sie doch einen Kommentar

You must be logged in to post a comment.