18/03/2011von 395 Views – 0 Kommentare

Die Preise der Leipziger Buchmesse 2011

Die Preise der Leipziger Buchmesse wurden am 17. März vergeben an:

  • Clemens J. Setz für seinen Erzählband „Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes“
  • Henning Ritter für „Notizhefte“
  • Barbara Conrad für ihre Tolstoi-Neuübersetzung von „Krieg und Frieden“

Die Preise sind mit jeweils 15.000 Euro dotiert. Insgesamt hatten 131 Verlage 480 Titel für die Kategorien Belletristik und Sachbuch/Essayistik sowie Übersetzungen eingereicht.

Der Publikumspreis, für den online abgestimmt wurde, ging an Wolfgang Herrndorf für „Tschick“.

Außerdem wurde der österreichische Schriftsteller Martin Pollack mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung 2011 geehrt. Damit werde sein „einprägsames und richtungsweisendes Werk“ gewürdigt, teilte die Stadt Leipzig mit. Der Preis ist ebenfalls mit 15.000 Euro dotiert. Die Jury lobte generell Pollacks historische Reportagen. Von Pollack ist zuletzt „Kaiser von Amerika“ erschienen. Darin geht es um die Massenflucht von Juden, Polen und Ukrainern aus Galizien zu Beginn des vorigen Jahrhunderts.

Clemens J. Setz: „Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes“ (Suhrkamp Verlag)

Buchcover Setz Mahlstädter KindesÜber das Buch: Eines Tages ist es da. Steht am Ende einer Sackgasse mitten in der Stadt. Es ist ein großes Kind. Den Blick hält es demütig zu Boden gesenkt, seine Haut ist rissig. Tagsüber versammeln sich die Bewohner der Stadt um dieses Kind, veranstalten Kundgebungen und Konzerte. Nachts schlagen sie auf es ein, mit Fäusten, Stöcken und Ketten – auf die Skulptur aus weichem, niemals trocknendem Lehm, auf das Mahlstädter Kind. Der Künstler hat es ihnen zur Vollendung überlassen, hat ihnen die Aufgabe übertragen, es „in die allgemein als vollkommen empfundene Form eines Kindes zu bringen“. Zuerst treibt die Kunstbegeisterung die Bewohner der Stadt, dann kommen sie als Pilger ihrer Wut, verlieren prügelnd die Kontrolle über sich und beinahe auch ihren Verstand. Die Geschichten in Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes sind gespickt mit grotesken Ideen und subtilem Horror. Wie in den Romanen präsentiert sich Clemens J. Setz auch in der kurzen Form als scharfer Beobachter der menschlichen Natur und einfühlsamer Porträtist ihrer Eigenarten.

Die Jury: „Täuschende Nachbarn, Prügelorgien der Kunst, verrückende Maschinen – diese Erzählungen locken den Leser in ein Labyrinth aus Zärtlichkeit, Gewalt, Liebe und Gemeinheit.“

Der Autor: Clemens J. Setz wurde 1982 in Graz geboren. Er studierte Mathematik und Germanistik in Graz. Sein literarisches Debüt erfolgte mit dem Roman „Söhne und Planeten“ (Residenz 2007). Clemens Setz erhielt mehrere Auszeichnungen, u. a. den Ernst-Willner-Preis im Rahmen des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs 2008. Sein zweiter Roman „Die Frequenzen“ (Residenz 2009) wurde für den Deutschen Buchpreis nominiert und mit dem Literaturpreis der Stadt Bremen 2010 ausgezeichnet.

„Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes“ ist erhältlich bei Amazon.

Henning Ritter „Notizhefte“ (Berlin Verlag)

Buchcover Ritter NotizhefteÜber das Buch: Henning Ritters Notizhefte sind in den vergangenen 25 Jahren entstanden, eine Auswahl seiner umfangreichen Aufzeichnungen hat er jetzt veröffentlicht. Sie stehen in einer langen literarischen Tradition, und eine Reihe großer Denker – wie Montaigne, Pascal, Rousseau, Montesquieu und Nietzsche – hinterlässt in den Notaten ihre Spur. Ritters Lieblingsepoche ist fraglos das 18. Jahrhundert, vor allem aber interessiert ihn die geistige Konkurrenz zwischen den Epochen und Traditionen, das Unerledigte der Vergangenheit und die scheinbare Überlegenheit der Gegenwart. Und so entsteht ein Gespräch zwischen den unabhängigen Köpfen von der Aufklärung bis heute, ein Füllhorn überraschender Lesefrüchte und Reflexionen; mit wiederkehrenden Motiven und Themen. Die Notizen bewegen sich zwischen der lakonischen Knappheit des Aphorismus und dem Kurzessay; Spontaneität und Zufall sind ihr Signum. Es sind, um mit einer seiner schönen Trouvaillen zu sprechen „Denksteine, die um und um gewendet werden müssen“ (Goethe), Gedanken im Wartestand, die darauf warten, dass Autor und Leser sich ihnen zuwenden, um Gebrauch von ihnen zu machen.

Die Jury: „Wie wir durch die Vergangenheit unsere Gegenwart erschließen können, lehren die meisterhaften Aphorismen von Henning Ritter.“

Der Autor: Henning Ritter, 1943 in Seiffersdorf (Schlesien) geboren, war von 1985 bis 2008 in der F.A.Z. verantwortlich für das Ressort „Geisteswissenschaften“. Es liegen zahlreiche Publikationen von ihm vor, u. a. als Herausgeber von Rousseaus Schriften und Montesquieus „Meine Gedanken – Aufzeichnungen“; zuletzt veröffentlichte er „Die Eroberer. Denker des 20. Jahrhunderts“ (C.H. Beck 2008). Henning Ritter wurde im Jahr 2000 die Ehrendoktorwürde der Universität Hamburg verliehen, 2005 erhielt er den Ludwig-Börne-Preis.

„Notizhefte“ ist erhältlich bei Amazon.

Lew Tolstoi: „Krieg und Frieden“ – Aus dem Russischen von Barbara Conrad (Carl Hanser Verlag)

Buchcover Tolstoi Conrad Kreig und FriedenÜber das Buch: Tolstois größtes Werk, zugleich einer der Höhepunkte der Weltliteratur, liegt nach einem halben Jahrhundert als Neuübersetzung vor. In „Krieg und Frieden“ wird die Epoche der Napoleonischen Kriege beschrieben, Weltgeschichte und privates Leben in unvergleichlicher Weise zusammengeführt. Tolstoi spannt ein Netz von Machtkämpfen, Familiengeschichten und Liebestragödien. Mit seinen zahllosen handelnden Personen, darunter auch viele historisch verbürgte Figuren, mit erzählerischer Fülle und sprachlicher Vielfalt, entstand ein überwältigendes Epos, das aber auch größte Anforderungen an die Übersetzer stellt. Barbara Conrad hat diese längst fällige Neuübersetzung nach jahrelanger Arbeit abgeschlossen. Dabei folgte sie dem Original konsequent bis ins sprachliche Detail.

Die Jury: „Barbara Conrad hat Tolstois eigenwilligen erzählerischen Duktus herausgearbeitet und in lebendige deutsche Prosa übertragen. Mit ihren kundigen Kommentaren summiert sich das zu einer zweifach glänzenden Leistung: als Übersetzung des Werkes und als Unterrichtung über die Epoche, in der es spielt.“

Die Übersetzerin: Barbara Conrad wurde 1937 in Heidelberg geboren. Nach einer Bibliothekarsausbildung studierte sie Slawistik, Anglistik und Germanistik. 1971 promovierte sie mit der Arbeit „I.F. Annenskijs poetische Reflexionen“. Danach arbeitete Barbara Conrad bis 1982 als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Assistentin am Slawistischen Institut der Universität Heidelberg und hatte Lehraufträge in Kassel. Seither ist sie freiberuflich als Übersetzerin (u. a. Tschechow, Tolstoi, Pasternak) und Herausgeberin tätig.

„Krieg und Frieden“ ist erhältlich bei Amazon.

Wolfgang Herrndorf „Tschick“ (Rowohlt Berlin Verlag)

Buchcover Herrndorf TschickÜber das Buch: Der Vater vergnügt sich mit seiner Assistentin auf einer Geschäftsreise, die Mutter ist in der Entzugsklinik: Maik Klingenberg wird die großen Ferien sich selbst überlassen am Pool der elterlichen Villa verbringen. Er ist ein Außenseiter und wird von den Mitschülern als „Psycho“ gemieden. Doch dann kreuzt Tschick auf. Tschick, eigentlich Andrej Tschichatschow, kommt aus einer der Plattenbausiedlungen im Osten Berlins, hat es von der Förderschule irgendwie bis aufs Gymnasium geschafft und wirkt doch nicht gerade wie das Musterbeispiel der Integration. Außerdem hat er einen geklauten Wagen zur Hand. Und damit beginnt eine Reise ohne Karte und Kompass durch die sommerglühende deutsche Provinz. Auf ihrer Odyssee begegnen die beiden Jugendlichen schrägen Gestalten und gelangen zu nicht weniger merkwürdigen Orten. Tschick ist ein Roadmovie und Abenteuerroman, unvergesslich wie die Flussfahrt von Tom Sawyer und Huck Finn.

Die Jury: „Ein hinreißendes Buch über Freundschaft, das vordergründig von der abenteuerlichen Reise zweier 14-Jähriger in einem geklauten Lada handelt, in Wahrheit aber von der Schönheit und Einzigartigkeit des Lebens erzählt.“

Der Autor: Wolfgang Herrndorf, 1965 in Hamburg geboren, hat Malerei studiert und unter anderem für das Satiremagazin Titanic gezeichnet. 2002 erschien sein Debütroman „In Plüschgewittern“. Mit seiner Erzählung „Diesseits des Van-Allen-Gürtels“ nahm er am Ingeborg-Bachmann-Preis 2004 teil und gewann dort den Kelag-Publikumspreis. Für den gleichnamigen Erzählungsband wurde er im Jahr 2008 mit dem Deutschen Erzählerpreis ausgezeichnet.

„Tschick“ ist erhältlich bei Amazon.


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