13/02/2008von 539 Views – 0 Kommentare

Erpenbeck, Jenny: Heimsuchung

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Buchcover
Roman
Hardcover: Eichborn, 2008
Tascehnbuch: btb, 2010
Inhalt:

Ein Haus an einem märkischen See: Es ist der Schauplatz für fünfzehn Lebensläufe, Geschichten, Schicksale von den Zwanzigerjahren bis heute. Das Haus und seine Bewohner erleben die Weimarer Republik, das Dritte Reich, den Krieg und dessen Ende, die DDR, die Wende und die Zeit der Nachwende. Jedem einzelnen Schicksal gibt Jenny Erpenbeck eine eigene literarische Form, jedes entfaltet auf ganz eigene Weise seine Dramatik, seine Tragik, sein Glück. Alle zusammen bilden ein Panorama des letzten Jahrhunderts, das verstört, beglückt, verunsichert und versöhnt. (Pressetext)

Kurzkritik:

In dieses Buch wollte ich nur kurz hineinschauen und dann habe ich es in einem Zug ausgelesen. Was für das Buch und gegen mich spricht, denn für eine rasche “Inhalation” ist “Heimsuchung” zu wertvoll.

Werner gibt  ★★★★½  (4,5 von 5 Eselsohren)

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Besprechung:

Substanziell

In dieses Buch wollte ich nur kurz hineinschauen und dann habe ich es in einem Zug ausgelesen. Was für das Buch und gegen mich spricht, denn für eine rasche “Inhalation” ist “Heimsuchung” zu wertvoll.

Jenny Erpenbeck beschreibt darin die Bewohner eines Hauses in der Nähe von Berlin und verweist somit auf ungefähr hundert Jahre deutsche Geschichte. So ein Vorhaben könnte leicht akademisch werden oder vor lauter Absicht(en) leblos, doch bei Erpenbeck wird daraus ein anmutiges Lesevergnügen, das die offenkundigen Intentionen weit hinter sich lässt.

Bauern, Juden, Nazi-Mitläufer, Soldaten,
DDR-Bürger, DDR-Künstler und Deutsche

Ja, wir erfahren einiges über Bauern, Juden, Nazi-Mitläufer, Soldaten, DDR-Bürger, DDR-Künstler und Deutsche nach der Wiedervereinigung, doch diese Personen und ihre Schicksale sind nicht so exemplarisch, dass sie bloß einen literarischen Geschichtsunterricht abgeben, oder so eindimensional, dass sie bloß einer politischen Gesinnung veranschaulichen würden. Darüber hinaus gelingt es Erpenbeck, Geschichte und Gesinnungen und vor allem die Menschen lebendig werden zu lassen, auch wenn sie diese oft nur skizziert, in einer klaren Sprache, welche sich den beschriebenen Personen und Ereignissen anpasst, diese durchdringt, ohne alles wissen oder preisgeben zu müssen.

Haus und Gärtner

Die Konstanten in der wechselvollen Geschichte sind natürlich das Haus selbst und ein Gärtner, welche beide in ihrer Substanz unveränderlich scheinen. Allerdings scheint mir, dass Erpenbeck, während sie in “Heimsuchung” dem Wandel der Zeit nachgespürt hat, auch dem substanziell Menschlichen auf die Spur gekommen ist. Bei aller Individualität eint die Personen dieses Geschichtspanoramas doch mehr als das Haus am See, welches, baufällig geworden, im Epilog abgerissen wird.

Sieht viel kleiner aus

Als sie mit dem Abbruch des Hauses fertig sind, … sieht das Grundstück auf einmal viel kleiner aus. Bevor auf demselben Platz ein anderes Haus gebaut werden wird, gleicht die Landschaft für einen kurzen Moment wieder sich selbst.

Doch für wie lange? Im – die Prähistorie anreißenden – Prolog hat die Autorin konstatiert, „wie jeder See war auch dieser nur etwas Zeitweiliges, wie jede Hohlform war auch dieser Rinne nur dazu da, irgendwann wieder ganz und gar zugeschüttet zu werden.“

Von Werner Schuster

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Infos:

Jenny Erpenbeck wurde 1967 in Berlin (DDR) geboren. Nach einer Buchbinderlehre und Tätigkeiten als Requisiteuse und Ankleiderin an der Staatsoper Berlin studierte sie in Berlin Theaterwissenschaften und Musiktheaterregie. Seit 1991 arbeitete sie zunächst als Regieassistentin und inszenierte danach Aufführungen für Oper und Musiktheater in Berlin und Graz. Ihr Prosa-Debüt “Geschichte vom alten Kind” war 1999 ein sensationeller Überraschungserfolg, der Erzählband “Tand” (2001) und die Romane “Wörterbuch” (2005) und “Heimsuchung” (2008) folgten. Erpenbecks Bücher wurden mit zahlreichen Preisen und Stipendien ausgezeichnet und sind in insgesamt elf Sprachen übersetzt. Jenny Erpenbeck lebt als freie Autorin und Regisseurin in der Nähe von Graz.

Über Jenny Erpenbeck bei Wikipedia.

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