26/08/2009von 517 Views – 0 Kommentare

Fauser, Jörg: Der Schneemann

KurzkritikWas meinen Sie?Ausführliche BesprechungInfos

Buchcover Der Schneemann von Fauser
Thriller
Erschienen 2009 bei Diogenes
Erstveröffentlichung: Rogner & Bernhard, 1981
Inhalt:

Jörg Fauser: „Es gibt Romane, die auf ihren Stoff ausgerichtet sind, und andere, die von ihren Figuren leben. Als ich Anfang 1980 auf Malta war und in den alten englischen Kolonialhotels, den Seemannskneipen und Bars der Tramps und Weltenbummler in La Valetta den Stoff für einen Roman suchte, (er)fand ich eine Figur: Siegfried Blum, Ende dreißig, ein Bundesrepublikaner auf Abwegen, hat im Kunsthandel angefangen und es nie weiter gebracht als zum talentlosen Fälscher und Pornoheft-Händler. […] Blum hat seinen Ein-Mann-Betrieb mit viel Mühe durch die Wechselfälle der Zeit gebracht. Er ist ein altmodischer Konservativer, der gegen das Big Business der Syndikate keine Chance hat, ein Spieler, der mit Kleingeld gegen den Rest der Welt zockt. Nun sitzt er mit einem Restposten Pornos auf dem stockkatholischen Malta und träumt von der Glücksfee. Und tatsächlich – sie blinzelt ihm zu.“ (Pressetext)

Kurzkritik:

Von diesem Buch könnten auch heute noch viele (Krimi-)AutorInnen vieles lernen, vor allem jene, die sich über eine Technik erheben wollen, die sie erst gar nicht zu beherrschen gelernt haben, oder deren Büchern man diese Technik eben anmerkt. Fauser hingegen war anscheinend eine Naturbegabung. Es sei denn, er hat uns der Imagepflege wegen den Lebemann nur vorgespielt und seine Vorbilder heimlich studiert.

Werner gibt  ★★★★☆  (4 von 5 Eselsohren)

Bewerten, kommentieren, kaufen

Haben Sie dieses Buch gelesen?
Bewerten Sie es mit nur einem Klick!
schlechthalbwegsmittelgutsehr gut – 1 Leser/in/nen geben Ø 5,00 von 5 Punkten
Loading...Loading... Sie können auch einen Kommentar schreiben.

Und hier können Sie das Buch bestellen:
– in einer Buchhandlung in Ihrer Nähe
– bei Amazon
Besprechung:

Der Thriller als Langspielplatte

„Fauser war in seinen frühen Jahren ein Underground-Autor, der stark von der amerikanischen Beat-Literatur beeinflusst war und in seinen Texten eigene Drogenerfahrungen verarbeitete. Unter dem Einfluss der amerikanischen Hard-boiled-Autoren Dashiell Hammett und Raymond Chandler wandelte er sich in den 1980er Jahren zu einem Autor von Kriminalromanen aus der bundesrepublikanischen Wirklichkeit“, weiß Wikipedia.

Außerdem hat er – beabsichigt oder nicht – das Klischee eines wilden Bohemiens verkörpert: die Nacht zum Tag unter Einfluss von Alkohol und sonstigen Drogen. Schließlich ist er sogar unter mysteriösen Umständen gestorben, 1987 „in der Nacht nach seinem 43. Geburtstag, als er als Fußgänger auf der Autobahn A94 bei München von einem Lkw erfasst wurde.“

In den 1980er/1990er-Jahren muss Fauser jedenfalls so etwas wie die Stimme eines Teils seiner Generation gewesen sein. Ich habe ihn damals versäumt und urteile deshalb vielleicht weniger sentimental, als es etwa Feridun Zaimoglu in seinem Nachwort zu „Der Schneemann“ tut. Denn Zaimoglu hat durch Fauser nicht nur zum Schreiben gefunden, er wurde durch dessen Bücher gewissermaßen auch aus einer Art 80er-Jahre-BRD-Tristesse gerettet.

I‘m a loser, baby
(so why don‘t you kill me)

Jedenfalls hat der Diogenes-Verlag eine Fauser-Taschenbuch-Werkausgabe herausgebracht (gebunden gibt‘s die Bücher beim Alexander-Verlag), und damit keine Missverständnisse aufkommen: Fauser hat verdammt gut geschrieben. Zum Beispiel dieses Intro:

Blum sah auf die Uhr. Höchste Zeit. Er leerte die Kaffeetasse, nahm sich einen Zahnstocher aus dem Plastikbehälter und winkte dem Kellner. Die Rechnung war nicht hoch – umgerechnet knapp fünf Mark –, aber er mußte unbedingt bald ein Geschäft tätigen, wenn er sich nächste Woche auch noch ein warmes Mittagessen leisten wollte.

Noch im selben Absatz erfahren wir auch, wo das Ganze anfänglich spielt, nämlich auf Malta, und dass wir es bei Blum mit einem Kleinkriminellen mit mehr als bescheidenem Erfolg zu tun haben.

Und dann findet dieser irgendwie doch sympathische Loser zufällig eine große Menge Kokain. Und was er dann damit anstellt, macht diesen Roman für mich zu etwas Besonderem: Jede/r von uns träumt doch wohl von einem Glückstreffer (Marke: nie mehr arbeiten, Auto, Haus, Insel, Boot, Bedienstete usw.). Nur, seien wir uns doch ehrlich: Was würden wir mit den, sagen wir, 500.000 Euro machen, die wir auf der Straße gefunden haben? Wo lassen wir sie waschen?

Mutter, der Mann mit dem Koks ist da

Ungefähr dieses Problem hat auch Blum. Wem soll er das Koks verkaufen? Erschwerend kommt hinzu, dass er ein sturer Hund ist, der alles alleine machen möchte. Und empfindlich ist er auch noch! Der macht seine illegalen Geschäfte nicht mit jedem.

Wo das alles hinführt, kann man sich wohl vorstellen. Ich verrate es trotzdem nicht, tauche statt dessen in ein Vorurteil, nämlich dass „Der Schneemann“ ein für deutsche Verhältnisse exzellenter Thriller gewesen sein muss, der seine amerikanischen Vorbilder aber nicht wirklich erreicht. Dazu ist er gesellschaftspolitisch ein bisschen zu harmlos.

Natural born killer

Und historisch zu ungenau. Man muss damals wahrscheinlich jung gewesen sein, dass man mit Fauser (wieder) in die 80er eintauchen könnte. Anders gesagt: „Der Schneemann“ funktioniert wahrscheinlich wie eine Musiknummer, die eine/n eine bestimmte (persönliche) Zeitspanne wieder auferstehen lässt. Die Musik selbst ist aber höchstens vieldeutig.

Jedoch, um noch einmal zum Vorurteil zurückzukommen: Von diesem Buch könnten auch heute noch viele (Krimi-)AutorInnen vieles lernen, vor allem jene, die sich über eine Technik erheben wollen, die sie erst gar nicht zu beherrschen gelernt haben, oder deren Büchern man diese Technik eben anmerkt. Fauser hingegen war anscheinend eine Naturbegabung. Es sei denn, er hat uns der Imagepflege wegen den Lebemann nur vorgespielt und seine Vorbilder heimlich studiert.

Von Werner Schuster

Interessiert? – Hier können Sie das Buch bestellen:
– in einer Buchhandlung in Ihrer Nähe
– bei Amazon
 
Infos:

Jörg Fauser, geboren 1944, war freier Schriftsteller und Journalist. Zu seinen bekanntesten Veröffentlichungen gehören die Romane “Rohstoff” (1984), “Das Schlangenmaul” (1985) und der Gedichtband “Trotzki, Goethe und das Glück” (1979). Fauser verunglückte im Juli 1987 tödlich. Posthum erschien eine Gesamtausgabe bei Rogner und Bernhard (1990).

Über Jörg Fauser bei Wikipedia.

Damit man vielleicht ersehen kann, in welchem Umfeld „Der Schneemann“ erschienen ist (die Liste stammt von Cuba Collinson auf www.kriminalliteratur.krimischule.de; die meisten anderen Krimis sind mittlerweile vergriffen):

  • 1965 – Hansjörg Martin – Tödliche Neugier
  • 1971 – Horst Bosetzky (-ky) – Zu einem Mord gehören zwei
  • 1979 – HP Karr – Stop der Juwelenbande
  • 1980 – Fred Breinersdorfer – Reiche Kunden killt man nicht
  • 1981 – Jörg Fauser – Der Schneemann
  • 1981 – Peter Schmidt – Mehnerts Fall
  • 1981 – Detlef Blettenberg – Weint nicht um mich in Quito
  • 1982 – Horst Bieber – Sackgasse
  • 1983 – Gisbert Haefs – Mord auf dem Millionenhügel
  • 1984 – Frank Göhre – Abwärts
  • 1984 – Jürgen Alberts – Gehirnstation
  • 1987 – Bernhard Schlink – Selbs Justiz
  • 1988 – Robert Brack – Blauer Mohn
  • 1988 – Doris Gercke – Weinschröter du musst hängen
  • 1989 – Jacques Berndorf – Eifel Blues
  • 1991 – Ingrid Noll – Der Hahn ist tot

Schreiben Sie doch einen Kommentar

You must be logged in to post a comment.