29/07/2013von 524 Views – 0 Kommentare

von Horn, Dietrich: Immer is‘ was

Roman
Hardcover
155 Seiten
Erschienen 2013 bei C.H.Schroer

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Inhalt:

„Immer is‘ was“ ist ein fantastischer Lebensroman, der collagenartig von der Suche eines Heranwachsenden nach dem Sinn des Lebens erzählt. Und was könnte dem Leben mehr Sinn verleihen als der Gewinn einer goldenen Prinzessin? Ehe es aber so weit ist, gilt es für den Pseudo- Prinzen, sich halbwegs tapfer durch das abenteuerliche Nachkriegsdeutschland zu schlagen, ohne gänzlich unter die Räder zu kommen. Aber auch zu Zeiten des Wirtschaftswunders und der 1968er- Bewegung ist kaum Platz für einen Ritter der verträumten Sorte Deutsche Geschichte. (Pressetext)

Kurzkritik:

Ein hartes Stück Arbeit für den Leser ist es, das uns Dietrich von Horn da zumutet. Denjenigen, die den distanzierten Stil von Chroniken und Zeitgeistskizzen mögen, kann das durchaus Lesevergnügen bereiten. Dem Leser, dem es eher darum geht, für den jungen Helden Empathie zu empfinden, ist hingegen von der Lektüre eher abzuraten.

Daniel gibt  ★★½☆☆  (2,5 von 5 Eselsohren)

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Besprechung:

Titel

Dietrich von Horn schickt in seinem autobiografischen Debütroman „Immer is‘ was“ den Leser im Galopp durch 25 Jahre Nachkriegsgeschichte und bremst dabei sein Alter-Ego emotional aus.

Wir lesen die Geschichte des jungen Dietrich von Horn, geboren 1944 aus seiner eigenen Perspektive. Der Vater ist im Krieg gefallen, die Mutter schlägt sich mit den Kindern alleine durch die Nachkriegswirren. Sohn Dietrich ist schon im Grundschulalter ein Beobachter und Fragender:

Draußen war sternklare Nacht. 
„Das ist der große Wagen“, sagte Mutter und zeigte nach oben. 

„Wieso das denn? Was ist denn daran ein Wagen?“

„Das muss man sich vorstellen, vorne die Deichsel, dahinter der Kasten vom Wagen. Die Räder musst du dir denken. Und wenn man hinten die beiden Sterne siebenmal verlängert, dann kommt man zum Nordstern.“
„Warum heißt der denn Nordstern?“

„Na, weil er immer im Norden steht.“
„Und warum steht der immer im Norden?“

„Oh Junge, frag nicht so viel. Du machst einen ja ganz meschugge.“

„Wenn man am letzten Stern vorbeigeflogen ist, was kommt dann?“
„Nichts.“

„Nichts? Nichts ist doch auch was.“

„Das stört einen großen Geist nicht und einen kleinen geht’s nichts an“, sagte Mutter.

Grundschulzeit

Wir begleiten den staunenden Dietrich im ersten Kapitel durch seine Grundschulzeit; ein buntes Puzzle aus Kinderreimen, Schulaufsätzen, Hausaufgaben, Kindergeburtstagen, Klavierunterricht und ersten Kinoerlebnissen mit Tarzan, Sissi, Rommel und dem Förster vom Silberwald. Doch trotz der Betriebsamkeit bleibt er ein Träumer:

Ich zog es vor, auf dem Rücken im Kornfeld zu liegen, den Geräuschen zu lauschen und den Wolken nachzuschauen, die immer neue Figuren am Himmel bildeten. Sich auf der Stelle so lange drehen, bis man umfiel. Im Gras liegen bleiben. Die Erde drehte sich wie ein Karussell. Auf der Wiese wuchsen Sauerampfer und goldgelber Löwenzahn. Wenn die Zeit der Pusteblumen kam, konnte man sie in den Wind halten oder selbst die Samenschirmchen wegpusten. Sie hingen noch lange in der Luft, bis sie langsam wieder auf den Boden fielen.

Aufnahmeprüfung

Der Träumer vergeigt die Aufnahmeprüfung zum Gymnasium und kommt auf die Mittelschule. Zwischen Klassenfahrten, dem ersten eigenen Plattenspieler aus dem Neckermann-Katalog und der Bravo-Lektüre tauchen hier schulische Bildungs-Bruchstücke auf, die den damaligen Status quo der (Nicht-)Aufarbeitung der eigenen Geschichte im Unterricht deutlich machen:

„Der deutsche Soldat hat sich nichts zuschulden kommen lassen.“

„… wenn man gewusst hätte, dass in Deutschland Menschen verbrannt wurden…“

„Viel Wasser, wenig Farbe!“

„Kein schöner Land in diesder Zeit
als hier das unsre weit und breit …“

Die Prüderie der damaligen Erziehung blitzt bei seiner Beschreibung des Konfirmandenunterrichts auf:

Und das mit den sieben Todsünden war ja noch schlimmer. Trägheit, Neid, Zorn und Habsucht, okay, die kannte ich ja. (…) Und was ist Wollust? Ein Mensch, der gerne strickt? Fehlte nur noch, dass das Wichsen auch eine Sünde ist. Dann konnten die mir alle gestohlen bleiben mit ihrer Kirche.

Naiver Blick

Dieser herrlich naive Blick auf die Umwelt setzt sich in Dietrichs Pubertät fort, dessen Interesse zunehmend der Pop-Musik und Kultur im Spannungsfeld zwischen der Sendung Musikbox, Elvis, Nietenhosen und Filmen wie „La dolce Vita“ (FSK 18) bewegt. Das setzt sich während seiner anschließenden Verwaltungslehre mit Marilyn Monroe und dem ersten Fernseher der Mutter fort.

Der Mauerbau bleibt für ihn eine Randerscheinung, die Beatles, Woodstock, die Schallplatten-Kultur und seinen ersten Freundinnen wie Nadine, Sophie und Christine sind während des Wehrdienstes und der Zeit auf dem Wirtschaftsgymnasium viel wichtiger, genauso wie die ersten Auslandsreisen an den Gardasee und später nach Rio de Janeiro. Mit den Frauen hat er zu dieser Zeit nicht wirklich dauerhaft Glück und erst, als seine „wildzahme“ Jugendzeit vorbei ist und er Lehrer in Bargteheide (15.281 Einwohner am 31.12.2011, Quelle: Wikipedia) wird, scheint sich das zu ändern …

Der Landrat

Dietrich von Horn erzählt anhand seiner eigenen Kindheitsgeschichte 25 Jahre Nachkriegszeit. Beiläufig fließen politische Kommentare zur Aufarbeitung der jüngsten deutschen Geschichte mit in die Geschichte ein, wie beispielsweise in dem Moment, in dem er den Landrat beschreibt, bei dem er sich Anfang der 1960er Jahre für eine Verwaltungslehre bewirbt:

Der Landrat der Kreisverwaltung Eckernförde war ein strammer Nazi und im Baltikum Gebietskommissar gewesen. Nach dem Krieg war er Demokrat. Er bekam das ‚Große Verdienstkreuz mit Stern des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland‘. Außerdem wurde ihm der Ehrentitel eines Staatsrates vom Ministerpräsidenten des Landes Schleswig Holstein zugesprochen. Der wiederum war von 1933 bis 1937 Bürgermeister in Eckernförde und hatte in SA-Uniform vor dem Rathaus erklärt: ‚Wir Nationalsozialisten stehen auf dem Boden des Führerprinzips. Wir alle, jeder an seiner Statt, sind dazu aufgerufen, die Hammerschläge des Dritten Reiches auszuführen.‘ 
Vielleicht sollte ich mal den Landrat fragen, wo er von 1941 bis 1944 war. Wohl doch lieber nicht. Das hätte er vielleicht nicht gut gefunden, denn er strahlte eine eisige Unnahbarkeit aus, von der man sogar im Hochsommer eine Gänsehaut bekam.

Keine Rebellion

Hier kommt Dietrich von Horn zum politischen Knackpunkt seiner Generation; aufgewachsen in den Kriegswirren der Nachkriegszeit und in der Jugend in einer Gesellschaft, in deren Schaltstellen immer noch Nationalsozialisten das Sagen hatten, die Ära 33–45 von der Elterngeneration vollständig unaufgearbeitet. Während in Berlin und den Städten die Rebellion der 68er beginnt und Benno Ohnesorg von einem Polizisten ermordet wird, bleibt es in der Provinz friedlich:

Ein paar Tage später kam der Kanzler Kurt-Georg Kiesinger nach Eckernförde. In der ‚Seelust‘ sollte er eine Rede halten. Zufällig war auch ich da. Da Kiesinger wohl noch etwas Zeit hatte, blieb er in seinem Mercedes sitzen und las in seinen Akten. Noch unter dem Eindruck der Ereignisse in Berlin stellte sich ein schmaler junger Mann vor seinen Wagen und brüllte: ‚Mörder, Mörder!‘. Ein Polizist führte ihn ab. Obwohl er eine Dienstwaffe dabeihatte, machte er keinen Gebrauch davon. Manchmal ist die Provinz eben doch gelassener, als die Metropole.

Unkommentiert

Was hier zunächst zynisch klingen mag, wirft einen präzisen Blick auf die unpolitische Landbevölkerung der Nachkriegsgeneration, an der auch die 68er-Bewegung mit ihrem Aufbegehren gegen die nationalsozialistische Elterngeneration politisch vorbei geht. Dietrich wird Lehrer und damit pädagogischer Teil des Staatsapparates, der seine eigene Vergangenheit noch nicht aufgearbeitet hat.

Dietrich von Horn verwebt in seinem Kaleidoskop der Nachkriegszeit seine private Geschichte mit der deutschen Geschichte dieser Zeit. Die Beschreibung von Gefühlen erlaubt sich der Ich-Erzähler indes nicht, was für den Leser anstrengend bis nervtötend ist, denn die geschilderten Ereignisse bleiben emotional vollständig unkommentiert.

Mitarbeiten

Der Jugendliche Dietrich definiert sich verstärkt über die Pop-Musik und deswegen sollte man „Immer is‘ was“ lesen und währenddessen die Musik dazu hören, die er jeweils anspricht. Dann wird aus der recht sachlich gehaltenen Chronik eine literarisch-musikalische Performance, die dem vom jungen Ich-Erzähler aufgesogenen und geschilderten Gefühl in der Nachkriegszeit entspricht. Dietrich von Horn macht den Leser damit zum Ko-Autoren, sein Teppich mit den Fakten der Zeit vermischt sich mit der Musik zu einer Collage, aus der man individuell für sich die Situation der Nachkrigesgeneration entwickeln muss.

Ein hartes Stück Arbeit für den Leser ist es, das uns Dietrich von Horn da zumutet. Denjenigen, die den distanzierten Stil von Chroniken und Zeitgeist-Skizzen mögen, kann das durchaus Lesevergnügen bereiten. Dem Leser, dem es eher darum geht, für den jungen Helden Empathie zu empfinden, ist hingegen von der Lektüre eher abzuraten.

Von Daniel Kasselmann

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Infos:

Dietrich von Horn, geb. 1944 in Hohenstein, Kreis Eckernförde, lebt in Bargteheide in der Nähe von Hamburg. Er ist pensionierter Hauptschullehrer, verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. In seiner Zeit als Lehrer hat Dietrich von Horn, der bisher vor allem als Maler und Fotograf in Erscheinung getreten ist, auch an Schulbüchern und Atlanten mit gearbeitet, hat außerdem eine Weile satirische Texte für pädagogische Zeitschriften geschrieben und sogar mit einem Freund ein Buch über Squash veröffentlicht. Mit seinem Episodenroman aus der norddeutschen Provinz “Aber sonst ist eigentlich nicht viel passiert” gewann er den ersten Platz beim “Hamburger Abendblatt”-Roman-Wettbewerb 2011.

Mehr über Dietrich von Horn bei Wikipedia.

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