07/04/2013von 1.329 Views – 2 Kommentare

Straub, Isabella: Südbalkon

Roman
Hardcover
254 Seiten
Erschienen 2013 bei Blumenbar (Aufbau)

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Inhalt:

„Man sieht es einem Gebäude nicht an, wenn darin ausführlich gelitten wird.“ Ruth tut, was der Rest der Gesellschaft sich wünscht: Nichts. sie hat keinen Job, keine Kinder, nur einen Freund, für den sie das Flittchen spielt, bevor er wieder hinter dem Computer verschwindet. Ruth ist Außenseiterin, aber gerade weil sie nicht am normalen Leben teilnimmt, kann sie uns alles darüber erzählen. (Pressetext)

Kurzkritik:

Isabella Straub legt mit „Südbalkon“ ein furioses Romandebüt über eine Frau auf der Suche nach dem Leben jenseits der emotionalen Nulllinie vor.

Daniel gibt  ★★★★½  (4,5 von 5 Eselsohren)

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Besprechung:

Sekundärleben aus der Balkonperspektive

Isabella Straub legt mit „Südbalkon“ ein furioses Romandebüt über eine Frau auf der Suche nach dem Leben jenseits der emotionalen Nulllinie vor.

Ruth hat außer einem abgebrochenem Medizinstudium und ein Langzeitpraktikum in einer Todesanzeigenredaktion nichts Leistungswertes in ihrem Lebenslauf zu verzeichnen. Sie lebt bei ihrem Freund Raoul und ist Dauerkundin in der Gesellschaft für Wiedereingliederung, deren Bemühungen, sie in Arbeit zu bringen, sie konsequent boykottiert. Lieber schlägt sie ihre Zeit damit tot, im Garten der Magenbuch-Klinik die siechenden Patienten zu beobachten, auf einer Parkbank in der Lisztstraße herumzusitzen, von ihrem Balkon aus den Nachbarn im gegenüberliegenende Hochhaus beim Ehestreit zuzusehen und ihre Freundin zum Kaffee auf belanglose Plaudereien im Möbelhaus zu treffen.

Erwartungen abtrainiert

Die Bemühungen ihres Fallmanagers Herr Othmar perlen an ihr ab, wie an einer Teflon-Pfanne. Sie hat sich ihre Erwartungen an das Leben abtrainiert und sich in der Tristesse ihres freizeitigen Restlebens eingerichtet, in dem ihre Sexspielchen „Das siebte Flittchen“ mit Raoul die wenigen Höhepunkte sind. Das plätschert ungeniert seicht dahin und versteigt sich nur hin und wieder in pseudophilosophischen Betrachtungen wie einer erinnerten Story aus dem Stern-Feuilleton oder peinlichen Phantasien beim Betrachten ihres Metzgers:

Ich sehe seinen Händen zu. Große Hände mit breiten Fingern, die geschickt mit toten Tieren hantieren. Ich frage mich, wie er abends den Geruch nach Blut und Verwesung von der Haus bekommt. Geht doch sicherlich durch die Plastikhandschuhe durch. Wäre ich mit ihm verheiratet, müsste ich ununterbrochen an seinen Händen schnuppern. Vielleicht würde es mich heiß machen, wenn ich wüsste, dass diese Hände, die meine Brüste berühren, gerade noch in Blut gebadet haben. Das muss irgendein prähistorischer Reflex sein. Mann erlegt Säbelzahntiger und wird nach der Rückkehr mit Sex belohnt.

Gangway to hell

Gerade, als man mittlerweile von der Seichtigkeit ihres Seins ordentlich angenervt ist, schleicht sich dann eine ganz andere Facette der Ruth ins Bild:

Manchmal, wenn ich traurig bin und nicht weiß, warum, gehe ich auch ohne Termin in die Gesellschaft für W. und setze mich in den Gang der Langzeitarbeitslosen, im Volksmund Gangway to hell genannt. Der Flur der Wartenden ist mein Fluchtpunkt, hier raste ich, hier spürt mich keiner auf. Ein Ort, an dem die Zeit so langsam vergeht, dass es absurd wäre, eine Uhr aufzuhängen.

Mitleidensgenossen

Ruth sitzt da, beobachtet ihre Mitleidensgenossen und notiert sich in einem kleinen Notizbuch ihre Beobachtungen: „Ich beobachte die Langzeitarbeitslosen gerne und ausführlich. Ihre Augen sind unbewohnte Kammern, für die man kein Einrichtungsgeld beantragen kann.“ Neben diesen poetischen Bildern etabliert Ruth sich zunehmend als Seziererin der Welt Absurdistan in der Gesellschaft für W.:

Für die Raucher wurde ein Glaskabuff in der Mitte des Ganges geschaffen. Auf diese Weise ist immer für Abwechslung gesorgt. Die Raucher im Glaskubus betrachten während des Rauchens die Wartenden davor, die Nichtraucher wiederum sehen in das Glaskabuff hinein. Wenn notwendig, verständigen sich Raucher und Nichtraucher mittels Zeichensprache. Manche hier rauchen so viel, dass es beinahe als Arbeit durchgehen könnte.

Überdruss und Unterversorgung

Ihr Leben, das sie erleidet wie einen Fremdkörper, erfährt eine Wende, als Raoul plötzlich in die Magenbuch-Klinik eingeliefert wird. Einerseits wird Ruth eifersüchtig auf ihre beste Freundin, die ihn dort besucht, andererseits lernt sie selbst den Pfleger Pawel kennen und verliebt sich. Eine Begegnung mit der Mutter eines Säuglings spült in ihr schmerzhaft die Erinnerung an ihr eigenes, kinderloses Schicksal hoch und als ihr später auf einer Caféhaustoilette eine fremde Frau versehentlich eine Türklinke in die Lende knallt, wird ihr Schmerz offenbar:

Ja, ich habe Schmerzen, will ich sagen, aber die Ursache liegt nicht in diesem lächerlichen Unfall. Es sind meine Gefühls-Gefäße, die schmerzen und kein Art in Griffweite, der sie verschmelzen kann, von miur aus darf er sie auch aus dem Körper ziehen, ich brauche sie nicht mehr. Ist es das, was das Leben bieten kann, ein ständiges Pendeln zwischen Überdruss und Unterversorgung.

Tigertempel

Als Pawel ihr ein Selbsthilfebuch schenkt – eine Literatur, für die sie in der Gesellschaft für W. bei ihren Mitleidensgenossen bisher immer nur Verachtung übrig hatte – erinnert sie sich beim Lesen an einen Film über den Tigertempel in Thailand:

Als der Abt des Tigertempels sagte ‚Wer mit Tigern umgehen kann, der meistert auch sein Leben‘, verstand ich, weshalb ich so weit davon entfernt war, mein Leben zu meistern. Dass irgendwo da draußen das echte Leben auf mich lauerte. Und dass ich weitergehen müsste, da ich sonst die Tiger bis zum Ende meiner Tage nur durch eine Glasscheibe betrachten würde.

Ruth macht sich auf den Weg zu ihrem Leben.

Scheinbar oberflächlich

Isabella Straub wählt in ihrem Debütroman „Südbalkon“ die auktoriale Erzählperspektive; das bedeutet, der Leser ist mittendrin in Ruths Gefühlsuniversum, das zu Beginn nervig seicht daherkommt und erst im Verlauf der Geschichte seine ganze Tiefe und ihre persönliche Tragik entfaltet. Ihre Beobachtungen der Patienten im Park der Klinik, die später für sie der Ort von Raouls Krankheit und ihrer Beziehungskrise werden wird, ergeben mit ihrer Biografie als ehemaliger Praktikantin in einer Todesanzeigen-Redaktion das Bild einer kranken weil hoffnungslosen und passiven Existenz, deren scheinbare Oberflächlichkeit ihre eigene Krise immer weniger zu vertuschen vermag.

Ihr Schicksal, ihr verlorener Traum vom Glück, vermag ein Menschenleben zu zerstören. Doch Ruth beobachtet, liebt, liest und lernt. Und steht wieder auf, um ihr Leben in die Hand zu nehmen. Darin bekommt sie Ähnlichkeit mit dem absurden Helden Sisyphos, von dem Albert Camus schreibt: „Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“

Selbstermächtigung

Isabella Straub hat mit „Südbalkon“ ein großartiges Romandebüt vorgelegt, das von nichts weniger als der individuellen Selbstermächtigung der Protagonistin Ruth handelt. Diesen Weg mit ihr mitzugehen ist zu Beginn für den Leser anstrengend, später spannend und schließlich emotional sehr ergreifend bis hin zum offenen Ende. Dabei reicht ihre Tonalitätsskala von Zynismus, Ironie und Sarkasmus bis zu den feinen, zutiefst liebenswerten Tönen und ist dabei in der Wortwahl immer direkt und gegenwartsbezogen.

Unbewohnte Kammern

Wenn Ruth bei der Gesellschaft für W. über die Langzeitarbeitslosen nachdenkt: „Ihre Augen sind unbewohnte Kammern, für die man kein Einrichtungsgeld beantragen kann.“ meint sie indirekt sich selbst damit. Ihr eigener Weg von der unbewohnten Kammer ihrer Seele zu ihrem Aufbruch nach einer vollmöblierten Seelenvilla ihres Lebens ist Thema des Romans. Ein harter und steiniger Weg, für den es sich um jede Seite lohnt, ihn mit Ruth mitzugehen. Uneingeschränkte Leseempfehlung!

Von Daniel Kasselmann

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Infos:

Isabella Straub, geboren 1968 in Wien. Studium der Germanistik und Philosophie. Journalistin bei einer großen österreichischen Tageszeitung, selbständige Werbetexterin (Agentur „textbar“) in Klagenfurt am Wörthersee. Teilnehmerin der Leondinger Literaturakademie 08/09. Finale Werner Bräunig Preis 2009. Gewinnerin Wortlaut Wettbewerb 2011.

Mehr über Isabella Straub bei www.isabellastraub.at.

2 Kommentare zu "Straub, Isabella: Südbalkon"

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  1. Daniel Kasselmann sagt:

    Stimmt, Raffael!

  2. Raffael sagt:

    Es handelt sich hier keineswegs um eine auktoriale Erzählperspektive, Isabella Straub hat ganz im Gegenteil die personale Ich-Perspektive gewählt.

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