05/04/2013von 534 Views – 0 Kommentare

Womersley, Chris: Beraubt

Roman
Hardcover
320 Seiten
Erschienen 2013 bei DVA
Aus dem Englischen von Thomas Gunkel
Originalausgabe: „Bereft”, 2010

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Inhalt:

Australien, 1919: Quinn Walker kehrt aus dem Großen Krieg in seine Geburtsstadt Flint zurück, aus der er zehn Jahre zuvor fliehen musste, einer abscheulichen Tat angeklagt. In dem Wissen, dass die Bewohner des Städtchens sich seinen Tod wünschen, versteckt er sich in den Bergen, ohne einen Plan und unsicher, was er tun soll. (Pressetext)

Kurzkritik:

In manche Bücher will man bloß kurz einmal hineinlesen und ehe man sich‘s versieht, ist man so gepackt, dass man nicht mehr aufhören kann. „Beraubt“ ist so ein Buch, und es ist beklemmend.

Werner gibt  ★★★★½  (4,5 von 5 Eselsohren)

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Besprechung:

Unerlösbar

In manche Bücher will man bloß kurz einmal hineinlesen und ehe man sich‘s versieht, ist man so gepackt, dass man nicht mehr aufhören kann. „Beraubt“ ist so ein Buch, und es ist beklemmend.

Manche AutorInnen können einfach schreiben. Das ist zwar ein dummer Satz, aber ich lasse ihn jetzt einmal so stehen. Ich denke, man weiß, was ich meine. (Etwa, dass diesen AutorInnen das Schreiben scheinbar mühelos von der Hand geht; dass man ihren Texten keine Technik, keine Kniffe und Tricks anmerkt; dass ihre Texte zu lesen auch ein sinnliches Vergnügen ist, weil man ihnen die Charaktere glaubt, weil sich die Handlung „wie von selbst“ entwickelt und weil sie die Orte der Handlung so beschreiben, dass man diese unweigerlich vor sich sieht oder in sie quasi hineingezogen wird.)

Flucht in den Krieg

Chris Womersley ist jedenfalls so ein Autor. Schauplatz von „Beraubt“ ist Flint, ein Dorf in Australien, in dem 1909 ein Mädchen geschändet und erstochen worden ist. Ihr Bruder Quinn wurde mit dem Messer in der Hand über sie gebeugt gefunden und ist dann geflüchtet. Zehn Jahre später kehrt er zurück, nachdem er im Ersten Weltkrieg gekämpft hat. Er leidet unter Kriegsfolgen, hört schlecht und ist auch von Giftgas körperlich beeinträchtigt.

Quinn versteckt sich in der Umgebung von Flint, dringt heimlich in das Haus seiner Eltern ein, um seine Mutter zu besuchen. Vor allen anderen hält er sich verborgen. Er hat seine Schwester nicht ermordet und weiß, dass ihm das niemand glauben wird, auch sein Vater nicht.

Ein gebrochener Mann

Er trifft auf das Waisenmädchen Sadie, das sich ebenfalls in den Bergen versteckt und auf die Rückkehr ihres Bruders aus dem Krieg wartet. Nun würde man annehmen, dass er sich des Mädchens annimmt, es verhält sich jedoch genau umgekehrt: Sadie sorgt für Unterkunft und Essen, Sadie richtet Quinn auf. Er ist ein gebrochener Mann mit wenig Antrieb, sie ein aufgrund ihres Schicksals altklug gewordenes Mädchen, das trotz ihrer Traumen überleben will. Und: Sie haben einen gemeinsamen Feind. Den Mann, der Quinns Schwester missbraucht und umgebracht hat.

Karg, schroff und unheimlich

Wer das ist, lässt Womersley relativ früh aufdecken. Verraten sollte man‘s trotzdem nicht, auch wenn „Beraubt“ seine Dauerspannung nur zum Teil aus dem Kriminalfall bezieht, viel mehr jedoch aus dem Ringen seines Antihelden mit sich (und mit Sadie). Und aus der Atmosphäre. Womersley beschreibt das Dorf mit der es umgebenden Landschaft, als würde der Roman in einem Hochgebirge spielen (was nicht er Fall ist). Alles wirkt grau, auch wenn die Sonne scheint, ist karg und schroff und unheimlich, auch die Menschen.

Hilft Rache?

Diese fristen ein bescheidenes Dasein, und Quinn hat man sogar dessen beraubt. Wird er jemand anderen als seine Mutter von seiner Unschuld überzeugen können? Wird er Rache nehmen müssen? Wird er das – in seinem Zustand – auch können? Würde das für Gerechtigkeit sorgen?

Lebende Leichen

„Beraubt“ hat etwas von einem Western ohne Helden, bei dem der Showdown die ursprüngliche Ordnung nicht wiederherstellen kann. Oder von einem Zombie-Roman: Hier wanken alle herum wie lebende Leichen, nichts kann sie erlösen, kein Gericht und keine Selbstjustiz.

Dass noch dazu eine Seuche ausgebrochen ist, macht die Sache nicht schlimmer, ist bloß ein Bild für die Seuche, die von Flint schon lange Besitz ergriffen hat: Missbrauch und Mord. Chris Womersley beschreibt die Folgen davon in einem prägnanten Stil, eindringlich und beklemmend.

Von Werner Schuster

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Infos:

Chris Womersley wurde 1968 in Melbourne geboren, wo er heute nach ausgedehnten Reisen in Asien, Afrika und Südamerika wieder lebt. Er studierte Kreatives Schreiben, arbeitete als Journalist und veröffentlicht seit 2006 Kurzgeschichten. „Beraubt“ ist sein zweiter Roman und wurde u.a. mit dem Australian Book Industry Award for Literary Fiction und dem Indie Award for Fiction ausgezeichnet. Außerdem wurde das Buch für den CWA Gold Dagger Award, den wichtigsten englischsprachigen Preis für Spannungsliteratur, nominiert.

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