04/02/2011von 3.118 Views – 0 Kommentare

Böll, Heinrich: Die verlorene Ehre der Katharina Blum

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Buchcover Boell Blum
  • oder: Wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann
  • Roman
  • Taschenbuch
  • 160 Seiten
  • Erschienen 1976 bei dtv

Inhalt:

Katharina Blum ist eine junge hübsche Haushälterin, die sich eine kleine Eigentumswohnung und einen Volkswagen leisten kann. Sie hat ein heiter-bescheidenes Wesen und wird, weil sie Zudringlichkeiten der Männer verabscheut, in ihrer Umgebung die „Nonne“ genannt. Diese Frau verliebt sich spontan in einen jungen Mann, einen von der Polizei gesuchten radikalen Rechtsbrecher. Sie verhilft ihm zur Flucht und gerät in den Mittelpunkt der Sensationsmache einer großen Boulevardzeitung. Die Situation eskaliert, als der Journalist Werner Tötges in ihre Wohnung kommt …

Kurzkritik:

Heutzutage bringt man diesen Roman nicht mehr mit der Baader-Meinhof-Gruppe in Zusammenhang. Das tut der Wirkung der Erzählung keinen Abbruch, die man als immer noch gültige Warnung vor den Auswirkungen des Sensationsjournalismus verstehen kann, auch wenn die Medien generell marktschreierischer geworden sind und uns mit Sensationen überschwemmen.

(Relativ) unschuldig in die Fänge von solchen Medien und anderen Institutionen zu geraten, für die man bloß ein Objekt ist, mit dessen Hilfe sich die Auflage (oder die Klicks steigern) lassen, das kann uns heute noch genauso passieren wie Heinrich Böll und seiner Katharina Blum.

Werner gibt  ★★★★★  (5 von 5 Eselsohren)

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Besprechung:

Böll, der Sympathisant

„Bölls neue Erzählung ist wieder skandalös. Darum drucken wir sie.“ Mit diesen Worten kündigte Herausgeber Rudolf Augstein in der Ausgabe des Spiegel vom 29. Juli 1974 den Vorabdruck von „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ an.

Liest man dieses Buch heute, wird man wahrscheinlich als skandalös ansehen, was eine Boulevardzeitung einer Frau antut. Doch zur Entstehungszeit wurde Heinrich Böll unterstellt, er würde (auch) mit seiner Erzählung den RAF-Terrorismus gutheißen.

Gnade oder freies Geleit?

Um diesen Vorwurf zu verstehen, muss man wissen, dass Böll im Jänner 1972 – nachdem durch die Baader-Meinhof-Gruppe drei Menschen getötet worden waren – ebenfalls im Spiegel den Artikel „Will sie (Ulrike Meinhof; Anm.) Gnade oder freies Geleit?“ veröffentlichte, aufgrund dessen er in konservativen Kreisen ab sofort als „geistiger Sympathisant“ des Terrorismus galt. Zwei Jahre später erschien eben die „Katharina Blum“, in der sich die Titelfigur in einen Ludwig Götten verliebt. Der ist zwar ein gesuchter Bundeswehrdeserteur, einen Terroristen wird man in dieser Erzählung allerdings vergeblich suchen.

Rufmordkampagne

Wie entstand dann dieser falsche Eindruck? – Böll hatte in seinem Artikel die „Springer-Presse“ und vor allem dessen Bildzeitung scharf angegriffen. Daraufhin wurde er Opfer einer Rufmordkampagne durch dieselbe. Katharina Blum wird Opfer einer Rufmordkampagne durch eine „ZEITUNG“, und Böll hat seiner Erzählung folgendes Motto vorangestellt:

Personen und Handlung dieser Erzählung sind frei erfunden. Sollten sich bei der Schilderung gewisser journalistischer Praktiken Ähnlichkeiten mit den Praktiken der Bild-Zeitung ergeben haben, so sind diese Ähnlichkeiten weder beabsichtigt noch zufällig, sondern unvermeidlich.

(Nicht nur) die Bildzeitung erinnerte schließlich wieder daran, dass Heinrich Böll mit dem linken Terror sympathisiere. Und schon war aus einem Deserteur ein Terrorist geworden und aus dessen Geliebter eine Sympathisantin. Dabei ist Katharina Blum eigentlich eine junge Haushälterin, die in ihrer Umgebung die „Nonne“ genannt wird, weil sie die Zudringlichkeiten von Männer verabscheut. Nachdem sie ihrem Geliebten zur Flucht verholfen hat, schlägt die ZEITUNG zu.

Eiskalt und berechnend

Katharina wird darin nicht nur als Flittchen hingestellt, unter anderem verfälscht die ZEITUNG Aussagen von Personen, die Katharina kennen. Aus dem Satz „Katharina ist eine sehr kluge und kühle Person“ wird in der ZEITUNG die Beschreibung „eiskalt und berechnend“, die Charakterisierung „Wenn Katharina radikal ist, dann ist sie radikal hilfsbereit, planvoll und intelligent“ wird in der ZEITUNG zu „eine in jeder Beziehung radikale Person, die uns geschickt getäuscht hat“.

Solcherart zur Unperson gemacht, lockt Katharina den Journalisten Werner Tötges in ihre Wohnung und erschießt ihn.

Böll erzählte dies in der Form eines Berichts. Diesen fasst ein unbekannt bleibender Verfasser aus den Aussagen einiger Neben- und dreier Hauptquellen (Vernehmungsprotokolle, ein Rechtsanwalt und ein Staatsanwalt) zusammen und versieht ihn mit ironischen Kommentaren. Das gibt dem Ganzen einerseits einen objektiven Anstrich und macht andererseits deutlich, mit wem der Verfasser respektive Böll selbst – denn doch – sympathisiert.

Sensationsjournalismus

Heutzutage bringt man das, wie gesagt, nicht mehr mit der Baader-Meinhof-Gruppe in Zusammenhang. Das tut der Wirkung der Erzählung keinen Abbruch, die man als immer noch gültige Warnung vor den Auswirkungen des Sensationsjournalismus verstehen kann, auch wenn die Medien generell marktschreierischer geworden sind und uns mit Sensationen überschwemmen.

(Relativ) unschuldig in die Fänge von solchen Medien und anderen Institutionen zu geraten, für die man bloß ein Objekt ist, mit dessen Hilfe sich die Auflage (oder die Klicks steigern) lassen, das kann uns heute noch genauso passieren wie Heinrich Böll und seiner Katharina Blum.

Von Werner Schuster

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Infos:

Heinrich Böll, am 21. Dezember 1917 in Köln geboren, war nach dem Abitur Lehrling im Buchhandel. Danach Studium der Germanistik. Im Krieg sechs Jahre Soldat. Seit 1947 veröffentlichte er Erzählungen, Romane, Hör- und Fernsehspiele, Theaterstücke und war auch als übersetzer aus dem Englischen tätig. 1972 erhielt Böll den Nobelpreis für Literatur. Er starb am 16. Juli 1985 in Langenbroich/Eifel. Sein gesamtes Werk liegt im Taschenbuch bei dtv vor.

Mehr über Heinrich Böll bei Wikipedia.

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