13/06/2010von 304 Views – 0 Kommentare

John Irving hat mich erwischt, und krank war ich auch.

John Irving hat mich erwischt. Im empfehlenswerten Diogenes-Magazin (hier als book2look oder erhältlich in Ihrer Buchhandlung) ist nämlich ein Interview mit ihm abgedruckt und er sagt sinngemäß, dass vielen KritikerInnen seine Romane zu lang wären.

Hm, als erste Reaktion hätte ich zugegeben, dass ich viele Bücher nicht bestelle (oder kaufe), weil sie mir – angesichts von zwei bis drei Besprechungen pro Woche – unter anderem zu voluminös sind. Das ist natürlich dumm und ungerecht und was weiß ich noch alles, aber zu meiner schwachen Verteidigung führe ich an, dass ich mich, kaum naht die Urlaubszeit, auch nach sog. Wälzern umsehe.

Oder dass ich vorletzte Woche, als ich, erkrankt, von einer meiner Arbeitsstätten schon am Vormittag heimfuhr, noch rasch eine Buchhandlung heimsuchte, bevor ich mich ins Bett legte.

Die Wahl fiel – nicht auf Irvings soeben auf Deutsch erschienenes neues Buch, sondern auf Michael Chabons 800 Seiten starken Roman „Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier & Clay“. {Aus Angst, dass das eventuell nicht reichen könnte, nahm ich auch noch Louise Erdrichs „Solange du lebst“ dazu (400 Seiten).}

Ich begann jedoch mit dem „Reservebuch“, weil mir Chabons Sätze in meinem anfänglich matten Zustand zu anstrengend waren, und genoss es, wieder einmal in eine breit ausgemalte Welt eintauchen zu können, ohne Angst haben zu müssen, immer wieder aus dem Zusammenhang gerissen zu werden.

Über Chabons Buch schreibe ich vorerst einmal dasselbe. Und – eingedenk Irvings Anmerkung zu einigen seiner KritikerInnen –, dass sich die Qualität eines Buches selbstverständlich nicht an seinem Seitenvolumen ablesen lässt.

Ich will mich jetzt aber auch nicht auf eine Definition von Qualität einlassen, sondern bloß noch erwähnen, wann mir ein Buch gefällt.

An ein Buch, das mir gefällt, kann ich mich lange erinnern, vor allem an die Figuren. Ich denke, so wie man sich bei einem (be)merkenswerten Film an Bilder (und nicht an Dialoge) erinnert, bleiben einem von einem tollen Buch Charaktere, mit denen man gerne (auch viel) Zeit verbracht hat.

Ich sage damit nicht, dass mir Inhalt, Dramaturgie, Komposition und Stil gleichgültig sind (oder dass ich mit Formalismus, New Criticism und (Post-)Strukturalismus nichts anzufangen wüsste), sondern dass ich mich, wenn mir ein Text im Gedächtnis geblieben ist, zuallererst an die Figuren erinnere.

Ich bin mir sicher, dass mich Joe und Sammy (aus „Kavalier & Clay“) noch eine Weile begleiten werden – wie Freunde, mit denen man etwas Eindrucksvolles erlebt hat. Und dass ich solche Bücher, ob dick oder nicht, lieber mit Muße lese als ausschnittsweise in öffentlichen Verkehrsmitteln und vorm Schlafengehen.

Der immer noch nicht erwachsene Teil von mir versteht natürlich nicht, warum man erst krank werden muss, damit das endlich wieder einmal möglich wird.

Ein anderer Teil hat sich in der Buchhandlung daran erinnert, dass ich mich mit Irvings Figuren schon lange nicht mehr anfreunden habe können (– die letzte war Owen Meany; an den danach folgenden Romanen bin ich gescheitert). Es waren also nicht die über 700 Seiten von „Letzte Nacht in Twisted River“, die mich zu anderen Büchern greifen ließen.

Werner Schuster

„Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier & Clay“, „Solange du lebst“ und „Letzte Nacht in Twisted River“ bei Amazon.

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