26/05/2010von 693 Views – 0 Kommentare

Faktor, Jan: Georgs Sorgen um die Vergangenheit …

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Buchcover
… oder im Reich des heiligen Hodensack-Bimbams von Prag
Erschienen 2010 bei KiWi.
Inhalt:

Ein ödipales Vergnügen – Faktors erotischer Entwicklungsroman über Widerstände, Schmutz und Schönheit. Georg wächst in der schönsten Wohngegend Prags in einem summenden Frauenhaushalt auf. Leider zur Zeit des politischen Terrors, der überirdischen Atomversuche und später des Reformversuchs von ’68. Zwischen Tanten mit Kriegstraumata, dem tyrannischen Onkel „Onkel“ und der überstrahlend-schönen Mutter bleibt ihm nur die Flucht nach vorn. (Pressetext)

Kurzkritik:

Ob autobiografisch oder nicht, „Georgs Sorgen um die Vergangenheit …“ ist ein anspruchsvolles, mitunter deftiges Lesevergnügen.

Werner gibt  ★★★¾☆  (3,75 von 5 Eselsohren)

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Besprechung:

Kommunismus und Sex

Es liegt natürlich nahe, aber ich weiß dennoch nicht, wie manche KollegInnen die Behauptung aufstellen können, dieser Roman sei autobiografisch. Würde diese Mutmaßung irgendetwas erklären? Würde sie den Zugang zu „Georgs Sorgen um die Vergangenheit –“ erleichtern?

Denn leicht macht es Jan Faktor seinen LeserInnen nicht, wiewohl das Buch mit scheinbar leichter Hand geschrieben scheint. Soll heißen: Man versteht, worum es geht.

Niederschmetternd

Es geht um einen Jungen, der im sozialistischen Prag aufwächst, in einer großen Wohnung mit vielen eigentümlichen Verwandten (mit Kriegstraumata), bis auf einen Onkel allesamt weiblich. Den Vater, einen Geheimpolizisten oder -agenten, besucht Georg an den Wochenenden in seiner stickig-klebrigen Wohnung.

Sehr eindringlich und nachvollziehbar erzählt Faktor, wie bedrückend und im wahrsten Sinne des Wortes niederschmetternd es war, im real-existierenden Sozialismus aufzuwachsen. Touristen werden aus dieser Perspektive geschilderte Prag nicht wieder erkennen.

Sexuelle Freuden und Nöte

Parallel dazu beschreibt der Ich-Erzähler Georg lustvoll-ironisch sein sexuelles Erwachen sowie seine sexuellen Freuden und Nöte. Ich vermute, dass dies entweder die politischen Verhältnisse widerspiegeln oder einen Kontrapunkt dazu schaffen soll, mir wurde aber die über 600 Seiten lang nicht klar, was von beidem.

Bildlich gesproichen, hat der Roman auf mich wie eine seltsame Lichtbrechung im Prismenspektrometer gewirkt mit einerseits düsteren und stumpfen Farben (Kommunismus) und andererseits sehr kräftigen Farben (Sex). Es kann auch sein, dass Faktor sinngemäß zwei verschiedene Prismenspektrometer verwendet hat.

Prismenspektrometer

Wortgewalt und Komik

Das war für mich zwar ein bisschen verwirrend, hat der Wortgewalt und Komik dieses Romans jedoch kaum Abbruch getan.

Und: Kann man das alles erfinden? Ich denke schon. Doch ob autobiografisch oder nicht, „Georgs Sorgen um die Vergangenheit …“ ist ein anspruchsvolles, mitunter deftiges Lesevergnügen.

Von Werner Schuster
Prismenspektrometer © Suidroot

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Infos:

Leseprobe bei KiWi.

Jan Faktor, 1951 in Prag geboren. Studium der EDV abgebrochen. Verschiedene Arbeitsverhältnisse in Prag und in der Slowakei. Fernstudium. In Prag als Programmierer tätig. 1978 Übersiedlung zu seiner Frau nach Ostberlin. Arbeit als Kindergärtner, Schlosser, Übersetzer. Bis 1989 fast ausschließlich in der alternativen Literaturszene engagiert.
Jan Faktors experimentelle Texte aus dieser Zeit erschienen 1989 in einem Band beim Aufbau Verlag. 1989 wurde Faktor Mitglied des Bielefelder Colloquiums Neue Poesie. In den 90er Jahren brachte der Verlag Gerhard Wolf Januspress seine Arbeiten heraus.

Mehr über Jan Faktor bei Wikipedia.

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