10/02/2013von 535 Views – 0 Kommentare

Serge, Victor: Die große Ernüchterung


Der Fall Tulajew

Roman
Hardcover
509 Seiten
Erschienen 2012 bei Edition Büchergilde
Aus dem Französischen von N. O. Scarpi
Originalausgabe: „L’Affaire Toulaév”, 1948

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Inhalt:

Die späten 30er Jahre in der Sowjetunion, zur Zeit der Großen Säuberung . Ein junger Mann erschießt Oberst Tulajew, der mitverantwortlich ist für Massendeportationen und politische Verfolgungen. Stalins Zentralkomitee nutzt den Mord, um weitere unliebsame Funktionäre, Parteimitglieder und Genossen loszuwerden. Es entsteht ein System aus Angst und gegenseitiger Bespitzelung in dem einer nach dem anderen abgeholt wird und verschwindet. (Pressetext)

Kurzkritik:

Wer immer noch große Stücke auf Stalin hält, sollte dieses Buch lesen. Und wer wissen möchte, wie es ist, unter einer Angst- und Schreckensherrschaft zu leben, auch.

Werner gibt  ★★★★½  (4,5 von 5 Eselsohren)

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Besprechung:

Millionen in Angst

Wer immer noch große Stücke auf Stalin hält, sollte dieses Buch lesen. Und wer wissen möchte, wie es ist, unter einer Angst- und Schreckensherrschaft zu leben, auch.

Ein verwirrter junger Mann, unzufrieden mit seinem Leben und mit den Zuständen in der Sowjetunion, kommt zufällig in den Besitz eines Revolvers. Als er eines Nachts auf Oberst Tulajew trifft, der mitverantwortlich ist an Massendeportationen und politische Säuberungen, erschießt er ihn. Das Zentralkomitee nutzt den Mord, um unliebsame Funktionäre, Parteimitglieder und Genossen loszuwerden.

Der Roman spielt in den späten dreißiger Jahren, der Zeit der Schauprozesse und politischen Säuberungen, die als der „Große Terror“ in die Geschichtsbücher eingegangen ist. 2,5 Millionen Menschen soll das Stalin-Regime allein während der Jahre 1937 und 1938 verhaftet, 680.000 von ihnen hingerichtet haben. Doch das sind „bloß“ Zahlen. Wie soll man sich 680.000 Hingerichtete vorstellen, wie könnte man sich in Millionen Menschen hineinversetzen, die in Angst und Paranoia leben?

Sie werden verschwinden

Serge beschreibt die Auswirkungen des Staatsterrors anhand einiger Protagonisten: eines Oberkommissars der Geheimpolizei, eines Regionalsekretärs der sibirischen Provinz, eines Historikers und auch eines Vertrauten Stalins, der die Kommunisten in Spanien unterstützt hatte. Keiner ist seiner Position oder gar seines Lebens sicher. Nur wenige wollen das wahrhaben, bis sich die Anzeichen verdichten, dass auch sie auf der Abschussliste stehen, bis auch sie eines Tages ebenfalls abgeholt werden und verschwinden.

Ein Teil des Romans spielt in Paris. Hier versucht eine Funktionärstochter, mithilfe französischer Zeitungen die Hinrichtung der Verurteilten zu verhindern. Vergeblich. Ein Genosse erklärt ihr: „Alle Revolutionen haben in Einzelfällen schwere Ungerechtigkeiten begangen. Man muss aber das Ganze betrachten!”

Wir waren dabei

Und so gibt es tatsächlich immer noch getreue Stalinisten, die das Ganze betrachten. Sie werden dieses Buch als Propaganda oder als bloße Fiktion abtun. Victor Serge hat seinem Roman einen Absatz vorangestellt, in dem er festhält, dass „die Wahrheit, wie sie durch den Schriftsteller geschaffen wird, in keiner Weise mit der des Geschichtsschreibers vermengt werden darf.“

„Die große Ernüchterung“ mag kein Tatsachenroman sein, doch erhellt dieser Roman die Realität hinter den Fakten. Wer das Buch gelesen hat, war gewissermaßen dabei. Hat mitgelitten. Weiß, wie es den Menschen ergeht, die aktuell in Diktaturen leben.

Von Werner Schuster

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Infos:

Das meinen andere (Perlentaucher-Rezensionsnotizen).

Victor Serge (1890-1947), Sohn russischer Exilanten, wurde in Brüssel geboren, verbrachte als anarchistischer Aktivist fünf Jahre in einem Pariser Gefängnis und arbeitete nach den russischen Revolutionen für die Comintern als Publizist und Übersetzer. Schon früh kritisierte er die sowjetische Machtpolitik. Nach einigen Jahren in Berlin und Wien wurde er bald nach seiner Rückkehr aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen, verhaftet und in den GULAG geschickt. 1936 durfte er nach internationalen Protesten nach Brüssel auswandern, musste seine Familie jedoch zurück lassen. In seinen letzten zehn Lebensjahren entstanden sieben Romane, die inzwischen international als Klassiker gelten.

Mehr über Victor Serge, über Josef Stalin und über den „Großen Terror“ bei Wikipedia.

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