20/11/2011von 337 Views – 0 Kommentare

Schnelles Geld mit Kafkas „Lisa“

Meinungs-EselOft hast‘ ein Pech. Da wollen die Leute vom jungen Verlag Gehlen & Schulz „bei Schülern und Schülerinnen die Begeisterung am Lesen allgemein steigern“ – und zwar mit einer „neuen Ausgabe von Kafka’s (sic!) berühmtem Roman ,Das Schloss‘“ – und dann ernten sie nur Spott und Hohn.

Zwei Millionen Bücher hat man gedruckt und an Schulen in Österreich und Deutschland verschickt, angeblich als EU-weite Lese-Initiative. Angeblich hat die EU das Projekt mit 345.000 Euro gefördert, allerdings weiß der Pressesprecher der EU-Kommission für Bildung und Kultur nichts davon. Andererseits bekannte Herr Schulz gegenüber der FAZ, dass man bei der Sache nicht schlecht verdient habe.

Und das wäre wahrscheinlich gar nicht weiter aufgefallen, würde die Ausgabe von „Das Schloss“ nicht vor Fehlern strotzen. Allein auf der ersten Seite befinden sich neun davon. Da wird der „Schnee“ zum „Schne“, „niemand“ zu „niemant“ und das Wort „vermieten“ zu „vermiten“.

Wie man so etwas zusammenbringt? – Bei Billigbüchern wird der Text nicht neu gesetzt, sondern eine nicht mehr im Handel befindliche Ausgabe mittels Scanner eingelesen. Unregelmäßige Lettern werden vom Scanner oft falsch gedeutet und die Basis der „Schloss“-Ausgabe von Gehlen & Schulz ist die (übrigens: textkritisch überholte*) Max-Brod-Edition von 1951.

Nun weiß man bei Gehlen & Schulz also, dass man sich bei einem Budget von 345.000 Euro ruhig auch LektorInnen leisten sollte.

Was aber können Gehlen & Schulz aus der Sache noch lernen und wir von ihnen? Dass man ohne Erfahrung nicht einmal schnelles Geld machen kann? Zumal man außer ungeschickt nicht auch noch unbedarft sein darf und sich eine ISBN-Nummer ausborgen (– die im Buch angegebene gehört zum Roman „Lisa“ des Autors Thomas Glavinic). Denn jetzt wird dieses „Schloss“ außer von Rechtschreib-LiebhaberInnen auch vom Hanser-Verlag und von der österreichischen Wirtschaftskammer geprüft.

Ob aus den von Gehlen & Schulz angekündigten weiteren lesefördernden Büchern etwas wird, darf bezweifelt werden.

Werner Schuster

* Siehe dazu auch Traum oder Turner?, eine launige Einführung in die Editionswissenschaft.

P.S.: Es ist alles nicht wahr! Hinter dem Kafka-Buch steckt die österreichische Aktionsgruppe The BirdBase. Sie wollte damit Kritik am österreichischen Bildungssystem üben. „Wenn sich nichts ändert, werden solche Bücher der Normalfall sein“, heißt es in einem Schreiben der Gruppe, die etwa 100 Teilnehmer haben soll, darunter viele Lehrer.


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