12/03/2011von 603 Views – 0 Kommentare

Geschäftsmodell eBook

Werden SchrifststellerInnen ihre Bücher auch in Europa als eBooks selbst verlegen, wie dies Amanda Hocking in den USA sehr erfolgreich macht? Stefan Slupetzky, Silvia Pistotnig sowie die Verlage dtv und Suhrkamp sind davon nicht überzeugt.

Wer ist Amanda Hocking? Die Ex-Altenpflegerin ist Amerikas neue Bestseller-Autorin. Ihre Bücher erscheinen hauptsächlich als eBooks und wurden erst als Papierversionen verlegt, wenn sie sich sehr gut verkauften. Hocking stellt ihre Romane auf Amazon zum Kauf zur Verfügung und setzt inzwischen ungefähr 100.000 eBooks pro Monat ab. Und im Vergleich zu anderen AutorInnenen erhält sie von Amazon 70 Prozent der Umsätze ausgezahlt – eine Marge, von der Print-Autoren nur träumen können.

Bei diesen ist üblich:
– Eine Beteiligung an den verkauften Hardcoverausgaben in Höhe von acht bis zehn Prozent vom Nettoladenpreis sowie zusätzlich ein gestaffeltes Honorar bei besonderen Verkaufserfolgen.
– Eine gestaffelte Beteiligung zwischen fünf und acht Prozent beim Verkauf von Taschenbuchausgaben, abhängig von der Verkaufszahl.

Nicht mehr zu unterscheiden

Der „Spiegel“ schreibt: „Über Jahrzehnte galt der Selbstverlag als letzter Ausweg, wenn man keinen Verlag finden konnte, selbst Hocking schildert das ähnlich (siehe ihr Spiegel-Interview. Die bei Zuschussverlagen, bei denen man den Druck selbst zahlt, oder bei BoD veröffentlichten Bücher kamen aber nie in den Buchhandel. Genau da liegt der Vorteil des Geschäftsmodells eBook: Im virtuellen Bücherregal ist ein Verlagsbuch von einem Selbstverlegten nicht mehr zu unterscheiden – und weltweit zu haben. Zumindest außerhalb Deutschlands entsteht so gerade ein zweiter, alternativer Buchmarkt. Anfang Februar gab der weltweit größte Buchhändler Amazon bekannt, dass die Zahl der Kindle-eBook-Verkäufe bei ihm nun auch die Zahl der Taschenbuchverkäufe überholt habe.“

Geistiges Fast-Food

Sind selbst verlegte eBooks eine Option für AutorInnen? Stefan Slupetzky („Der Fall des Lemming“) kann sich das momentan nicht vorstellen, seine Bücher selbst zu publizieren. „Zwar besitze ich sogar einen E-Book-Reader, aber das Lesen damit hinterlässt immer einen Nachgeschmack von geistigem Fast-Food. Und das dürften die Texte ja auch sein, die derzeit im englischen Sprachraum auf dem E-Book-Markt so reüssieren.“ Was gehaltvolle Literatur betrifft, ist Slupetzky „ein vorsintflutlicher Verfechter der Gewaltentrennung; es liegt für mich auf der Hand, dass Schriftstellern, die sich in erster Linie um ihre Selbstvermarktung kümmern, weniger Zeit und Kraft fürs Schreiben bleibt.“ Gleichzeitig empfindet er beim Lesen des Berichts über A. Hocking auch eine gewisse Verbitterung, „weil sich ,herkömmliche’ Literaten mit Tantiemen zwischen 6 und 10 Prozent am Erlös ihrer Arbeit begnügen müssen“.

Reputation

Silvia Pistotnig („Nachricht von Niemand“) erinnert die Entwicklung es Selfpublishing an die der Musikbranche. „In beiden Fällen ist man – zumindest im deutschsprachigen Raum – nach wie vor der Ansicht: Solang es kein Verlag bzw. Label angenommen hat, bietet es keine Qualität. Eine arrogante Haltung, aber wer Literatur in Verkaufszahlen oder tatsächlichen LeserInnenzahlen messen will, kommt oft nicht weit.“ Pistotnig würde auf alle Fälle den klassischen Weg wählen, in erster Linie aus Reputationsgründen. „Bin ich aber von einem Manuskript überzeugt und kein ist Verlag bereit, es zu publizieren, würde ich mir Selfpublishing überlegen. Es in einer Lade liegen zu lassen, wäre mir wirklich zu schade. Ein Buch ist schließlich Herzblut und Schweiß.“

Eine Steuernummer in den USA

Allerdings scheint eBook-Selfpublishing in Europa nicht so einfach wie in den USA zu sein. In einem Gastbeitrag fürs literaturcafe.de meint Andreas Exner vom Storyhouse Verlag: „Für Autoren ist es am besten, wenn ihr Verlag direkte Verträge mit Apple und Amazon unterhält. Dies bedingt allerdings eine Außenstelle oder zumindest eine Steuernummer in den USA, weil anders (derzeit) nicht an diese Direktverträge heranzukommen ist. (…) In Deutschland muss natürlich auch ein Vertrag mit mindestens einem der großen Barsortimenter bestehen (z.B. Libri), sonst sind viele professionelle Plattformen des deutschen Buchhandels nicht zugänglich. Das ist aber wichtig, wenn sich der Titel von der klassischen Eigenproduktion differenzieren soll.“

Aktuell keine Gefahr

Dennoch registriert man etwa beim Deutscher Taschenbuch Verlag eine zunehmende Anzahl von AutorInnen, die ihre Texte z.B. für den Kindle erfolgreich selbst veröffentlichen. Geschäftsführer Christian Rapp sieht durch diese Entwicklung jedoch „für uns als Buchverlag aktuell keine Gefahr. Wir werden uns wie bisher auf unsere Kompetenz und Stärke konzentrieren, unsere Autoren möglichst optimal zu unterstützen, bei der Vermarktung der Printausgaben, aber auch durch das Publizieren der Buchinhalte in elektronischer Form als eBooks oder Apps.“

Wichtige Ergänzung

Auch für Tanja Postpischil, Presseleitung Suhrkamp Verlag, wird das E-Book das gedruckte Buch niemals vollständig ersetzen, „jedoch eine zunehmend wichtige Ergänzung darstellen. Auch wir werden künftig einen großen Teil der Novitäten sowohl als gedrucktes Buch als auch als eBook anbieten und planen, unser eBook Angebot sukzessive um Titel der Backlist zu erweitern. Es wird aber immer auch Bücher geben, die nur in gedruckter Form erscheinen. Einerseits, weil die rechtliche Situation keine Publikation als eBook zulässt, andererseits, weil wir mit Blick auf die Besonderheiten des jeweiligen Buches, zum Beispiel die Ausstattung, eine digitale Fassung für ungeeignet halten.“

Werner Schuster


Mehr Infos:

Mehr über eBooks bei Wikipedia.

Verleg dich selbst – und mach Millionen!
Amanda Hockins Blog
Praxistipps für iBooks und Kindle: So wird Ihr eBook ein Erfolg

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