28/03/2010von 338 Views – 0 Kommentare

Verwunschen

Aus einer Laune heraus wollte kürzlich unbedingt „Verwunschen“ von André Heller hören. Und es war „bitter und süß“.

Nun ist Heller allerdings jemand, den man, wenn man ihn mag, vor seinen Feinden dermaßen in Schutz nehmen muss, dass man entweder übertrieben begeistert tut oder Öl ins Feuer der Kritiker gießt. (So wie man in Wien seinerzeit Burgtheater-Direktor Claus Peymann nach außen hin nur vorbehaltlos lieben konnte, weil er von so vielen grundsätzlich abgelehnt worden ist.)

Sonst könnte man sich ja vielleicht darauf einigen, dass Heller auf „Verwunschen“ viel des Guten und des Guten manchmal zu viel getan hat.

Rainer, Brandenstein, Jonke, Clemencic, Hubbard, Stricker, Ratzer, –

Allein die Aufmachung: Ein Booklet mit Original-Werken von Arnulf Rainer, Fotografien von Gabriela Brandenstein und einem Text von Gert Jonke. Dann die mitwirkenden KünstlerInnen: Peter Wolf, Vince Colaiuta, René Clemencic, Toots Thielemanns, Freddie Hubbard, Toni Stricker, Carl Ratzer, –

Großteils wunderbare, aber nicht große Texte in herrliche Arrangements verpackt – und von Heller selbst auf eine Art und Weise dargeboten, in der das Pathos bis über die Schmerzgrenze hinaus ausgereizt wird. Wenn das denn tatsächlich ein bewusster Akt gewesen ist.

Denn als Sänger kannte Heller keine Distanz zum Gesungenen. Das zeigt sich etwa auch am Album „Heurige und gestrige Lieder“, wo Helmut Qualtinger immer nur so tut, als glaube er an das, was er singt, während Heller glaubt, dass er es glaubt.

Künstlerisch und künstlich

Doch so wird die Zeile „Mein Gott, das ist alles schon so lang her“ aus „Bitter und süß“ (wir sind wieder auf „Verwunschen“) eben unglaubwürdig, und wenn Heller die, von einem Countertenor gesungenen, Zeilen des „Schnitterliedes“ wiederholt, so wirkt der Countertenor künstlerisch und Heller künstlich.

Das Titellied aber und „– oder was?!“ („Beim ersten Mal ist‘s Verstecken, beim zweiten Mal ist‘s Entdecken, Beim dritten Mal ist‘s Verrecken, oder was?!“) sind aus meiner Sicht ebenso makellos wie „Miruna, die Riesin aus Göteborg“ (wenn ich auch heute immer noch nicht nachvollziehen kann, dass der Südwind „nach Gummi Arabicum“ riecht; aber das macht er vielleicht nur, damit sich‘s auf „Ich nähe euch Hochzeitskleider um die frierenden Seelen herum“ reimt).

Jedenfalls hat er diese LP (bis auf „Intro“ und „Extro”) 1991 zur Gänze in seine „Kritische Gesamtausgabe“ aufgenommen, als er verkündete, nicht mehr länger „den Märchenhund aus Wien“ machen zu wollen, sprich: als Liedermacher aufzuhören.

Flic Flac

Dass er das nicht durchgehalten hat, kreide ich ihm nicht an. Ich kreide ihm überhaupt nichts an, habe sein Wiener Konzert aus dem Jahre 1981 mit einem Weltmusik-Ensemble noch in bester Erinnerung, weiß von „Flic Flac“ kaum mehr etwas, und habe seine Aktionen, Installationen und Inszenierungen über die Jahre mitverfolgt, ohne viel davon gesehen zu haben.

Dass er dabei vom Guten manchmal eben zu viel getan hat, gehört einfach zu seiner Persönlichkeit, und das ist mir lieber als „vom Guten zu wenig, vom Wenigen z‘viel“, wie er in „Lachen S‘ nur“ auf der oben erwähnten LP „Heurige und gestrige Lieder“ ein wenig übertrieben gesungen hat.

Werner Schuster


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