30/05/2008von 550 Views – 0 Kommentare

Canon, James: Der Tag, an dem die Männer verschwanden

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Buchcover
Roman
Aus dem Amerikanischen von Sky Nonhoff
Hardcover: Ullstein, 2008
Taschenbuch, List, 2009
(“Tales from the Town of Widows & Chronicles from the Land of Men”, HarperCollins, 2007)
Inhalt:

In Mariquita sind die Frauen auf sich gestellt. Seit Guerillakämpfer mit den Männern davonzogen, versinkt das kolumbianische Dorf in den Tränen der Frauen. Bis Doña Rosalba das Heft in die Hand nimmt und eine kleine Welt entsteht, die friedlicher nicht sein könnte. Ein Roman voller Wunder über die Absurdität des Krieges, erzählt in der Tradition der großen südamerikanischen Literatur. Staunend folgt man dem Autor in seine Heimat, an einen Ort, an dem die Zeit einfach stehenbleibt, als die Männer im Krieg endlich zu weinen beginnen. (Pressetext)

Kurzkritik:

Dieser Roman ist eine Entdeckung – mit kleinen Einschränkungen. Bei Canons magischem Realismus überwiegt das Realistische, sodass für mich manche magische Episode unglaubwürdig bleibt. Auch ist der Roman nicht souverän aufgebaut (– was man von einem Erstling allerdings auch nicht ernsthaft verlangen kann). Doch das sind Beckmessereien, die mein Vergnügen an diesem Buch so gut wie gar nicht getrübt haben.

Werner gibt  ★★★★☆  (4 von 5 Eselsohren)

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Besprechung:

Eine freudvolle Alternative

Dieser Roman ist eine Entdeckung – mit kleinen Einschränkungen: Guerillakämpfer verschleppen sämtliche Männer eines kolumbianischen Dorfes, das diese bis dahin dominiert haben. Die Frauen sind anfangs wie gelähmt und lassen das Dorf verkommen, doch nach einem schrecklichen, kathartischen Erlebnis organisieren sie gemeinsam ihr Überleben und führen schließlich eine Art Matriarchat ein, das James Canon nicht als Paradies auf Erden, aber doch als (arbeits- und) freudvolle Alternative zu patriarchalen Strukturen schildert. – Parallel dazu beschreibt er das Leben von Männern im Bürgerkrieg außerhalb dieses Dorfes.

Er tut dies mit einer hinreißenden Erzählfreude, welche die Personen und Geschehnisse sehr plastisch darstellt, – und mit einem magischen Realismus, bei dem allerdings das Realistische überwiegt, sodass für mich manche magische Episode unglaubwürdig bleibt. Vor allem das wohl als Wendepunkt gemeinte Kapitel “Die Heimsuchung von Mariquita”, in welchem vier jungen Männern, die den Guerillas einst zu jung waren und jetzt zur Nachwuchssicherung herangezogen werden sollen, über Nacht die Zeugungsfähigkeit unter höchst sonderbaren Umständen abhanden kommt.

Weiblichen Zeitrechnung

Auch ist der Roman nicht souverän aufgebaut (– was man von einem Erstling allerdings auch nicht ernsthaft verlangen kann), die einzelnen Kapitel verweisen manchmal zu wenig aufeinander und viele der in diesen Kapiteln angerissenen Themen ziehen sich nicht durch den Roman, sondern tauchen an späterer Stelle eher unvermittelt wieder auf. So wird man etwa auf das In-Kraft-Treten “kommunistischer” Eigentumsverhältnisse im Kapitel 11 nicht vorbereitet – auch wenn das Thema “Privat- versus Gemeinschaftseigentum” im 5. Kapitel (“Die Witwe, die ein Vermögen unter ihrem Bett fand”) am Rande behandelt wird. Und die Einführung einer weiblichen Zeitrechnung in Kapitel 10 kommt überhaupt wie aus heiterem Himmel.

Doch von mir aus sind das Beckmessereien, die mein Vergnügen an diesem Buch so gut wie gar nicht getrübt haben. Und meine kritischen Anmerkungen bedeuten nicht, dass ich den zweiten Roman von James Canon nicht freudig erwarte.

Von Werner Schuster

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Infos:

James Canón, geboren 1968 in Kolumbien, ging nach Abschluss einer Ausbildung in der Werbebranche nach New York, um Englisch zu lernen. An der Columbia University studierte er Creative Writing. Einige seiner Erzählungen wurden in verschiedenen literarischen Zeitschriften veröffentlicht. 2001 wurde er mit dem Henfield Prize for Excellence in Fiction ausgezeichnet. Der Tag, an dem die Männer verschwanden ist sein erster Roman.

Über James Canon auf seiner Homepage.

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