20/07/2012von 596 Views – 0 Kommentare

Rothmann, Ralf: Gethsemane

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Cover Rothmann Gethsemane
  • Erzählungen
  • Hardcover
  • 47 Seiten
  • Erschienen 2012 bei Insel

Inhalt:

„Es ist schwer zu sagen, welche Geschichte die beste ist. Wenn Rothmann ein amerikanischer Erzähler wäre, würden wir ihn in Goldpapier umwickelt in den Bücherhimmel heben“ – so schrieb ein Kritiker in der Süddeutschen Zeitung. Ralf Rothmann selbst hat nun aus den Erzählbänden „Rehe am Meer“ und „Ein Winter unter Hirschen“ zwei Erzählungen ausgesucht, Meisterstücke seiner Erzählkunst. „Gethsemane“ und „Schicke Mütze“. Und sie wurden nicht mit Goldpapier umwickelt, sondern mit dem besonderen Umschlagpapier des Jubiläumsprogramms der Insel Bücherei. (Pressetext)

Kurzkritik:

Man wird diese Erzählungen wieder und wieder lesen, bei weitem nicht nur, weil man sich fragt, ob man etwas Wesentliches übersehen hat. Denn sie weisen über ihren realistischen Kern hinaus und werfen die Lesenden auf sich selbst zurück. Bei Rothmann nimmt man Anteil an den Figuren – und an Aspekten von sich selbst, die aufzuwühlen nur großer Kunst – oder dem Leben selbst – gelingt.

Werner gibt  ★★★★¾  (4,75 von 5 Eselsohren)

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Besprechung:

Aufwühlend wie das Leben

In die Insel Bücherei aufgenommen zu werden, ist eine Auszeichnung und Ralf Rothmann widerfährt diese zu Recht. Die von ihm dafür ausgewählten Erzählungen machen nicht nur Lust auf mehr. Mit welch beiläufiger Leichtigkeit wird hier erzählt!

„Schicke Mütze“ fängt mit der lapidaren Feststellung an: „Berlin ist ein Dorf“. Nach einer kurzen Begründung führt der Ich-Erzähler auf den Kiez. Ein Teil seiner „dörflichen Freuden“ ist die tägliche Kanalrunde.

Dorftrottel

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„Zu einem Dorf gehören bekanntlich auch Trottel“, fährt er fort, beschreibt schließlich einen davon. Der nennt sich Mütze (wohl weil ihm seine einmal „die Mafia“ geklaut hat), glaubt, dass er bei der Mordkommission arbeitet.

Sein dunkelblondes, in die Stirn gekämmtes Haar war über den Brauen zu einem akkuraten Prinz-Eisenherz-Pony geschnitten, was nur betonte, wie schief die schmutzige, an einem Scharnier mit Kupferdraht ausgebesserte Brille saß.

Der Erzähler hält ihn für elf oder zwölf. Und Mütze hat einen Hund dabei, genannt Zwölf.

(…) so ein richtiger Seelenbrand, etwa die Liebe zu einer Frau, ist mir, ich gebe es zu, im Leben nicht geglückt. Und wenn, dann auch nie auf den sogenannetn ersten Blick. Das Wunder blieb mir verschlossen. Jedenfalls bis zu dem Tag, an dem ich diesen Hund sah.
(…)
Der Hund war erleuchtet, und unwillkürlich blieb ich stehen und sagte: „Was willst du für ihn haben?”

Stiller Adel

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Er bekommt ihn nicht gleich und erst im Tausch mit seinem alten, unbenutzten Führerschein. Zwölf folgt ihm ohne Aufforderung, „so als gehörten wir seit jeher zusammen.“ Er „war ungefähr so strapaziös wie mein Schatten”, „lief kaum je einer Hündin nach“. Auch angegriffen wurde er nicht, „sogar Kampfhunde beschämte sein stiller Adel.“

Eines Tages rettet er ihm das Leben, als er sich weigert, über die Straße zu gehen. Wäre der Besitzer nicht stehengeblieben, hätte ihn Mütze – verfolgt von zwei Zivilstreifen – mit einem Auto niedergemäht.

Mützes Ende

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Der Schluss lässt sich schwer wiedergeben: Es nimmt kein gutes Ende mit Mütze, doch dem Erzähler liegt mehr an seinem Hund als am verunglückten Dorftrottel – und wahrscheinlich auch mehr als an seiner Freundin „für diese Zeit”.

Worum geht es in dieser Erzählung? Um die Liebe zu einem Hund? Um die Bewunderung (s)einer Lebensart? Um integrierte Außenseiter? Um einen Berliner Stadtteil? – Wahrscheinlich. Doch welche „Saiten“ der LeserInnen Rothmann mit „Schicke Mütze“ zum Schwingen bringt, lässt sich nicht bestimmen. Über dem realistischen Grundton schwingen oder klingen bei mir selbst beim wiederholten Lesen jedes Mal andere.

Gut zusammenreimen

Und „Gethsemane“? Darin geht Raul wie so oft morgens schwimmen und will um neun Uhr Marie, seine Freundin seit 20 Jahren, im Spital besuchen, wo er kaum von ihrer Seite gewichen ist vor und nach ihrer schweren Operation. Man erfährt wenig über das Leben der beiden und kann es sich doch gut zusammenreimen. Als Raul in Maries Zimmer kommt, ist das Bett leer, und man weiß nicht, ist sie gestorben oder bloß bei einer Untersuchung. – Man wird diese knapp 14 Seiten wieder und wieder lesen, bei weitem nicht nur, weil man sich fragt, ob man etwas Wesentliches übersehen hat. Denn auch diese Erzählung weist über ihren realistischen Kern hinaus und wirft die Lesenden auf sich selbst zurück.

Bei Rothmann nimmt man Anteil an den Figuren – und an Aspekten von sich selbst, die aufzuwühlen nur großer Kunst – oder dem Leben selbst – gelingt.

Von Werner Schuster

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Infos:

Ralf Rothmann wurde 1953 in Schleswig geboren und wuchs im Ruhrgebiet auf. Nach der Volksschule (und einem kurzen Besuch der Handelsschule) machte er eine Maurerlehre, arbeitete mehrere Jahre auf dem Bau und danach in verschiedenen Berufen (unter anderem als Drucker, Krankenpfleger und Koch). Er lebt seit 1976 in Berlin.

Mehr über Ralf Rothmann bei Wikipedia.

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