Mandanipur, Shahriar: Eine iranische Liebesgeschichte zensieren

10. Mrz. 2010 | von

BuchcoverIn diesem Buch leidet man mit dem Liebespaar, mit dem Autor – und alsbald auch mit dem gesamten iranischen Volk mit.

Erschienen 2010 bei Unionsverlag
Aus dem Englischen von Ursula Ballin
Originalausgabe: „Censoring an Iranian Love Story“, 2008

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In Gedanken, Worten und Werken

Ich habe schon lange kein dermaßen intelligentes und vergnügliches Buch gelesen, wiewohl die Handlung von „Eine iranische Liebesgeschichte zensieren“ eher unangenehm bis erschreckend ist.

Der iranische Autor Shahriar Mandanipur berichtet, dass er eine Liebesgeschichte schreiben möchte und dass so etwas im Iran eigentlich unmöglich ist. Das beginnt damit, dass es dort Liebenden verboten ist, sich allein zu begegnen. Und dass ein Zensor darüber wacht, dass das iranische Volk nur ja nicht – und schon gar nicht durch Kunst – zu unzüchtigen Gedanken, Worten und Werken angestiftet werden könnte.

(Selbst-)Zensur

Mandanipurs Buch beinhaltet nun einerseits die Liebesgeschichte, in der er der Vorsicht halber gleich selbst „anstößige“ Passagen streicht:

Teherans Luft ist erfüllt vom Duft der Frühlingsblüten und Abgase, von giftigen Düften aus Tausendundeiner Nacht, sie umschlingen, vereinigen sich, sie flüstern sich Geheimnisse zu. Die Stadt treibt durch die Zeiten –

Dazwischen stehen Passagen (in „Normalschrift“), die nicht direkt zur Liebesgeschichte gehören, die auch der Zensor niemals zu Gesicht bekommen wird, sondern nur die LeserInnen.

– Zum Himmel gestreckte Fäuste – Doch der Himmel schweigt und lässt kein Wunder geschehen.
Vielleicht liegt es an dieser Fäusten, dass vom heiligen Himmel Irans niemals ein wunder herabsteigt. (–) Und ich glaube, kein anderes Land fleht so inständig um den baldigen Anbruch des Auferstehungstags.

Zu Beginn fragt man sich noch –

Was sich wie ein kompliziertes und sperriges Unterfangen anhört, liest sich zwar als ungewöhnlicher, aber nicht als schwer verständlicher Roman, bei dem man sich zu Beginn vielleicht noch fragt, ob und wie lange Mandanipur das Kunstmittel durchhält, zusätzlich zur Geschichte auch ihre Entstehung zu beschreiben.

Er hält es nicht nur bis zum Schluss durch, er überrascht auch durch immer wieder neue Perspektiven. Und wenn auch die – ohnedies unmögliche – Liebesgeschichte dabei mehr oder weniger auf der Strecke bleibt, so erzählt Mandanipur doch auf beinahe schon satirische Weise vom Leben im Überwachungsstaat Iran.

Furcht und Mitleid

Und seltsamerweise funktioniert alles: Man leidet mit dem Liebespaar und dem Autor – und alsbald auch mit dem gesamten iranischen Volk mit, das sich so gut wie alle Freuden (u.a. Musik und unzensierte Filme), die etwa für WesteuropäerInnen selbstverständlich sind, erschleichen und erkämpfen muss. Und das dabei in ständiger Gefahr ist, verhaftet und gefoltert zu werden.

Zugleich verfolgt man amüsiert, dass sich Liebe und Kunst auch unter solchen Voraussetzungen nicht vollständig unterdrücken lassen.

Mandanipur unterhält uns auf mehreren Ebenen, während er uns die Augen öffnet für das Schöne und Wunderbare ebenso wie für das Bedrohliche und Entsetzliche. Bis auf Widerruf ist „Eine iranische Liebesgeschichte zensieren“ für mich das Buch des Jahres 2010.

Von Werner Schuster

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Infos

Über Shahriar Mandanipur beim Unionsverlag,
mehr von Unionsverlag bei „Eselsohren“.

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Kategorie: Romane & Erzählungen | Schlagwörter: , , ,

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